Weimar erforscht Gospel-Königin

Prof. Martin Pfleiderer und seine Mitarbeiter untersuchen an der Musikhochschule Stimme und Gesang in der populären Musik der USA. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das Projekt für zunächst zwei Jahre.

Wer Mahalia Jackson singen hört, denkt an Aretha Franklin (im Bild). Foto: AP/Mary Altaffer

Wer Mahalia Jackson singen hört, denkt an Aretha Franklin (im Bild). Foto: AP/Mary Altaffer

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Weimar. Bing Crosby und Mahalia Jackson: Beide sind Amerikaner, beide gehören derselben Generation an, und doch trennen sie musikalische Welten. Der weiße Jazz- und Popsänger mit der schmiegsamen Stimme, der mit "White Christmas" einen der größten Schallplattenerfolge aller Zeiten feierte, und die schwarze Queen of Gospel mit dem charakteristischen Contralto hatten große Fan-Gemeinden, die ganz besonders ihre Stimmen liebten.

Beide werden in Weimar jetzt zum Forschungsgegenstand: Ein neues Wissenschaftsprojekt der Musikhochschule widmet sich "Stimme und Gesang in der populären Musik der USA 1900-1960".

Hinter dem langen Titel verbirgt sich eine weitaus längere Liste von Stilrichtungen und musikalischen Moden, Gesangstechniken und stimmlichen Ausdrucksformen, die Martin Pfleiderer, Professor für die Geschichte des Jazz und der populären Musik, gemeinsam mit seinen Mitarbeitern unter die Lupe nehmen will. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das Projekt für zunächst zwei Jahre; zwei Mitarbeiterstellen können dadurch finanziert werden.

Zu Hause ist das Projekt seit Neuestem in der Altenburg, im Domizil des Wahl-Weimarers Franz Liszt. Bei ihm ist es gut aufgehoben. Liszt, der als Tournee-Pianist in ganz Europa frenetische Begeisterung auslöste, ist einer der wichtigsten Gewährsmänner für die Erkenntnis, dass die strenge Trennung zwischen klassischer und populärer Musik noch nie funktioniert hat.

Martin Pfleiderer und seine Mitarbeiter befassen sich in ihren derzeit noch spartanisch eingerichteten Räumen mit den wahren Klassikern des Populären. Blues, Jazz, Gospel, Country und Folk, American Popular Song sowie - als jüngere Entwicklungen - Rhythm & Blues und Rock’n’Roll sind ihre Forschungsfelder. Jede Musikrichtung hatte und hat ihre Stars, für jede sind bestimmte Gesangsstile typisch, auch wenn die Grenzen, etwa zwischen Blues und Jazz, fließend sein können.

Wie und warum Gesangsstimmen wirken, warum sie beim Publikum ankommen - oder auch nicht -, wie eine Stimme das Image des Sängers prägt: Das sind Fragen, die den Weimarer Professor Martin Pfleiderer schon seit Jahren beschäftigen. "Und dazu wurde bislang noch gar nicht so viel geforscht", sagt er, "auch in den USA nicht."

Das Forschungsgebiet "populäre Musik" ist riesig, Pfleiderer musste es für sein Projekt zeitlich eingrenzen. "Dass wir den Strich bei 1960 ziehen, heißt aber nicht, dass wir die Zeit danach außer Acht lassen."

Zusammenarbeit mit dem Jazz-Archiv in Eisenach

Wer sich mit Woody Guthrie befasst, hat Bob Dylan im Blick; ohne Muddy Waters und Howlin’ Wolf wären die Rolling Stones kaum denkbar; wer Mahalia Jackson singen hört, denkt sofort an Aretha Franklin an ihre jüngst verstorbenen Töchter im Geiste, Whitney Houston und Amy Winehouse. Der Soul erlebt seit Jahren eine, wenn auch Pop-lastige, Renaissance, eine harte Zäsur im Jahre 1960 wäre da geradezu ahistorisch.

Um zu erfahren, wie Stimmen wirken und in vergangenen Jahrzehnten gewirkt haben, arbeiten Martin Pfleiderer und seine Kollegen mit dem Internationalen Archiv für Jazz und populäre Musik der Lippmann+Rau-Stiftung in Eisenach" zusammen. Dort können sie nicht nur auf große Bestände von Schallplatten und anderen Tondokumenten zurückgreifen, sondern auch auf Zeitungsberichte, Kritiken sowie auf die Charts im Musikmagazin "Billboard". Alles, was über Konzerte, Filmauftritte und Schallplatten populärer Sänger geschrieben wurde, aber auch über ihr - tatsächliches oder inszeniertes - Privatleben, gibt Aufschluss über ihre Karriere, ihr Image und über den Effekt, den ihre Stimme auf das Publikum hatte.

Dabei spielen auch Sozial- und Kulturgeschichte eine Rolle, nicht zuletzt die Gräben zwischen "weißer" und "schwarzer" Musik. Martin Pfleiderer warnt allerdings vor Klischees. "Bereits in den 20er-Jahren nahmen weiße Musiker Blues-Platten auf." Auch der Jazz ließ sich schon bald nach seinen "schwarzen" Anfängen um 1900 nicht mehr auf eine Hautfarbe festlegen - anders als der frühe Soul und Gospel.

Warum manche Erfolgsrezepte bis heute wirken, warum einige Gesangsstile und -techniken irgendwann "out" sind - auch darüber könnte das Forschungsprojekt Auskunft geben. Dazu will Pfleiderer die Techniken, die für Jazz-, Blues- oder Soulgesang typisch sind, genauer analysieren, "Ziel ist eine grundlegende Systematik vokaler Gestaltungsmittel", die es bislang nicht gebe.

Der Sprechgesang beim Talkin’ Blues, der melismatische Stil beim Soul - auf eine einzelne Textsilbe werden ganze Tonfolgen gelegt -, das Crooning von Frank Sinatra und Dean Martin, die sich stark an Revue und Musical orientierten, oder auch Techniken wie Scat, mit denen der Sänger den Klang von Musikinstrumenten nachahmt: All diese Mittel und vokalen Tricks sind Gegenstand der Untersuchung.

"Es ist ideal, dass wir gleich hier an der Hochschule mit Gesangsstudenten und Gesangsprofessoren wie Jeff Cascaro zusammenarbeiten können", so Pfleiderer. Die Profis aus der Praxis können weiterhelfen, wenn es darum geht, anatomische Voraussetzungen für bestimmte Stimmtechniken zu erklären oder ihren Klangeffekt zu beschreiben.

Das Forschungsprojekt soll zu Publikationen führen, sowohl in Buchform als auch im Internet; dort möchte Martin Pfleiderer die Ergebnisse nicht nur sicht-, sondern in Klangbeispielen auch hörbar machen.

Eine Tagung wäre denkbar. Und wer weiß - vielleicht nehmen sich die Populärmusik-Historiker von der Musikhochschule Weimar eines Tages auch die Jahre nach 1960 vor.

Aber das wäre schon das nächste, sehr weite und sehr klangvolle Forschungsfeld.

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