Musikkritiker: "Eine gute Musikkritik muss vor allem verständlich sein"

Bei den Weimarer Meisterkursen übt der Kritiker Harald Eggebrecht mit Studenten, wie man Musik in Sprache übersetzt. Mit ihm sprach Lavinia Meier-Ewert.

In der Medienwerkstatt der Weimarer Meisterkurse lernen Musikwissenschaftler, wie man Radio macht. Von links: Anna Vogt, Eckard Pistrick, Markus Tatzig, Peter Lell, Nastasia Tietze und Rundfunkjournalistin Margarete Zander. Foto: Peter Hansen

In der Medienwerkstatt der Weimarer Meisterkurse lernen Musikwissenschaftler, wie man Radio macht. Von links: Anna Vogt, Eckard Pistrick, Markus Tatzig, Peter Lell, Nastasia Tietze und Rundfunkjournalistin Margarete Zander. Foto: Peter Hansen

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Herr Eggebrecht, was macht eine gute Musikkritik aus?

Verständlichkeit. Wenn es der Kritiker nicht verstanden hat, versteht es kein anderer. Sich als Subjekt ernst zu nehmen, ist die wichtigste Voraussetzung, um eine gute Kritik zu schreiben. Etwas zu erklären, bedeutet nicht, mit Fremdwörtern zu jonglieren. Natürlich müssen Sie auch die Chronistenpflicht erfüllen und beschreiben, was wann wo stattgefunden hat. Der Reporter muss die Entscheidung treffen, was wirklich wichtig ist.

An was für einen Leser denken Sie beim Schreiben?

Ich glaube, "den Leser" gibt es nicht. Ich kenne keinen Hans Leser, genauso wenig wie eine Regine Hörer. Ich denke beim Schreiben an diejenigen, die nicht im Konzert waren.

Wie erreichen Sie denn mit einer Rezension jemanden, der nicht dabei war?

Zuerst einmal über das Bild, und zwar am besten über eines vom Abend selbst oder von der Probe. Es ist sehr interessant zu sehen, wie jemand wirkt. Musik ist eine Performing Art, eine darstellende Kunst: Es gibt etwas zu hören und zu sehen, nicht umsonst spricht man auch vom "Instrumentaltheater". John Cage hat über ein Konzert einmal gesagt, das Eindrucksvollste am Abend sei die Vorbereitung des Hornisten auf seinen Einsatz gewesen. Auch wie jemand hereinkommt und die Bühne betritt, ist aussagekräftig: Schreitet er, stürmt er oder sieht er aus, als würde er lieber wieder gehen? Solche Situationen vermittelt eine Kritik, wenn sie gut ist.

Geht es mehr darum, etwas zu erzählen als es zu erklären?

Ja. E.T.A. Hoffmann und Robert Schumann - die größten Musikkritiker, die wir je hatten - erzählten wunderbare Geschichten. Claude Debussy, der auch Kritiken geschrieben hat, hat einmal gesagt: Es ist uns schon als Kindern verboten, einen Teddybär zu zerlegen - weil wir ihn dann nicht mehr zusammensetzen können. Debussy hat übrigens, wenn das Wetter schön war, auch schonmal eine Kritik vor dem Konzert geschrieben, um ans Meer fahren zu können.

Und er konnte sich nicht einmal vorher eine CD anhören. . .

Tonaufzeichnungen verkehren die Welt. Sie machen etwas zweidimensional, das vorher dreidimensional war: Musik ist etwas von jemandem für jemandem durch jemanden. Auf der Platte fehlt eine Ebene; Musiker wissen das. Und jede Platte ist immer Vergangenheit. Musik ist eine prozessuale Kunst, deren Wesen das Verschwinden ist: Sie können nie wieder diesen einen Ton hören. "Warum gehen wir zum Fußball?", lautet die berühmte Sepp-Herberger-Frage. - "Weil wir nicht wissen, wie es ausgeht." Das ist, sagte der Dirigent Sergiu Celibidache, beim Konzert ganz genauso.

Wie lässt sich Musik in Worte fassen?

Sprache und Musik sind nicht kompatibel. Beim Theater haben Sie die Ebene der Worte, die Sie ablösen können. In der Musik sind Sie mit Ihren Empfindungen und Seelenzuständen allein. Musik kann man nicht packen. Ich sehe das als Provokation und frage mich: Wie können wir wenigstens Aspekte schildern? Die eigene Gefühlswelt lässt sich gut benennen.

Ist es deshalb einfacher, einen Verriss zu schreiben? Weil man sich selbst nicht so sehr mit in die Waagschale wirft?

Wenn Sie einen Verriss schreiben, ist die Musik nicht an Sie herangekommen. Sie schreiben über alles andere - nur nicht über die Musik. Aber Verrisse werden immer gern gelesen, das hat etwas mit Schadenfreude zu tun.

Finden Sie das unredlich?

Die Grundvoraussetzung ist Respekt. Auf die Bühne zu gehen, ist für sich schon eine Leistung, das weiß jeder von uns. Ein Musiker stellt sich hin und strukturiert für anderthalb Stunden unsere Zeit. Der Gedanke, in einem Verriss draufzuhauen und ihn zu vernichten, ist grotesk, geradezu lächerlich. Alle Kritik ist sekundär. Wenn man das grundsätzlich akzeptiert, handelt man von allein höflich und respektvoll. Man kann eine Enttäuschung deutlich machen, ohne zu schmähen.

Die Zeit der Großkritiker ist vorbei. Rezensionen haben es mittlerweile schwerer. Bereitet Ihnen das Sorge?

Rezensionen sind in Misskredit geraten - obwohl sie das vornehmste Genre sind: Etwas passiert und ich beschreibe, wie es war. Über Vorberichte freuen sich die Marketingabteilungen der Agenturen, weil sie den Ticketverkauf ankurbeln. Aber eigentlich sollte aus der Kritik heraus erst das Lob entstehen.

Aber sollte es nicht auch Ziel sein, die Leute ins Konzert zu locken, anstatt ihnen nur hinterher zu erzählen, wie es war?

Ja, natürlich ist das wünschenswert. Aber man muss beides in der Balance halten. Das eigentliche Ereignis - das Konzert - sollte nicht verdeckt werden.

In Ihrem Video-Blog schlendern Sie durch den Park und stellen Dirigenten vor. Warum brauchen wir solche Formen?

Eine Rezension ist keine volksbildende Maßnahme mehr wie noch zu Zeiten von Joachim Kaiser. Der konnte noch einen Sonatensatz erklären und darauf bauen, dass die Leser verstehen, wovon er spricht. Diesen Bildungshintergrund haben die Menschen heute nicht mehr. Sie müssen viel mehr erklären. Ich möchte im besten Sinne Volkshochschule betreiben.

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