Start für "Tinte": Grundschüler als Zeitungsleser

25 Schulen in Thüringen sollen bei einem Pilotprojekt von "Thüringer Allgemeine" und dem Lehrerinstitut Thillm das Zeitunglesen und die kritische Sicht auf Medien erlernen. Die Lehrer informierten sich am Montag über das Konzept, bei dem sich Kinder auch selbst als Reporter ausprobieren können.

Am Montagnachmittag trafen sich Thüringer Lehrer zur Auftaktveranstaltung des Grundschulprojektes "Tinte" im Druckhaus der Thüringer Allgemeine in Erfurt-Bindersleben. Foto: Marco Kneise

Am Montagnachmittag trafen sich Thüringer Lehrer zur Auftaktveranstaltung des Grundschulprojektes "Tinte" im Druckhaus der Thüringer Allgemeine in Erfurt-Bindersleben. Foto: Marco Kneise

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Erfurt. "Tinte" soll Einzug in Thüringens Klassenzimmern halten. Gestern fiel der offizielle Startschuss für ein Zeitungsprojekt, mit dem unsere Zeitung gemeinsam mit dem Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (Thillm) ein Stück Neuland betritt.

"Das Zeitunglesen ist nicht einfach", verwies der stellvertretende Chefredakteur Dirk Löhr auf die Fülle der Informationen. Das Internet bietet ein Vielfaches mehr an Nachrichten und Berichten ungefiltert. Daher sei es gut, Kindern die kritische Sicht auf Medien zu vermitteln. "Denn für die Demokratie ist es wichtig, dass man sich ein eigenes Bild machen kann", so Löhr.

Das Pilotprojekt "Thüringer Informationen neugierig testen" (Tinte) soll Grundschülern der dritten und vierten Klassen die Zeitung und das Zeitungsmachen näherbringen. Die Kinder können dabei lernen, wie sie Zugang zu seriösen Informationen bekommen.

In 25 Schulen des Freistaats wollen unsere Zeitung und das Thillm das Projekt testen. Vier Wochen lang bekommt jeder der Schüler täglich die Zeitung, die dann die Mädchen und Jungen spielerisch entdecken sollen. Und dabei können sich die Kinder auch selbst als Reporter ausprobieren, eigene Artikel schreiben, die dann in der "Thüringer Allgemeine" veröffentlicht werden.

Hilfestellung bieten ein Schüler- und ein Lehrerheft. Diese aber sind nur eine Anregung. Jeder Lehrer kann das Unterrichtsmaterial individuell einsetzen den Fähigkeiten der Schüler entsprechend.

"Ein Pilotprojekt hat immer auch etwas Überraschendes", so Martin Seelig, stellvertretender Thillm-Direktor. Er ist daher schon gespannt, was "Tinte" bringen wird. Und er freut sich, dass das Projekt die Medien-Kompetenz schult. Zumal das Thillm die Medien im Namen trage. Darüber hinaus würden die Kinder lernen, in der Gruppe zu arbeiten und sich mit ihrer Meinung durchzusetzen. Auch das Lesen werde gefördert. "Das Besondere dabei ist, dass wir in der Grundschule beginnen", verwies Seelig auf andere Medienprojekte, die aber für höhere Klassenstufen konzipiert sind.

In der vergangenen Woche haben Kinder in fünf Thüringer Schulen den Namen für das Projekt selbst gewählt. Auch die "Ozeanklasse" der "Karl-Zink-Schule in Ilmenau durfte ihre Stimme abgeben.

Und sie wird eine der 25 Projektklassen sein. "In vielen Elternhäusern gibt es keine Zeitung mehr", weiß Schulleiterin Ines Frey. Sie freut sich, dass die Schule dabei sein kann und hofft, dass die Schüler durch "Tinte" noch mehr zum Lesen animiert werden. Denn Ines Frey ist es wichtig, dass die Kinder Freude am Lesen haben. "Man muss ihnen dabei natürlich auch die Freiheit lassen, sie lesen zu lassen, was sie interessiert", so die Schulleiterin.

Kürzlich ist in der Ilmenauer Schule die Lesewoche zu Ende gegangen, wo die Kinder auch ein Buch vorstellen sollten. "Wir könnten ja über unser Lieblingsbuch einen Artikel schreiben", schlug eines der Mädchen vor. Kerstin Oßmann, Lehrerin der Ozeanklasse, findet das toll. "Wenn das in der Zeitung erscheinen würde, wäre das der absolute Bringer."

Mit Zeitungen gegen den Lese-Knick

Dr. Andreas Jantowski sprach mit Saskia Fritsche über die Chancen des Projekts "Tinte" für Schüler, Lehrer und die Forschung.

Warum engagiert sich Ihr Institut beim Projekt "Tinte"?

Es ist ja nun von verschiedenen Seiten aus ein hochinteressantes Projekt. Es bietet auf verschiedenen Ebenen Ansatzpunkte. Wir können die Lese-Kompetenz und die Medien-Kompetenz fördern und an die Lebenswelt der Schüler anschließen. Das heißt, wir können an Themen arbeiten, die die Schüler auch wirklich interessieren, an denen sie dran sind.

Ist es nötig, die Lese-Kompetenz stärker zu fördern?

In der Grundschule sind die Kinder in Thüringen noch Spitze. Erst zwischen der fünften und sechsten Klasse gibt es einen Lese-Knick. Dieses Projekt richtet sich an dritte und vierte Klassen, setzt also sehr frühzeitig ein. Das ist gut so. Man muss vor der fünften und sechsten Klasse anfangen, um diesen Knick möglichst zu vermeiden.

Sie rechnen also damit, dass das Projekt die Grundschüler zum Lesen und Schreiben motiviert?

Eine Theorie besagt: Je höher der Grad der Selbstbestimmung, desto motivierter das Lernen. Und wenn ich dieses Projekt anschaue: Die Schüler bestimmen ja sogar den Titel selbst. Damit haben sie einen gewaltigen Gestaltungs- und Mitbestimmungsspielraum.

Und natürlich werden die Schüler auch zum Lesen motiviert. Die Schüler müssen ja, um dieses Projekt erfolgreich bewältigen zu können, recherchieren, lesen und schreiben. Und da haben wir den vollständigen Lese- und Schreiblernprozess.

Ist es sinnvoll, auch die Medien-Kompetenz möglichst früh zu fördern?

Ich muss mich ja fragen: Wann werden die Kinder das erste Mal mit den Medien konfrontiert? Und das geht ja bereits im frühkindlichen Bereich los. Also müssen sie sich mit Medien kritisch auseinandersetzen. Sie müssen wissen: Inwieweit kann ich dem Medium vertrauen? Was kann ich mit diesem Medium machen? Wie muss ich den Wahrheits- und Informationsgehalt bewerten?

Zum Beispiel?

Wenn ein Kind im Alter von sechs, sieben oder acht Jahren das erste Handy bekommt und darauf die Nachricht erscheint: "Ich habe hier ein schönes Abo, wenn du hier klickst, bekommst du ganz viele Spiele." Dann muss es wissen, dass es dafür auch ganz viel Geld bezahlt. Also brauchen Kinder Medien-Kompetenz. Diese muss man selbstverständlich mit audiovisuellen und elektronischen Medien ausbilden, aber eben auch mit Zeitungen.

Kann man Kinder überhaupt noch für ein klassisches Medium wie die Zeitung begeistern?

Ich hätte bei dem Projekt nicht mitgemacht, wenn ich nicht daran glauben würde. Das Medium Zeitung, und vor allem die regionalen oder lokalen Zeitungen haben gegenüber den großen Massenmedien den Vorzug, dass sie regional angesiedelt sind. Dort werden Themen aufgriffen, die direkt zur Lebenswelt der Kinder passen.

Und es ist bei diesen Zeitungen eben auch möglich - und deswegen bin ich für dieses Projekt so dankbar -, dass Kinder recherchieren, als Reporter tätig werden und sich selber in der Zeitung lesen können. Das ist also ein gewaltiger Motivationsschub für die Kinder.

Was können die Schüler darüber hinaus von dem Projekt lernen?

Hochtrabend ausgedrückt, lernen sie die ersten Methoden empirischer Sozialforschung, wenn sie zum Beispiel ein Interview führen. Sie lernen also grundlegende Techniken der Befragung. Weiterhin trägt das Projekt natürlich dazu bei, dass die Kinder selbstsicherer werden. Sie lernen, mit anderen in Kontakt zu treten, Hindernisse zu überwinden, Hinweise aufzunehmen, zu verarbeiten, einen Zeitplan zu strukturieren. Das alles gehört zur Selbstkompetenz. Auch ihre Sozialkompetenzen können die Schüler trainieren: Sie lernen, mit anderen zusammenzuarbeiten, sich kritisch auseinanderzusetzen und sich eine eigene Meinung zu bilden.

Haben sie schon Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht?

Wir haben schon Zeitungsprojekte durchgeführt und wir haben gesehen, dass immer dann, wenn Kinder ihre eigenen Ergebnisse in der Zeitung lesen, das Interesse für die Zeitung extrem zunimmt. Es geht mir nicht darum, dass jetzt Kinder plötzlich ihre Eltern dazu bringen, eine Zeitung zu abonnieren. Sie sollen ein Medium kennenlernen und dann entscheiden können: Nutze ich es oder nutze ich es nicht? Welchen Wert hat es für mich?

Was erhoffen Sie sich von dem Pilot-Projekt?

Ein Ziel ist es, am Ende didaktisch-methodische Handreichungen zu haben, wie man das Projekt in die Fläche tragen könnte, um es für alle Lehrer nutzbar zu machen. Und natürlich hat es auch eine Forschungsperspektive.

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