Berlin. Homöopathie ist umstritten. Gesundheitsminister Lauterbach will die Finanzierung streichen. Was Kassenpatienten jetzt wissen müssen.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) will die Finanzierung homöopathischer Behandlungen durch die gesetzlichen Krankenkassen streichen. „Leistungen, die keinen medizinisch belegbaren Nutzen haben, dürfen nicht aus Beitragsmitteln finanziert werden“, heißt es in einem Empfehlungsschreiben an seine Ministerkolleginnen und -kollegen zur Begründung. So sollen unnötige Ausgaben vermieden werden. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Homöopathie: Was ist das eigentlich?

Das Verfahren wurde von Arzt Samuel Hahnemann 1796 entwickelt. Die Idee dahinter lautet: Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden. Das bedeutet, dass ein Stoff, der die Beschwerden auslösen kann, die Patientinnen und Patienten plagen, auch zu deren Linderung beitragen soll.

Ein Pro und Contra zum Thema

Die korrekte Auswahl des Arzneimittels soll entsprechend einen Reiz auslösen und so Selbstheilungskräfte aktivieren. Basis für homöopathische Arzneimittel können pflanzliche, mineralische und tierische Substanzen sein. Die Stoffe werden extrem mit Wasser verdünnt (potenziert) und zum Beispiel in Form von Zuckerkügelchen (Globuli) verabreicht.

Extrem verdünnt und dann auf Globoli getropft. Jeder Zweite Erwachsene in Deutschland hat schon homöopatische Mittel eingenommen.
Extrem verdünnt und dann auf Globoli getropft. Jeder Zweite Erwachsene in Deutschland hat schon homöopatische Mittel eingenommen. © Getty Images/iStockphoto | Kerrick

Wie verbreitet ist Homöopathie in Deutschland?

2021 gaben in einer Umfrage im Auftrag der Deutschen Homöopathie Union rund 70 Prozent der Teilnehmenden an, offen zu sein für Homöopathie. 54 Prozent hatten schon Erfahrung mit einer homöopathischen Behandlung. Über 60 Prozent von ihnen waren den Angaben zufolge mit der Wirksamkeit zufrieden. Die Apotheken in Deutschland haben 2020 laut dem Marktforschungsinstitut Iqvia homöopathische Mittel im Gesamtwert von rund 804 Millionen Euro verkauft.

Wie viele homöopathische Medikamte gibt es?

Laut dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sind derzeit etwa 4500 homöopathische Arzneimittel in Deutschland registriert und zugelassen. Für sie gelten andere gesetzliche Regeln als für andere Arzneimittel, weil Homöopathie in Deutschland zu den „besonderen Therapierichtungen“ zählt.

Viele der Mittel müssen nicht zugelassen, sondern nur registriert werden. Die Hersteller müssen Qualität und Unbedenklichkeit nachweisen, nicht aber die Wirksamkeit. Etwas anders ist es bei homöopathischen Arzneimitteln, die auf der Packung ein Anwendungsgebiet angeben, also gegen Erkältungen oder Allergien helfen sollen. Für sie braucht es eine Zulassung.

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Allerdings gelten für Homöopathika auch bei der Zulassung andere Regeln als für die meisten Arzneimittel. Sie müssen nur dann eine klinische Wirksamkeitsprüfung mit einreichen, wenn sie gegen schwere oder lebensbedrohliche Erkrankungen helfen sollen. Darüber hinaus können die Mittel auch per „zusätzlichem wissenschaftlichen Erkenntnismaterial“ und der „Auswertung medizinischer Erfahrungen“ zugelassen werden.

Will den Kassen verbieten, homöopathische Behandlungen zu zahlen: Bundesgesundheitsminiser Karl Lauterbach (SPD).
Will den Kassen verbieten, homöopathische Behandlungen zu zahlen: Bundesgesundheitsminiser Karl Lauterbach (SPD). © DPA Images | Carsten Koall

Zahlen die Kassen homöopathische Behandlungen?

Homöopathie gehört nicht zum Standardleistungskatalog der Krankenkassen. Diese können sie aber auf freiwilliger Basis als sogenannte Satzungsleistung anbieten. Wie viele der 95 gesetzlichen Kassen genau hier Teile der Kosten oder auch die gesamte Behandlung bezahlen, ist unklar. Laut dem Vergleichsportal gesetzlichekrankenkassen.de könnten es etwa 70 sein.

Warum will das Gesundheitsministerium das ändern?

Karl Lauterbach will die Möglichkeit der Krankenkassen, in der Satzung auch homöopathische Leistungen vorzusehen, streichen. Es gehe darum, unnötige Ausgaben der Kassen zu vermeiden: „Leistungen, die keinen medizinisch belegbaren Nutzen haben, dürfen nicht aus Beitragsmitteln finanziert werden.“ Zusatzversicherungen sollen aber weiter möglich sein. Dabei zahlen Versicherungsnehmer einen bestimmten Beitrag, damit Behandlungskosten für Homöopathie erstattet werden.

Wie viel geben die gesetzlichen Krankenversicherungen für Homöopathie aus?

Im Jahr 2022 haben die gesetzlichen Krankenkassen laut Angaben des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie etwa 6,6 Millionen Euro für Homöopathika ausgegeben. Die Ausgaben für Arzneimittel betrugen insgesamt etwa 50 Milliarden Euro.

Was sagt die Wissenschaft über die Wirksamkeit von Homöopathie?

1997 wurde erstmals eine ausführliche Metastudie im Fachjournal „Lancet“ veröffentlicht. Diese hatte die Ergebnisse vieler anderer Studien ausgewertet. Ergebnis: Für keine Erkrankung sei die Wirkung eines bestimmten homöopathischen Mittels ausreichend belegt. Die Autorinnen und Autoren fanden allerdings positive Effekte, wenn sie die Daten mehrerer Studien zusammen betrachteten. Dies könnte ein Placebo-Effekt sein. Dieser besteht dann, wenn nach Einnahme eines Medikaments eine erwünschte psychische oder körperliche Reaktion erfolgt, die nicht auf im Medikament enthaltene Wirkstoffe zurückzuführen ist.

In den Jahren 2014 und 2017 gab es weitere Metastudien: Auch dabei konnten Forschende keinen zuverlässigen Nachweis für die Wirksamkeit von Homöopathie für irgendeine Erkrankung finden.

Was sagen die Befürworter?

Immer wieder erzählen Menschen, dass ihnen die Homöopathie geholfen hat. In einer Großzahl an Studien schreiben Forschende einen möglichen Therapieerfolg dem Placebo-Effekt zu. Der Verband der Homöopathieärzte ist anderer Meiung.

Für diesen schrieb Dr. Jens Behnke 2017: „Insgesamt ergibt sich hinsichtlich der bis dato publizierten maßgeblichen Meta-Analysen zur Homöopathie, dass in vier von fünf Fällen tendenziell eine spezifische Wirksamkeit potenzierter Arzneimittel über Placebo hinaus erkennbar ist. Das Gesamtergebnis fällt jeweils nur dann negativ aus, wenn der größte Teil der vorliegenden Daten (90 bis 95 Prozent) von der Auswertung ausgeschlossen wird und/oder fragwürdige statistische Methoden angewandt werden.“