Meisterliche Bouquets aus dem Goldenen Zeitalter

Gotha  Das Goldene Zeitalter hält Einzug in Gotha: Die Stiftung Schloss Friedenstein zeigt Stillleben Balthasar van der Asts (1593/94-1657) und bereitet ih­ren Besuchern nicht nur eine üppige Augenlust, sondern obendrein eine Anmutung von Wohlstand und Weltläufigkeit.

Ein einziges Blumenstillleben Balthasar van der Asts weiß Kurator Timo Trümper im Besitz der Gothaer Museen. Es stiftete die Foto: Peter Michaelis

Ein einziges Blumenstillleben Balthasar van der Asts weiß Kurator Timo Trümper im Besitz der Gothaer Museen. Es stiftete die Foto: Peter Michaelis

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Wer solche Gemälde – mit gebührendem protestantischen Un­der­state­ment – vorzeigen kann, hat es bis ganz nach oben gebracht. So zumindest galt es zu Lebzeiten des Delfter Malers, und Spitzenpreise erzielen seine Meisterwerke auch heute wieder auf dem weltweiten Kunstmarkt.

Da wundert‘s, dass die umtriebigen Gothaer in Kooperation mit dem Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen, die überhaupt erste monografische Van der Ast-Ausstellung konzipiert haben. Doch zum einen geriet der Maler alsbald nach seinem Ableben aus der Mode und in Vergessenheit; zum anderen befindet sich ein Gutteil seines nicht allzu voluminösen Œuvres in Privatbesitz und ist über den halben Erdball verstreut.

So steckt hinter dieser Kabinettausstellung in den beiden Niederländersälen des Gothaer Herzoglichen Museums kuratorische Kärrnerarbeit. Monatelang haben Timo Trümper und seine beiden Aachener Kolleginnen Sarvenaz Ayooghi und Sylvia Böhmer recherchiert und Überzeugungsarbeit geleistet.

Blumen über Blumen. Prima vista fühlt der Betrachter sich beinahe ratlos angesichts der floralen Pracht, aber auch des sehr eingeschränkten Motivrepertoires des Künstlers. Ein paar Schnecken, Muscheln, Insekten oder Reptilien garnieren die in ausgeklügelter Lichtführung inszenierten Bouquets. Die Plastizität und Präzision der Darstellungen sind schier stupend. „Schöner als die Wirklichkeit“ haben die Kuratoren deshalb als hintersinnigen Titel der Schau gewählt.

Denn unter der glänzenden Oberfläche feinmalerischer Exzellenz liegt großartige Kulturgeschichte verborgen: Letztlich dokumentieren diese stummen Zeugen den sittsamen Reichtum einer kleinen, zur seefahrenden Großmacht aufgestiegenen Handelsnation. Die calvinistischen „Pfeffersäcke“ importierten über ihre etablierte Ostasien-Route an Gewürzen, Pflanzen und anderen Exotika, was das begüterte Herz in Europa begehrte. Doch weil eher ein Kamel durchs Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel kommt, war damals in Holland jeglicher offensichtliche Protz verpönt.

Einen anderen Aspekt liefert der naturkundliche Fortschritt. Balthasar van der Ast, über den nur wenige biografische Details bekannt sind, stammt aus Middelburg, das sich seinerzeit zu einem frühen Zentrum der wissenschaftlichen Optik entwickelt hatte. Ebendort soll auch Zacharias Janssen (1588-1631) das Lichtmikroskop erfunden haben – das ideale Instrument für das Studium der Natur.

So leuchtet ein, warum Van der Ast in derart idealischer Detailtreue malen konnte, dass nahezu jede Blume, Muschel oder Schnecke sich von kundigen Biologen bestimmen lässt. Kurator Trümper hat deshalb seinen Kollegen Ronald Bellstedt gebeten, die Kunstschau um entsprechende Präparate aus der Gothaer naturkundlichen Sammlung zu ergänzen. Und in der Tat zeigt Van der Ast diese Flora und Fauna schöner als die Wirklichkeit: Auf dem Gothaer Bild „Blumen in einem Römer“ etwa sitzt eine Fliege; erst der zweite Blick offenbart: Nein, der dreiste Krabbler hockt nicht auf der Lasur – sondern darunter. So gibt es in dieser Schau viel zu entdecken ...

3. Juli-3. Okt., Di-So 10-18 Uhr, Mo 10-17 Uhr. Eröffnung: morgen, Sa, 14 Uhr. Katalog (232 S., 29.95 Euro) im Michael Imhof Verlag

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