Alexej Barschewitsch rettet Sinfoniekonzert in Gotha

Es war ein rundes Sinfoniekonzert, obwohl Konzertmeister Alexej Barschewitsch kurzfristig für den erkrankten Solisten einsprang.

Alexej Barschewitsch spielte Mozarts A-Dur-Violinkonzert und rettete damit einen wunderschönen Konzertabend. Archivfoto: Dieter Albrecht

Alexej Barschewitsch spielte Mozarts A-Dur-Violinkonzert und rettete damit einen wunderschönen Konzertabend. Archivfoto: Dieter Albrecht

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Gotha. Schon immer wollten wir ihn länger spielen hören als nur mal so in diesem oder jenem Solo innerhalb eines Orchesterwerks - den Konzertmeister Alexej Barschewitsch. Ein eigentlich bedauerlicher Anlass hat's nun möglich gemacht: Der für das jüngste Sinfoniekonzert der Anrechtsreihe A engagierte Pianist Bernhard Endres musste seinen Auftritt mit Beethovens 4. Klavierkonzert ganz kurzfristig wegen Krankheit absagen. Was tun?, fragten sich die Thüringen-Philharmoniker am Morgen des Konzerttags. Und entschlossen sich zu improvisieren: Barschewitsch erklärte sich bereit, Mozarts berühmtes A-Dur-Violinkonzert zu spielen.

Zuvor gab es planmäßig die Ouvertüre zu Christoph Willibald Glucks Oper "Orpheus und Euridike": Ein kurzes, anregendes Stück Orchestermusik, frisch musiziert unter der Leitung des Gastdirigenten Victor Puhl (gesprochen: Pühl).

Dann also Barschewitsch. Mehr Lampenfieber als gewöhnlich hatten sie wohl alle - er vorn an der Rampe und seine Kollegen hinter ihm. Und dazu noch die typische, für heutige Verhältnisse klein zu nennende Mozart-Besetzung, in der man den kleinsten Patzer hören kann. Die Musiker meisterten die Herausforderung, spätestens im 2. Satz war die gewohnte Souveränität wieder da.

Spielt Barschewitsch ein besonders sanftes Instrument oder hätte er die Pianissimo-Stellen einfach nur mit etwas mehr Kraft angehen müssen, um sein Solo besser vom Orchester abzuheben? Davon abgesehen, stellte er sich seinem Publikum als technisch versierter, hochsensibler Musiker dar. Er lieferte eine sehr inspirierte Interpretation, behandelte den lyrischen langsamen Satz ausgesprochen feinsinnig, spielte glänzende Kadenzen mit absolut sauberen Doppelgriffreihen und demonstrierte besonders im 3. Satz so galant wie einfühlsam seine überzeugende Version der Leichtigkeit des Seins.

Der Beifall des Gothaer Publikums für seinen Konzertmeister war so heftig, dass Barschewitsch schließlich eine Zugabe spielte, und die sprach für den Humor ihres Interpreten: eine verkürzte Fassung der Paganini-Variationen über eine neapolitanische Canzonetta, hierzulande besser bekannt unter dem Text "Mein Hut, der hat drei Ecken". Schließlich animierte der Solist die Hörer im Saal, selber zu singen - ein Hauch von "Night of the Proms" durchwehte den Saal - und schritt, immer leiser werdend, durch die Reihen seiner Kollegen zum Bühnenausgang.

Nach der Pause erklang die nach dem Sinfoniefragment e-Moll komponierte eigentliche 1. Sinfonie d-Moll des Alexander von Zemlinsky (1871 bis 1942). Hochdramtische Elemente, die an Brahms erinnern, Blechbläsersätze fast wie bei Bruckner - es ist das Werk eines jungen Komponisten, der erst auf dem Weg zu einem markanten Personalstil ist, ungeachtet dessen aber von einer ausgeprägten Erfindungsgabe und einem unbändigen Ausdruckswillen kündet. Der kräftige Beifall, der dem Orchester wie dem Dirigenten, aber sicherlich auch dem Werk galt, bewies: Diese Sinfonie hatte den Weg in die Herzen der Hörer gefunden.

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