Lange Sommer voller Blues und Glück

In-Extremo-Bassist Kay Lutter hat einen Roman geschrieben. Im Interview spricht er über Tourtagebücher, Freiheit in der DDR und seine wilde Zeit bei Freygang.

Wenn die Band Freygang auftrat, reisten manche Fans von weither an. Einer von ihnen war Kay Lutter – bis Sänger André Greiner-Pol ihn als Bassist in die Band holte. Das Foto entstand 1986 in Cottbus.

Wenn die Band Freygang auftrat, reisten manche Fans von weither an. Einer von ihnen war Kay Lutter – bis Sänger André Greiner-Pol ihn als Bassist in die Band holte. Das Foto entstand 1986 in Cottbus.

Foto: Privatarchiv Kay Lutter

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Mit der Bluesrockband Freygang spielte er in den Achtzigern Hunderte Konzerte. Dann folgte der große Erfolg mit In Extremo. Bassist Kay Lutter (51) hat jetzt einen Roman geschrieben: „Bluessommer“, über Musik, Liebe und Freiheit in der DDR.

Gibt Ihnen das Schreiben etwas, das beim Bassspiel zu kurz kommt?

Beim Bass liegt es in der Natur des Instruments, dass man sich in einer Rockband nicht allzu persönlich damit ausdrücken kann. Klar, es macht viel Spaß, mit In Extremo zu spielen, aber irgendwann habe ich das Schreiben als guten Ausgleich zur Musik entdeckt.

Wann haben Sie damit begonnen?

Als ich in die Grundschule ging, habe ich zu meiner Mutter gesagt: Irgendwann schreibe ich ein Buch. Damals habe ich viel gelesen und auch aufgeschrieben, Märchen zum Beispiel. Das hat viel Spaß gemacht. Übrigens musste ich oft das Schönschreiben üben – darauf hat meine Mutter großen Wert gelegt.

Später haben Sie statt Märchen wahre Abenteuer aus dem Leben einer Rockband erzählt. . .

Das ging damit los, dass mich das Rock-Hard-Magazin Ende der Neunzigerjahre fragte, ob ich ein Tourtagebuch fürs Heft schreiben wolle. Das habe ich getan – und dann bin ich diesen Job innerhalb der Band nicht mehr losgeworden. Bis etwa 2014 habe ich das gemacht, dann habe ich zum Bandkollegen Pymonte gesagt: Jetzt mach‘ du mal.

In „Bluessommer“ erzählen Sie die Geschichte junger Musiker, die in der DDR den Traum einer Band leben. War klar, dass es ein Roman wird und keine Biografie?

Ja. Schließlich sind die Tourtagebücher schon als Buch veröffentlicht worden, und auch an der Bandbiografie, die Wolf-Rüdiger Mühlmann geschrieben hat, habe ich mitgewirkt. Damit war das Thema für mich durch. Ursprünglich sollte das Buch aber eine Erzählung über den Bass werden, und über die Leute, die dieses Instrument spielen.

Wie kommt man auf so etwas?

Ich habe viele Bassistenfreunde, und interessanterweise ähneln sie sich charakterlich recht stark. Sie sind eher introvertiert, reden nicht viel und kümmern sich oft um die Bandkasse. Doch das Thema reichte dann doch nicht für ein ganzes Buch.

Nun folgt der Leser dem musikverrückten Mike. Hätte Mike nicht auch Kay heißen können?

Ich stehe nicht gern im Mittelpunkt, und es hätte mich genervt, eine Biografie zu schreiben. Darum habe ich mir ein Alter Ego ausgedacht, hinter dem man sich verstecken kann.

Die historische Kulisse, vor der sich die Geschichte entfaltet, wirkt sehr realistisch. Erkennen sich viele Ihrer Weggefährten wieder?

Einer schrieb mir schon: „Bei dem einen Konzert war ich dabei, da haben wir zusammen Bier getrunken.“ Ausgerechnet das war aber eine Szene im Buch, die ich mir ausgedacht hatte. Aber vieles, das im Buch vorkommt, gab es tatsächlich, wie das Festival in Ketzin oder das Iron-Maiden-Konzert in Budapest. Man kann schon sagen: Der Rahmen der Geschichte stimmt.

„Eine Geschichte von Freiheit, Liebe und Musik hinter dem Eisernen Vorhang“ lautet der Untertitel. Haben Sie diesen damals gespürt?

Der Freiheitsdrang war unter uns Jugendlichen sehr ausgeprägt. Man wusste, dass man nicht überall hinkommt. Einmal sind wir an die bulgarische Schwarzmeerküste gereist, ganz nah dran an der Türkei. Dort war uns klar: Hier ist für uns Schluss. Das war ein komisches Gefühl. Witzigerweise war genau dort ein FKK-Strand.

Was waren denn damals die größten Schwierigkeiten für Blues- und Rockmusiker?

Es war extrem schwierig, Instrumente, Saiten und Verstärker zu besorgen. Mein Opa lebte in Westberlin, und zum Geburtstag und zu Weihnachten gab‘s für mich immer Bass-saiten. Gerade, wenn man professionell Musik machen wollte, musste man viel Geld dafür ausgeben und sich bisweilen hoch verschulden.

Wissen Sie noch, wie teuer Ihr erster eigener Bass war?

Der hat mich 3000 DDR-Mark gekostet – dafür hat man sehr lange arbeiten müssen. Und das, was man dafür bekam, war nicht mal etwas besonders Gutes. Aber das alles hatte auch zur Folge, dass man viel selbst gebastelt und gelötet hat.

Wie wurden Sie eigentlich Bassist bei Freygang?

Ich gehörte zu denen, die der Band als Fan hinterhergefahren sind, um sie live zu erleben. Es gab eine Menge guter Bands, aber Freygang waren die Wildesten, da gab‘s immer Krawall. Und das findet man als Jugendlicher ja gut. Dann zog ich nach Berlin, um Musik zu studieren. Dort war ich in der Blues- und Hippie-Szene drin und bekam mit, dass Freygang einen Bassisten suchen; einer der vorigen hatte Gold geschmuggelt und war im Knast gelandet. Also habe ich beim Sänger geklingelt.

Wie hat er reagiert?

Er hat mich gemustert und hat mir ein paar der schwierigsten Stücke zum Üben gegeben. Der wusste ja nicht, dass ich nicht nur Fan war, sondern seit dem neunten Geburtstag Bass spielte und nun sogar studierte. Das war also ein Klacks für mich. Die einzige andere Voraussetzung waren lange Haare. Und so war ich auf einmal in der Band. Zwischen 1982 und 1992 haben wir 400 bis 450 Konzerte gespielt, auch in Polen und Russland; manchmal unter anderem Namen, da die Band immer wieder verboten wurde. Das war die größte Werbung für eine Band. Man war dadurch auf der richtigen Seite – so blöd das auch klingt.

Am 30. November lesen Sie in Erfurt, am 16. Januar in Jena – mit Livemusik. Ganz allein wollten Sie also doch nicht auf die Bühne?

Es gehört einfach Musik dazu. Darum habe ich einen Schlagzeuger und einen Gitarristen dabei. Und Micha Rhein, den In-Extremo-Sänger. Der war schließlich so wie ich ein riesiger Freygang-Fan.

Kay Lutter: Bluessommer Eine Geschichte von Freiheit, Liebe und Musik hinter dem Eisernen Vorhang, Lago Verlag, München, 592 Seiten, 24,99 Euro

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