#langenichtgehört: Flippiger Feminismus

Was Hip-Hop auch kann. Christian Werner über das Album „Raw like Sushi“ von Neneh Cherry.

Alben zum Wiederhören.

Alben zum Wiederhören.

Foto: Christian Werner

Stock, Aitken, Waterman hatten bis Ende der Achtzigerjahre sprichwörtlich einen Lauf. Die drei Produzenten und Songwriter aus Großbritannien brachten mit ihrem Trademark-Sound Künstler quasi am Laufband in die Charts. Beispiele?: Rick Astleys „Never gonna give you up“, Kylie Minogues „I should be so lucky“, Jason Donovans „Too many broken Hearts“. Die Liste ließe sich fortsetzen, länger als diese Kolumne ist .

Nicht jeder Karriere tat die Zusammenarbeit auf lange Sicht gut.

Doch es gibt Gegenbeispiele. Die drei Herren jedenfalls haben ihre Produzentenfinger an den Mischpultreglern, als das Duo Morgan McVey 1987 seinen einzigen Song „Looking good Diving“ aufnimmt. Eine Variation befindet sich auf der Rück-, der B-Seite mit dem abgewandelten Titel „Looking good Diving with the wild Bunch“. Schon damals sitzt Neneh Cherry für diese Version hinterm Mikro.

Alles auf Popstar getrimmt

Nur ein Jahr später steht eine weitere Variante des Songs in den Plattenläden. Dieses Mal unter dem Titel „Buffalo Stance“ und mit Cherry als Hauptinterpretin. Wie der massenkompatible Einheitssound von Stock, Aitken, Waterman klingt das Lied aber nicht, dafür ist der Mix aus Hip-Hop, elektronischer Musik und Samples zu chaotisch angelegt. Es ist der erste Hit für die Musikerin.

Auf dem dazu gehörigen Album „Raw like Sushi“ ist noch alles auf Popstar getrimmt. Etwas, das Cherry nie sein wollte, wie sie inzwischen bekannte. Es gibt Hits und flippige Musikvideos für MTV. Cherry gilt eine Zeit lang neben Salt-n-Pepa als Speerspitze des weiblichen Hip-Hop.

Es ist eines der Alben, die im gewissen Sinn schlecht gealtert sind. Soll heißen: Man hört dem Songreigen an, wann er produziert wurde. Die Achtzigerjahre sind fest verankert in jedem Keyboard-Akkord, die Hi-Hat hat ein Abonnement auf Betonung.

Die Beats klingen für heutige Hörgewohnheiten ungewohnt flach und flanschig. Die Produktion ist, im Gegensatz zu Cherrys späteren Werken, homogen angelegt. Ausnahmen sind „Manchild“ – von den späteren Massive-Attack-Machern veredelt – und das soulige „Inna City Mama“.

Der Einfluss verschiedener Musikstile ist vor allem über ihre Art zu singen und zu rappen präsent – als Gegenpart zur Technik-Ästhetik der Musik. Deshalb lohnt ein Wiederhören. Und, weil es inhaltlich weit weg ist von der aktuell omnipräsenten Fixierung auf Po, Brust oder Sexualpraktiken (siehe die Debatte um „WAP“ von Cardi B und Megan Thee Stallion). Als wäre es im feminin geprägten Hip-Hop das normalste von der Welt.

Reinhören!

Wir haben die Playlist zum Krisen-Modus. Hören Sie unsere Auswahl an Songs für die Heimarbeit, zur Kurzweil oder für andere Ablenkungen in Selbstquarantäne. Die Titel werden mit jeder neuen Folge unserer Kolumne erweitert. Und hier erfahren Sie, warum die Songs ausgewählt wurden.

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