Thüringer schlucken zu viele Medikamente gleichzeitig

Erfurt  Die Thüringer nehmen zu viele Medikamente gleichzeitig. Laut Barmer schluckt allein jeder dritte Versicherte der Krankenkasse fünf und mehr Medikamente, fast jeder zehnte sogar mehr als zehn Arzneien.

Eine Apothekerin sucht Arznei in den Medikamenten-Schubladen.

Eine Apothekerin sucht Arznei in den Medikamenten-Schubladen.

Foto: Friso Gentsch/dpa

Die Thüringer nehmen zu viele Medikamente gleichzeitig. Laut Barmer schluckt allein jeder dritte Versicherte der Krankenkasse fünf und mehr Medikamente, fast jeder zehnte sogar mehr als zehn Arzneien. „Eine größere Anzahl von Medikamenten stellt ein erhöhtes Risiko für unerwünschte Neben und Wechselwirkungen dar. Diese sind für fünf Prozent aller Einweisungen in Krankenhäuser verantwortlich“, erklärt Birgit Dziuk, Landeschefin der Barmer.

In Deutschland gibt es rund 48.000 verschreibungspflichtige und etwa 20.000 nicht verschreibungspflichtige, apothekenpflichtige Arzneimittel Die sich daraus ergebenden Wechselwirkungen seien schwer zu überschauen. Ärzte hätten oft nur einen Überblick über die verordneten Medikamente.

Eigentlich sollen die neuen bundeseinheitlichen Medikamentenpläne des Aktionsbündnisses Patientensicherheit zuviel Durcheinander verhindern. Laut Thüringer Apothekerverband sind die Pläne aber wirkungslos. „In den Thüringer Apotheken kommen keine Pläne an. Ein apothekenseitig vermittelter positiver Effekt findet nicht statt“, sagt der Verbandsvorsitzende und Inhaber der Weimarer Classic-Apotheke, Stefan Fink. Mitverantwortlich dafür seien die Hersteller von Arzt- und Apothekensoftware, die mit der Anpassung ihrer Systeme nicht hinterherkommen. Ein elektronischer Zugriff von Ärzten und Apothekern auf eine zentrale Datenbasis sei so bisher nicht möglich. Patienten könnten sich zwar Pläne ausdrucken lassen. In der Papierform blieben diese aber eine Krücke.

Nach Schätzungen der Apotheker nehmen neun Millionen Deutsche fünf und mehr Medikamente dauerhaft ein. „Kein Mensch weiß, was diese Leute genau schlucken. Das ist unverantwortlich“, so Fink.

Was Patienten wirklich nütze, so eine vom Bundesgesundheitsministerium geförderte Studie, sei eine intensive und strukturierte Zusammenarbeit von Arzt und Apotheker. Beim Apotheker-Verband setzt man deshalb vorerst weiter vor allem auf die Arzneimittelinitiative Armin, ein regionales Modellprojekt zur Optimierung der Arzneimittelversorgung in Sachsen und Thüringen, auf das sich Kassenärztliche Vereinigungen (KV) und Apotheken mit der AOK unabhängig von der Einführung des bundeseinheitlichen Medikamentenplanes verständigt haben. Laut AOK plus sind derzeit in Thüringen 312 Ärzte, 467 Apotheker und 748 Versicherte bei Armin eingeschrieben.

Bei der KV in Thüringen hält man das Nebeneinander der verschiedenen Managementsysteme mit für einen Grund, dass diese sich nur zögerlich durchsetzen. „Viele Ärzte würden lieber Arnim statt den Medikamentenplan machen. Die Zielrichtung ist die Gleiche, bei Arnim operieren Ärzte und Apotheker aber auf Augenhöhe. Deswegen empfinden auch wir Armin als das eigentlich bessere System“, sagt KV-Sprecher Veit Malolepsy.

Auch die Barmer hat inzwischen in Sachen Medikation ein eigenes Forschungsprojekt namens AdAM gestartet. In der Modellregion Westfalen-Lippe bekommt der Hausarzt von der Krankenkasse eine Liste über die verordneten Arzneimittel sowie behandlungsrelevante medizinische Informationen. Verschriebene Arzneimittel des Patienten gehen ebenso ein wie deren Selbstmedikation. Dieser Überblick über die Gesamtheit der Einnahmen ermögliche es dem Arzt, gefährliche Wechselwirkungen besser zu erkennen.

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