Tschaikowskys Blues und ein Solo für Dampflok

Böhlen (Ilmkreis). In der Sommerakademie Böhlen gaben Lilo Kraus, Chris Schmitt und Peter Pelzner ein Konzert für Harfe und Bluesharp.

Harfenistin Lilo Kraus spielte in Böhlen solistisch und im Trio. Foto: Frauke Adrians

Harfenistin Lilo Kraus spielte in Böhlen solistisch und im Trio. Foto: Frauke Adrians

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Gegen Hitze hilft fast nichts so gut wie Blues. Die Sommerakademie Böhlen hatte am Montagabend ein Trio aus Nürnberg zu Gast, das diesen köstlich coolen Musikstil in einer weltweit wohl einzigartigen Besetzung zelebriert: Konzertharfe, Bluesharmonika, E-Gitarre. Das passt nicht? Und ob. Wenn drei so vielseitige, gut aufeinander eingespielte Musiker wie Lilo Kraus, Chris Schmitt und Peter Pelzner zusammenkommen, dann hat diese Kombination nicht bloß Seltenheits- und Schauwert, dann ergeben sich tatsächlich ungeahnte Klangfarbmuster.

Dass die drei aus verschiedenen musikalischen Himmelsrichtungen stammen - Klassik, Blues, Jazz - , erhöht noch den Reiz dieser besonderen Begegnung. Denn was lässt sich nicht alles verbluesen! Selbst in der Nussknacker-Suite haben Lilo Kraus, Harfenistin der Nürnberger Philharmoniker, und ihre Kollegen einen Bluesakkord ausgemacht und einen Tschaikowsky-Blues darauf aufgebaut - besonders wirkungsvoll dank des witzigen Frage-Antwort-Spiels zwischen "Harp & Harp", Harfe und Bluesharp.

Rollenverteilungen, wie man sie aus Pop, Rock, Blues kennt, ist im Trio Kraus-Schmitt-Pelzner hinfällig, keines der Instrumente lässt sich auf den Lead-, Bass- oder Percussion-Part festlegen; also darf jeder mal jede Rolle spielen, oft in fliegendem Wechsel. Improvisationen wie in klassischen Blues- oder Jazzcombos sind da kaum möglich. Aber was dem Trio an Spontaneität zwangsläufig fehlt, das macht es durch Witz und Einfallsreichtum in den Arrangements wett.

Die E-Gitarre singt Bachs "Ave Maria"

Da erklingt bayrische Saitenmusik ohne Zither und Hackbrett, dafür aber mit entspannten Hawaiigitarren-Effekten von Peter Pelzner; da verleiht Chris Schmitts Bluesharp einem "Tango triste" eine tiefmelancholische Note. Besonders raffiniert ist die Trio-Version von Bachs Ave-Maria-Präludium aus dem "Wohltemperirten Clavier": Zu sanft aufgeblätterten Harfenakkorden brummt die Mundharmonika eine erdige Unterstimme; die E-Gitarre singt dazu wie ein leicht überspannter Tenor. Hinreißend.

Lilo Kraus, hauptberuflich im Orchestergraben tätig, genießt es sichtlich, die Bandbreite ihres Instruments solistisch auszuloten - mal mit einem Stück von Oswald von Wolkenstein, mal mit einer virtuosen Sonate der Mozart-Zeitgenossin Sophia Dussek. Ein Höhepunkt des umjubelten Konzerts: der Mundharmonika-Dampfzug, den Chris Schmitt durch den voll besetzten Saal schnaufen lässt. Und die Grillen vorm Fenster zirpen die Oberstimme dazu. Magische Musikmomente, wie es sie in Großstadt-Konzertsälen nicht gibt.