Tausende Thüringer müssen trotz Vollzeitstelle aufstocken

Erfurt/Halle. Etwa 8500 Thüringer waren nach Zahlen der Agentur für Arbeit trotz eines Vollzeitjobs auf Hartz IV angewiesen. Damit arbeitet etwa jeder Fünfte der etwa 44.100 erwerbstätigen Arbeitslosengeld-II-Empfänger im Freistaat auf einer Vollzeitstelle.

Etwa jeder fünfte Thüringer war zuletzt trotz Job auf staatliche Hilfen angewiesen - viele sogar trotz einer Vollzeitstelle. Ob der gesetzliche Mindestlohn daran etwas ändert, ist offen. Foto: Ralf Hirschberger/dpa

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"Das ist im Bundesvergleich schon ein hoher Wert", sagte der Chef der Landesarbeitsagentur, Kay Senius.

Die Einführung des Mindestlohns zum 1. Januar 2015 werde auf diese Zahlen sicher Auswirkungen haben. "Ob sich aber wirklich signifikante Veränderungen ergeben werden, müssen wir abwarten", erklärte Senius. Aktuellere Zahlen als die vom Sommer 2014 liegen der Arbeitsagentur nach eigenen Angaben gegenwärtig nicht vor.

Den Daten nach bekamen damals etwa 12.600 Männer und Frauen neben ihrem Teilzeit-Job Arbeitslosengeld II - umgangssprachlich auch Hartz IV genannt. Etwa 18.700 erhielten diese Form der Unterstützung parallel zu einer geringfügigen Beschäftigung, etwa 4700 parallel zu einer selbstständigen Tätigkeit. Menschen, die trotz Arbeit so wenig verdienen, dass sie auf Arbeitslosengeld II angewiesen sind, werden häufig auch "Aufstocker" genannt.

Menschen, die trotz Vollzeit-Job auf Arbeitslosengeld II angewiesen seien, haben nach Angaben von Senius im Schnitt etwa 500 Euro pro Monat vom Staat erhalten. Ziemlich sicher werde sich die Höhe dieses Zuschussbedarfs durch die Einführung des Mindestlohns bei vielen Menschen verringern. Schon deswegen sei die Lohnuntergrenze auch gesamtgesellschaftlich betrachtet ein Gewinn. Besonders häufig müssen laut Senius Beschäftigte im Reinigungsgewerbe, in Hotels und Gaststätten sowie Leiharbeiter ihre Einkommen aufstocken lassen, um die nötigsten Ausgaben finanzieren zu können.

Nach den Zahlen der Agentur waren im Juli 2014 von den etwa 44.100 erwerbstätigen Arbeitslosengeld-II-Empfängern etwa 7600 alleinerziehend; etwa 9200 Aufstocker lebten in einer Partnerschaft und hatten ein oder mehrere Kinder. Rund 17.600 Männer und Frauen, die auf staatliche Unterstützung angewiesen waren, lebten alleine und ohne Kinder in einer sogenannten Single-Bedarfsgemeinschaft.

Nach den Erfahrungen der Arbeitsmarktexperten ist es schwer, Aufstocker aus dem Bezug von Arbeitslosengeld-II herauszuholen - gerade wenn sie bisher in Vollzeit arbeiteten. Einerseits hätten viele der Betroffenen gelernt, mit sehr wenig Geld auszukommen. Deswegen fehle ihnen nicht selten der Anreiz, die eigene Lage zu verbessern. Andererseits seien die bestehenden Förderprogramme der Agentur für Arbeit wenig geeignet, jene durch Weiterbildung zu unterstützen, die ihre Lage ändern möchten.

Nicht selten müssten die Betroffenen während solcher Qualifizierungen für einen Übergangszeitraum mit weniger Geld auskommen, als sie als Aufstocker haben. Das sei für viele unmöglich - besonders dann, wenn sie Kinder hätten. Auch deshalb habe es jüngst ein Modellprojekt der Agentur in Ostthüringen gegeben, bei dem solche Förderlücken erfolgreich umgangen worden seien.

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