"Werther" in Weimar: Damen überzuckern die Szenerie

Weimar. Regisseur Michael Talke inszenierte die Oper ohne emotionale Bindung, aber mit klar durchdachter Struktur.

Julia Rutigliano als Charlotte in Massenets "Werther". Ihr Mezzosopran überwand die anfängliche Sprödigkeit, je mehr sich die Oper zu ihrem bitteren Ende neigte. Auch die Mitglieder der Schola Cantorum Weimar überzeugten. Foto: Marco Kneise

Julia Rutigliano als Charlotte in Massenets "Werther". Ihr Mezzosopran überwand die anfängliche Sprödigkeit, je mehr sich die Oper zu ihrem bitteren Ende neigte. Auch die Mitglieder der Schola Cantorum Weimar überzeugten. Foto: Marco Kneise

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Ist es verwerflich, während einer Opernaufführung an einen Film zu denken? Während Jules Massenets lyrisches Drama "Werther" am Deutschen Nationaltheater Weimar eine mit starkem Beifall bedachte Premiere erlebte, kam mir immer wieder das mich tief berührende Schicksal der Francesca, wunderbar verkörpert von Meryl Streep, aus "Die Brücken am Fluss" in den Sinn.

Abwegig ist das nicht, denn auch im Spielfilm entscheidet sich der Lebensweg einer Frau zwischen ehelicher Normalität und erotischen Träumen durch einen heftigen Wimpernschlag des Schicksals. Mit Francesca und Clint Eastwood kann ich weinen, mit Charlotte und Werther nicht. Vielleicht liegt das an solch aufgesetzten Gesten wie derjenigen am Ende der Inszenierung, da sich beide demonstrativ die leeren Arme entgegenstrecken.

Obwohl die Weimarer Staatskapelle unter Leitung von Martin Hoff die reiche Klangpalette der Partitur entfaltete, die melodischen Bögen von grell-giftiger Höhe organisch hinabschwangen zu die Gemüter besänftigenden Celli-Kantilenen, obwohl die deftige Tuba dramatisch dreinfuhr und ihr geschmeidige Violinen sowie Harfe antworteten, blieb ich vom Leiden der Protagonisten ziemlich unberührt.

Bezüglich dieser Distanz befinde ich mich wohl im Einklang mit dem Regisseur Michael Talke, der den "Werther" ohne emotionale Bindung, aber mit klar durchdachter Struktur inszenierte. Talke spielt Schach mit den Figuren in einer grauen Wohnzelle, in der das doppelte Lottchen schnelle Perückenwechsel vornimmt. Mechanisch wird ein Fenstervorhang auf- und zugezogen und mahnt einen Besuch im Schmetterlingshaus der Ega an.

Schmetterlinge im Bauch? In dieser Inszenierung hat sie eigentlich niemand, eher Flausen im Kopf. Michael Talke verlegt sich aufs Illustrieren der tragischen Geschichte. In der Puppenstube drehen sich Discokugeln überm lila Zweisitzer, durchs undichte Dach schneit es herein und erspart aufwendige Bildwechsel.

Von beklemmender Wirkung ist allerdings das große Fensterkreuz auf dem schwarzen Bühnenvorhang. Ein stummes Zeichen, das mahnt, die Leiden hinter den Fassaden zu erahnen.

Gesucht wird, nicht nur für die französische Oper, immer noch der ideale Tenor. Artjom Korotkov (Werther) mimt den schwärmerischen Selbstdarsteller überzeugend und vergisst auch nicht das Mundspray, wenn er zum Weibe geht. Doch sein Tenor vergönnt ihm wie dem Publikum selten ausladendes Forte.

In den Nebenrollen niemand ohne Fehl

Der bräsige Albert (Alik Abdukayumov) hat nicht nur ein Ehe-, sondern auch ein Intonationsproblem. Überhaupt agiert niemand in den Nebenrollen ohne Fehl und Tadel: Uwe Schenker-Primus (Le Bailli), Alexander Günther (Schmidt), Sebastian Campione (Johann), Jens Schmiedeke (Klopstock-Eintänzer Brühlmann).

Auf Charlottes singende Geschwisterschar beziehungsweise auf die fleißig Theatererfahrung sammelnden Mitglieder der Schola Cantorum Weimar (Isabelle Geelhaar, Svenja Herz, Tabea und Deborah Kapsner, Anton Ortmann, Sophia-Charlotte Reiser) war Verlass, selbst wenn sie aufgrund ihrer Kleidung einer anderen Epoche als ihre wenig mütterliche Schwester angehören.

Zwei Damen überzuckerten die sachlich bebilderte Szenerie mit ihrem Charme. Julia Rutiglianos schlank geführter und zu ausladender Emphase fähiger Mezzosopran überwand die anfängliche Sprödigkeit, je mehr sich die Oper zu ihrem bitteren Ende neigte. Mit Charlottes Flehen "Erhöre mein Gebet" empfahl sich Julia Rutigliano als emotionaler Fixstern des Abends.

Ein ganz eigenes, hell scheinendes Licht schenkte auch Elisabeth Wimmer der Premiere. Keck und gewandt spielte sie die Sophie und provozierte den ihr in mancherlei Hinsicht wesensverwandten Werther. Elisabeth Wimmer - laut Textbuch und Sopran eine wahrhaft heitere Sonne.

"Et Werther moi je t'aime?" Ein Herz und eine Opernseele werden wir beide wohl nie. Ich achte, aber liebe dich nicht, weil ich nicht mit dir weinen kann - "Werther".

  • Nächste Vorstellung: 23. Januar, 19.30 Uhr , Karten: 17,50 bis 33 Euro

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