Stadtgarten-Schließung: Stadtpolitik ist plötzlich entsetzt

Erfurt.  Linke und Freie Wähler äußern Bedauern zur Stadtgarten-Schließung und fordern die Stadt zum Tätigwerden auf.

Der Stadtgarten ist derzeit geschlossen und wird nach Lage der Dinge auch nicht mehr öffnen, weil sich kein Betreiber findet.

Der Stadtgarten ist derzeit geschlossen und wird nach Lage der Dinge auch nicht mehr öffnen, weil sich kein Betreiber findet.

Foto: Casjen Carl

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Das Entsetzen ist plötzlich groß in der Stadtpolitik. Das Entsetzen darüber, dass nun auch der im Wettbewerb um den Weiterbetrieb des Stadtgartens unterlegene Leipziger Matthias Winkler auf Anfrage dieser Zeitung erklärt hatte, das Interesse an dem Traditionsobjekt verloren zu haben. Winkler, etablierter Konzertveranstalter und erfolgreicher Betreiber des Hauses Auensee in Leipzig, hatte erklärt, dass vor allem die am 31. Dezember 2018 erloschene Betriebserlaubnis und die zu hohen Pachtforderungen seitens der Stadt den Ausschlag für seinen Rückzug gegeben hätten. Der Wettbewerbssieger, ein Dreierkonsortium, hatte sich ob der Unwägbarkeiten, vor allem beim Lärmschutz, nach nur fünf Monaten wieder zurückgezogen.

SPD-Stadtrat: „Wir stehen vor einem Trümmerhaufen“

Die SPD-Stadtratsfraktion reagierte geschockt auf die Mitteilung. „Wir stehen mit leeren Händen da. Mit dem Stadtgarten bleibt ein für Erfurt kulturell sehr wertvoller Ort auf längere Zeit unbespielt, wenn nicht schlimmer“, so SPD-Stadtrat und Kulturausschuss-Vorsitzender Wolfgange Beese. „Wir brauchen schnell Lösungen, um das Ensemble als Kulturstandort zu erhalten.“ Man habe bereits vor einem Jahr auf die Gefahren eines Leer- und Stillstandes hingewiesen und auf einen Beschluss zur Zwischennutzung gedrängt, um das Gebäude am Netz zu halten und zu bespielen. Leider ohne Erfolg. Beese: „Wir stehen vor einem Trümmerhaufen und brauchen schnell Lösungen, um das Ensemble als Kulturstandort zu erhalten. Eine Verwertung für Wohnungsbau oder ähnliches kommt auf keinen Fall infrage.“ Die SPD-Fraktion fordert von der Verwaltung kurzfristig eine Bestandsaufnahme für das Ensemble und ein schlüssiges Handlungskonzept, um den Stadtgarten wieder als Standort der Kultur und der Jugend in Erfurt zu reaktivieren.

Stadtverwaltung soll aktiv werden

„Auch wenn es für uns nicht unerwartet kam, nehmen wir die Nachricht vom vorläufigen Aus für den Stadtgarten voller Trauer auf. Entgegen der Meinung der Stadtverwaltung waren wir bereits im Laufe des Verfahrens der Meinung, dass die 1. Vergabe ein Fehler war. Mawi Concert hatte aus unserer Sicht wesentlich realistischer den Investitionsbedarf benannt, hatte die entsprechenden Mittel und ein gutes Konzept, um das Erlöschen der Betriebserlaubnis zu verhindern. Der Stadtgarten wäre nie vom Netz gegangen und erste Sanierungen bereits realisiert“, erklärte Daniel Stassny, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler. Nun sei die Stadt in der Pflicht. Man fordere, dass nun alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, um den Stadtgarten schnellstmöglich zu reaktivieren. Dies funktioniere aus Sicht der Freien Wähler nur, wenn die Stadtverwaltung aktiv werde. Mit Spenden, Fördermitteln und aus eigenen Mitteln müsse der Stadtgarten saniert werden. Am Ende des Prozesses müsse ein Veranstaltungshaus stehen, welches sich sofort verpachten und betreiben lässt. Man wolle sich an freiwilligen Initiativen, um beispielsweise den Biergarten im Sommer quasi als „Soli-Biergarten“ mit Soli-Bier und Soli-Limo zu bespielen, um so erste Einnahmen zu generieren, beteiligen.

Freie Wähler: Lieber explosive Konzerte als exklusives Wohnen

„Uns ist natürlich bewusst, dass dies keinen finanziellen Gewinn für die Stadt bringt. Auch nach einer Vollsanierung muss die Pacht so angelegt sein, dass es sich für Betreiber rechnet, auch kleinere, unbekanntere Bands spielen zu lassen, bei denen der Saal nicht bis zum Anschlag ausverkauft ist. Vielmehr muss es die Stadt als Investition in die kulturelle Vielfalt unserer Stadt sehen. Ein zusätzlicher Ort für Konzerte und Veranstaltungen jeglicher Art sollte an der Stelle die Rendite der Investition darstellen“, heißt es in der Erklärung der Freien Wähler. In fünf Jahren wolle man lieber wieder explosive Konzerte statt exklusives Wohnen im und um den alten Stadtgarten erleben, heißt es. Die Verwaltung solle eine nachvollziehbare Kalkulation zur Ertüchtigung des Stadtgartens erstellen und den Ausschüssen im Stadtrat vorlegen, so die abschließende Forderung der Freien Wähler.

Linke: Keine schicken, teuren Stadtvillen

Auch die Fraktion der Linke erklärt ihr Bedauern ob des Mawi-Rückzugs. Fraktionsvorsitzender Matthias Bärwolff versprach, sich sowohl im Kultur- als auch im Finanzausschuss dafür einzusetzen, dass es zu einer unkomplizierten Möglichkeit der Zwischennutzung kommt. Zweitens solle der Stadtrat darüber beraten, wie es mit dem Stadtgarten weitergehen könne. Dabei stehe der Erhalt des Stadtgartens im Vordergrund, so Bärwolff weiter. Scheinbar sind auch die in der Ausschreibung geforderten Preise wesentlich zu hoch angesetzt, um einen wirtschaftlichen Betrieb zu gewährleisten. „Die Linke wird den bereits in vergangenen Jahren immer wieder geäußerten Ideen eines Abrisses des Stadtgartens und einer Bebauung mit schicken und teuren Stadtvillen entschieden entgegentreten. Die Zeiten, in denen Kultureinrichtungen geschliffen werden, müssen auch in Erfurt vorbei sein“, so Bärwolff, der Anfragen in den zuständigen Ausschüssen einreichen will.

Knackpunkt ist der Lärmschutz

Die Crux bei einem Weiterbetrieb des traditionsreichen Hauses scheint aber der – sehr kostspielige – Lärmschutz zu sein. Schon 2005 hatte der TÜV in einem Gutachten erklärt, „die regelgerechte Einhaltung der Immissionsrichtwerte Lärm ist bei wirtschaftlichem Betrieb einer gastronomischen Anlage mit Biergarten, Konzertsaal, Pavillon und angrenzender Wohnnutzung (Theaterstraße) nicht möglich“.

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