Musikalische Schlittenfahrten zum Neujahrskonzert offeriert

Das Berliner "Quartetto Tonale" hat das Publikum im festlich dekorierten Saal des Mühlhäuser Puschkinhauses begeistert und musikalische Schlittenfahrten zum Neujahrskonzert offeriert.

Das charmante Streichquartett aus Berlin überzeugte das Publikum in beeindruckender Weise. Foto: Reiner Schmalzl

Das charmante Streichquartett aus Berlin überzeugte das Publikum in beeindruckender Weise. Foto: Reiner Schmalzl

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Mühlhausen. Mein kleiner grüner Kaktus piekst heute noch ganz aufgeregt um sich, wenn er an das "Quartetto Tonale" denkt. Und Veronikas neuer Schlagerlenz im Satzgesang von vier Damen ist nicht weniger aufregend. Dass die Mimi ohne Krimi nie ins Bett geht, gaben sie ihrem Publikum als Zugabe mit auf den Weg. Vokale Gebrauchsartikel bester Qualität wurden im zweiten Teil ihres Neujahrskonzertes am Samstagabend im Mühlhäuser Puschkinhaus präsentiert.

Das hatte den Titel "Wenn Musen proben". Sie "probten" im rot-schwarzen Outfit, Rosen tigerhaft zwischen den Lippen, ließen ihre Hüte und Stolen lasziv fallen und wandten sich immer wieder dem Eigentlichen zu: ihrem Spiel. Kokett wurde der Csardas von Antonio Monti durch alle Oktaven getrieben, rasant die Tangos aufgegipfelt, um sie zum Schluss ganz brav in der "Tritsch-Tratsch-Polka" einmünden zu lassen.

Manch globaler Gassenhauer entstieg dem Quartettspiel wie Phönix aus der Asche. Sie sind zudem geschickte Programmgestalterinnen, denn schon vor der Pause schoben sie mit Anderson-Kompositionen einen lockeren Ton an. Da gab es nämlich den Neujahrssekt, zu dem in Vertretung des Priorats für Kultur und Soziales Wolf-Dieter Kirchner einlud. Zuvor hatte er darauf hingewiesen, dass ebenfalls traditionsgemäß ein paar ernstere Töne zum Jahreswechsel erklingen werden.

So gab es also einleitend zunächst Barockes. "Komponiert für die Christnacht" hat Arcangelo Corelli über sein "8. Concerto g-Moll" geschrieben, das er um 1680 komponiert hat. Im hübsch dekorierten Saal des Puschkinhauses erinnerten die brennenden Kerzen an das vergangene Weihnachtsfest und das Berliner Streichquartett wusste mit homogenem Klang ihrer gut geführten Instrumente an das letzte Jahr zu erinnern. Mit dem "Playful pizzicato", dem zweiten Satz aus Benjamin Brittens "Simple Symphonie", landeten die Damen punktgenau im 20. Jahrhundert. Auch hier war die sparsame Moderation akustisch leider nur unzureichend.

Ihre Instrumente, oft nur gezupft, starteten sie nun mit zwei verschiedenen "Schlittenfahrten" in den anderen Teil des Abends, zuvor jedoch die Schreibmaschine als Schlagwerk integrierend, was unsere computergeschulten Kinder heute zu der Frage veranlassen würde, was denn eine "Schreibmaschine" sei.

Im "Quartetto Tonale" aus Berlin spielen Silke Rougk und Almut Witt Violine, Astrid Hengst Bratsche und Gesine Conrad Violoncello. Sie studierten an der Hochschule für Musik in Berlin und sind heute freischaffend.

Die Bratschistin Astrid Hengst war neun Jahre am Metropoltheater bis zu dessen Schließung engagiert. Almut Witt hat Erfahrungen in unterschiedlichen Stilrichtungen und ist für die Arrangements des "Quartetto Tonale" verantwortlich. Dass hier neben akademischen auch praxiserworbene Erfahrungswerte einfließen, macht die Programme und das Spiel der Interpretinnen interessant. Sie spielen gut, facettenreich, stilsicher, passen einander an ohne Individualität zu verlieren. So bleiben ihre musikalischen Angebote von Barock über Couplet bis Schlager immer geschmackvoll. "Quartetto Tonale" bietet einen flexiblen Rahmen, in dem viele Traditionen ihren Platz haben.