Rademann kommt mit Bachs Werken auf „Pilgerreise“ nach Thüringen

Eisenach/Weimar/Arnstadt  Bachs Werke an Bachs Orten: Hans-Christoph Rademann kommt mit der Gaechinger Cantorey auf „Pilgerreise“ nach Thüringen.

Der Dirigent Hans-Christoph Rademann kommt mit der Gaechinger Cantorey auf „Pilgerreise“ ins Bachland Thüringen.

Der Dirigent Hans-Christoph Rademann kommt mit der Gaechinger Cantorey auf „Pilgerreise“ ins Bachland Thüringen.

Foto: Martin Förster

Auf „Pilgerfahrt ins Bachland“ begibt sich die Gaechinger Cantorey vom 13. bis 15. September: Der hoch renommierte Chor kommt mit seinem Dirigenten Hans-Christoph Rademann nach Thüringen und führt Bachs h-Moll-Messe in Eisenach, dessen Weimarer Kantaten in Weimar und die selten gespielte vierte Fassung der Johannespassion in Arnstadt auf. Für diese Konzertreihe kooperieren die Thüringer Bachwochen mit der Bachakademie Stuttgart, die zudem mit den Unternehmen Kärcher und Trumpf noch zwei Sponsoren mitbringt. Wir sprachen mit Hans-Christoph Rademann.

Wie fühlt man sich denn als sächsischer Gastarbeiter in Schwaben?

Wenn die Bedingungen so gut sind, wie ich sie in Stuttgart angetroffen habe, fühlt man sich natürlich hervorragend. Als ich vor sechs Jahren dort anfing, hieß es, die Sachsen und Schwaben harmonieren immer recht gut; das kann ich bestätigen. Was mir in dieser Region gefällt, ist, dass man in allen gesellschaftlichen Schichten viele Unterstützer für die Kultur und die künstlerische Arbeit findet. Gerade auch wohlhabende Bürger sind gerne bereit, für eine gute Idee etwas beizusteuern.

Woran liegt‘s? Versteht man sich, weil die Musik - zumal die Bachs - eine universelle Sprache ist?

Die Bachakademie Stuttgart hat sich in Zeiten des Eisernen Vorhangs zur führenden Bach-Initiative in den alten Bundesländern entwickelt, nicht zuletzt, weil Helmuth Rilling die Lücke nach Karl Richters frühem Tod füllen konnte und an dessen Erfolg unmittelbar anknüpfte. Damals waren die Stuttgarter in der Bach-Pflege führend, und wir haben aus dem Osten voller Bewunderung gen Westen geschaut. Ich habe als Student einen Meisterkurs bei Rilling besucht und war davon begeistert.

Sie sind in einem musikalischen Haushalt im Erzgebirge aufgewachsen. War Ihnen die Laufbahn schon in die Wiege gelegt?

Musiker hätte ich nicht unbedingt werden sollen. Aber als ich als Jugendlicher 1974 ein Mitglied des Dresdner Kreuzchores beim Kaffeetrinken erzählen hörte, war ich so entflammt, dass ich unbedingt in diesen Chor wollte. Meine Eltern wollten das erst nicht. Aber nach der bestandenen Aufnahmeprüfung ließen sie mich gehen.

Als Kruzianer ist man geprägt?

So ist es. Ungefähr ein Drittel der Sänger ergreifen den Beruf eines Musikers. Mir war schon in der sechsten Schulklasse klar, dass ich Dirigent werden wollte. Was das wirklich bedeutet, ist mir allerdings erst später aufgegangen. Zum Beispiel habe ich nach der Violine recht spät mit dem Klavierspielen angefangen, um die Studienanforderungen zu erfüllen. Natürlich muss man hart an sich arbeiten, um eine Leitungspersönlichkeit zu werden; das fällt nicht vom Himmel.

Wie ist denn die historische Aufführungspraxis in Ihr Leben getreten?

Nach dem Studium in Dresden habe ich mir die Arbeit verschiedener Dirigenten angeschaut; ich war - damals bereits nach der Wende - bei Helmuth Rilling, Philippe Herreweghe, Nikolaus Harnoncourt und bei Georg Solti. Bei Herreweghe erlebte ich, wie sauber und präzise ein Chor tatsächlich singen kann, und als ich die ersten schönen Aufführungen auf alten Instrumenten hörte, war mir klar, wohin die Reise gehen soll. Zudem hatte das Dresdner Barockorchester, das sich aus Mitgliedern der Staatskapelle und der Philharmonie sowie einigen Freischaffenden gegründet hat, Interesse, mit dem Dresdner Kammerchor zusammenzuarbeiten. So wurde ich zu einem Vorreiter für historische Aufführungspraxis in Dresden.

Wie streng sind Sie damit? Muss man auf Darmsaiten spielen?

Ja, das ist zwingend. Wenn man die Möglichkeit hat, dem Originalklang möglichst nahe zu kommen, sollte man es tun. Denn es gibt im Instrumentenbau zwar technische Fortschritte, aber meines Erachtens keine klanglichen. Wir versuchen, im Sinne des Werk-Schöpfers den Klang möglichst authentisch wiederzugeben.

Das sagt der Dirigent Rademann. Wie verhalten Sie sich als Intendant des Musikfests Erzgebirge?

Selbstverständlich spielen wir auch dort auf authentischem Barockinstrumentarium. Wenn man sich durch das Erzgebirge bewegt, kommt man in Grünstädtel vorbei, wo der spätere Gothaer Gottfried Heinrich Stölzel geboren ist, oder nach Grünhain, dem Taufort Johann Hermann Scheins, oder nach Geising, wo Johann Kuhnau herstammt. In einem Orgelland mit so zahlreichen Silbermann-Orgeln weiß man natürlich, wie Bach geklungen hat.

Wie profitieren die Stuttgarter von Ihren Erfahrungen?

Sicherlich profitieren wir gegenseitig voneinander. Um etwas Praktisches zu nennen: Ich habe für die Gaechinger Cantorey ein historisches Orgelpositiv aus Seerhausen nachbauen lassen und wir bekommen nächstes Jahr den Nachbau eines historischen Cembalos - beides nach Vorbildern aus der Werkstatt Silbermanns. Der neue Stuttgarter Bachstil beruht auf großer Erfahrung aus dem Hause Bachakademie, verbunden mit dem mitteldeutschen Klangideal.

Wer leistet da eigentlich bei wem „Entwicklungs-Hilfe“?

So kann man es nicht nennen. Ich schätze mich glücklich, mit den Stuttgartern einen wichtigen Platz in der gegenwärtigen Bachpflege einzunehmen; es ist fraglos ein deutsches Vorzeige-Ensemble, und es arbeitet unter vorzüglichen Rahmenbedingungen.

Bach ist nicht alles. Sie haben mit dem Dresdner Kammerchor die Werke von Heinrich Schütz integral aufgenommen.

Ja, ich bin froh, dass wir das gut abgeschlossen haben. Wir haben sehr gründlich gearbeitet.

Warum ist Schütz heute nicht mehr so populär?

Schwer zu sagen. Es könnte am anspruchsvollen Musikstil liegen, vielleicht auch am geistlichen Inhalt der von ihm überlieferten Werke. Man kann seine Musik nicht nebenbei hören, sondern muss ihr die volle Aufmerksamkeit widmen. Die Menschen, denen das gelingt, empfinden es als eine Wohltat, diese kluge, durchdachte und unheimlich schöne Musik zu genießen.

Was haben Sie jetzt in Thüringen vor?

Ich habe mich vor dem Abschied gen Stuttgart sehr intensiv mit dem mitteldeutschen Raum beschäftigt und die Erfahrung gemacht, wie wichtig es ist, an den authentischen Orten zu konzertieren, wo Bach gelebt und musiziert hat.

Durch den Genius loci?

Auf jeden Fall. Auch die klanglichen Umstände in den Kirchenräumen, die sich seit damals ja nicht verändert haben, werden unsere Interpretation nachhaltig beeinflussen.

Für Sie ist es eine Pilgerfahrt ins Bachland?

Ja, und andererseits ist es vor allem ein Angebot an die Thüringer, zu hören, wie die Bachakademie 2019 klingt, nachdem sie in den vergangenen Jahren die Kantaten-Akademie mit Helmuth Rilling zu Gast hatten. Außerdem habe ich unser Stuttgarter Publikum eingeladen, mitzukommen und Thüringen mit seinen Musiktraditionen kennenzulernen, und dasselbe Angebot gilt natürlich den Freunden im Erzgebirge, wenn sie „ihren Rademann“ in der Nachbarschaft erleben wollen.

Da ist sie wieder, die Idee einer allumfassenden Verbindung der Menschen unter der Fahne Bachs!

Etwas Besseres kann man eigentlich gar nicht machen. Mit Bach ist man nie allein.

  • Eisenach: Georgenkirche, Freitag, 13.9., 19.30 Uhr
  • Weimar: Stadtkirche St. Peter und Paul, Samstag, 14.9., 19.30 Uhr
  • Arnstadt: Bachkirche, Sonntag, 15.9., 16 Uhr
  • Tickets unter der Telefonnummer 0361/37420, www.thueringer-bachwochen.de

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