„Der Mann von La Mancha“ in Meiningen als Musicaltraum

Meiningen  Don Quijote, das bin nicht ich! Am Meininger Staatstheater zeigen sie „Der Mann von La Mancha“ als einen Musicaltraum des Möglichen.

 Michael Jeske als Don Quijote (l.) und Renatus Scheibe als Sancho Pansa im Meininger Musical „Der Mann von La Mancha“.

 Michael Jeske als Don Quijote (l.) und Renatus Scheibe als Sancho Pansa im Meininger Musical „Der Mann von La Mancha“.

Foto: Marie Liebig

Ein Mann der Renaissance träumt sich zurück ins Mittelalter: das nicht nur längst vergangen ist, sondern das es so auch nur in Ritterromanen gegeben hat. Er ist, als Romantiker, seiner Zeit zugleich voraus. Ein Held mit Roman-Tick.

Alonso Quijano heißt er, mittelloser Landjunker in der Mancha. Doch Don Quijote wird er sich nennen, sodann gegen Windmühlen kämpfen und tiefste Spuren in der Weltliteratur hinterlassen: als Protagonist einer Satire, aus dem ein Prototyp der Einbildungskraft wurde, mit allem Wohl und Wehe. Er begreift die Welt als Wille und Vorstellung.

Oder, wie es im Musical von Dale Wasserman, Mitch Leigh und Joe Darion heißt: „Er träumt den unmöglichen Traum, bekämpft den unschlagbaren Feind, erträgt den untragbaren Kummer,...“ Ein Lob der Realitätsverweigerung, die Gegenrede zu Kanzler Schmidt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“

Sie singen das jetzt voller Inbrunst in Meiningen, wo „Der Mann von La Mancha“ jüngste Premiere feierte. Die Titelfigur ist nicht (nur) Don Quijote, der Ritter von der traurigen Gestalt, sondern Cervantes, der Dichter der hoffnungsfrohen Gestaltung. Mit Kostüm- und Requisitenkisten sowie seinem Diener landet er im Gefängnis. Während er auf die Inquisition wartet, spielt er um sein Leben: vor all den Gefangenen, die ihm ans Leder wollen und die er zu Mitspielern macht. Cervantes’ Knasttheater.

Kein Wille jenseits des Unterhaltungstheaters

Regisseur Kurt Josef Schildknecht, langjährig Intendant in Saarbrücken gewesen, und Ausstatter Helge Ullmann verorten das in unserer Gegenwart: mit hohen Gittern und Stacheldraht im Hintergrund sowie orangener Häftlingskleidung, wie sie unter anderem in den Vereinigten Staaten recht üblich ist. So fügen sie eine zeitliche Dimension hinzu: Die Häftlinge, unter deren anderen Kostümteilen das Hier und Jetzt immer orange aufleuchtet, spielen Renaissance, in der ein einzelner Mittelalter spielt. Das erzählt von Fluchten aus der Wirklichkeit in fantastische Vergangenheiten als jederzeit möglicher Option. Nicht mehr, nicht weniger.

Der Rest ist Theater: das sie hier weniger spielen als vielmehr zeigen.

Zwar, es geht um eine Romanfigur. Doch der Ort, an dem ein Bartbecken als Goldhelm gelten darf, ein einfaches Weib als Königin und, wie hier, Pauschenpferd und Sprungbock als Reittiere, ist das Theater. Es ist die Gegenwelt, eine Alternative.

Das funkelt durch die Meininger Inszenierung hindurch. Aber sie verteidigen es nicht, sie verraten es. Dafür steht die Titelrolle pars pro toto.

Michael Jeske spielt und singt Don Quijote weniger wie ein Cervantes, mehr wie ein Theaterdirektor Striese es tun würde, in einer alten Komödie der Brüder Schönthan. Er schmiert ihn aufs Brett: in einer Haltung mehr der hohlen Geste als in der eines vollen Herzens.

Der stämmige und gestandene Schauspieler kokettiert damit, das ihn die Zuschreibung „hager, hohlwangig“ als vermeintliche Fehlbesetzung ausweist. Nein, Jeske ist kein Josef Meinrad, der die Rolle(n) einst in Wien zum Erfolg führte, kein Peter O‘Toole, der das im Kino versuchte, auch kein Ulrich Matthes, der an diesem Wochenende als Quijote in Berlin Premiere feierte (nicht im Musical, sondern in einem Zweipersonenstück). Das ist gar kein Problem.

Das Problem ist: Er trennt Cervantes von Quijote, wo sie verschmelzen müssten. Er singt „Ich bin ich, Don Quijote“. Er spielt: Das bin nicht ich.

Der Spieler, der Träumer, der Dichter seines Lebens: So müsste er schillern: ein Jeske als Cervantes, der Quijano spielt, der Quijote imaginiert. Doch er legt Quijote, nicht so sehr Cervantes, auf eine Weise an, für die vor Zeiten singende Schauspieler schauspielernden Sänger verlachten.

Für beide bietet das Musical Platz. Dem folgt Schildknechts Inszenierung. Doch beide Seiten müssen in die Trickkisten ihres Handwerks greifen. Sie spielen nicht, sie überspielen, dass da im Grunde nichts ist: kein Wille, der über ein professionelles Unterhaltungstheater hinausgeht. Ein Musicaltraum des Möglichen. Der Abend hat keine: Vision.

Aber er hat Projektionen: Videomotive von Jae-Pyung Park auf dem Bühnenbild, die gleichsam die Gefängnistore öffnen und den Blick frei geben in die Welt der Fantasie.

Eine Aufführung mit Schwächen

Quijotes personifizierte Projektionsfläche heißt indes Aldonza: die arme Hur’ wider Willen und aus Not, die er zur Edeldame Dulcinea erhebt. Marianne Schechtel konterkariert das schöne Trugbild auftragsgemäß mit einer Rotzgöre. Ihr Mezzosopran kratzt hier dreckig und klingt dort glockenhell, nicht nach Gemütslage, sondern je nach Tonlage.

Renatus Scheibe reichert den treuen Knappen Sancho Pansa mit Zwischentönen der Mühsal an: ein Realist, dem der Gedanke an eine andere Welt eigentlich zu anstrengend ist, aber das Leben, wie es ist, auch.

Im großen Ensemble kommt ansonsten vor allem Sven Zinkan als ein Dr. Carrasco zu einiger Geltung, der seine Gelehrtheit wie eine Monstranz vor sich herträgt; sie weitet ihn nicht, sie macht ihn eng.

Ludwig Pflanz sorgt mit der Hofkapelle effektsicher für den dramatischen Gestus des Abends; boxenverstärkt, decken sie die Schwächen der Aufführung einigermaßen zu. Poesie zaubern sie aber auch nicht herbei.

  • Nächste Termine am Staatstheater Meiningen: 16. und 20. 10. sowie 1., 9. und 22.11.
  • Am Landestheater Eisenach ab dem 27. Juni 2020.

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