60. Männerwallfahrt am Klüschen Hagis: Ein Rückblick

Tobias Gremler
| Lesedauer: 5 Minuten
1959 lautete das Motto „Im Kreuz ist Heil“. 14 Holzkreuze wurden in einer Prozession vom Kreuz am oberen Ende der Wallfahrtswiese zum Altar getragen. Foto: privat

1959 lautete das Motto „Im Kreuz ist Heil“. 14 Holzkreuze wurden in einer Prozession vom Kreuz am oberen Ende der Wallfahrtswiese zum Altar getragen. Foto: privat

Foto: zgt

Wachstedt (Eichsfeld). Wozu begeben sich gläubige Menschen auf eine Wallfahrt? Weil sie in der Bewegung des Wallfahrens eine Hinwendung zu Gott vollziehen. Weil sie anderen Wallfahrern begegnen und dadurch Selbstvergewisserung für ihr Glaubensleben erfahren. ­

Weil sie Zuspruch und Stärkung aus der Eucharistie und dem Wort Gottes erhalten. Weil sie ein persönliches Gebetsanliegen haben. Meine ersten Männerwallfahrtserfahrungen sammelte ich Anfang der 1990er-Jahre. Ich war 10 oder 11 Jahre alt. Zusammen mit meinem Vater und meinem älteren Bruder machte ich mich in den frühen Morgenstunden des Hochfestes Christi Himmelfahrt auf den Weg. Per Fahrrad fuhren wir von unserem Haus in Dingelstädt über Kefferhausen und Wachstedt zum Wallfahrtsort Klüschen Hagis. Der letzte Kilometer bergab entschädigte für die mühsame Fahrt hinauf nach Wachstedt.

Auf der Wallfahrtswiese angekommen, beeindruckte mich die große Anzahl der Menschen. Immer mehr strömten auf den Platz. Mit wenigen Ausnahmen waren sie alle froh gestimmt und in Erwartung eines besonderen Festereignisses. Als der Gottesdienst begann, staunte ich über Tausende betende und singende Männer, über Männer, die den Lesungen und der Predigt interessiert lauschten.

Während einer kurzen Stille nach der Predigt bildete sich aus dem konzentrierten Schweigen der Männer und der Anmut des Wallfahrtsortes ein besonderer, spiritueller Moment heraus. Als Junge habe ich diese Wahrnehmungen nicht weiter gedeutet. Erst in der Rückschau, in der mir diese Momente noch so präsent sind, erkenne ich deren Gehalt.

Die Geschichte der Männerwallfahrt beginnt weit vor meinen persönlichen Erfahrungen. In der Festschrift, die anlässlich der 40. Männerwallfahrt herausgegeben wurde, lässt sich die Genese der Wallfahrt nachlesen. Die Autoren schreiben: „Schon frühzeitig hatte man im Generalvikariat Erfurt erkannt, dass die einzelnen Gruppen der Gesellschaft seelsorglich betreut werden sollten. ( …) Mit der Leitung der Männerseelsorge im Eichsfeld wurde der damalige Rektor des Bergklosters in Heiligenstadt, Ernst Göller, (…) betraut.

Aus kleinen Anfängen begann die Arbeit; eine Gruppe von Männern, die ihn unterstützten, wurde gewonnen.“ Diese Gruppe legte den Grundstein einer bis heute fortbestehenden Männerseelsorge. Die Gruppenmitglieder organisierten Männerabende, Einkehrtage und Männerwerkwochen. Aus diesen Männerrunden heraus entwickelte sich nach kurzer Zeit die Idee einer Wallfahrt. Eine nicht zu unterschätzende Antriebsfeder war ein innerer Konflikt vieler Gläubigen, ausgelöst durch die immer intensiver werdenden Versuche des DDR-Staates, ihr Privatleben zu kontrollieren und zu steuern.

Bischof Wanke hielt 32 Predigten zur Wallfahrt

Bischof Joachim Wanke schreibt: „Die Männerwallfahrt ins Klüschen Hagis hat ihren Anfang in der frühen Zeit des DDR-Staates. Bewusst wollten damals die Wallfahrer ein Glaubenszeichen in einer gesellschaftlichen Umwelt setzen, die mehr und mehr vom verordneten Atheismus des SED-Staates geprägt wurde. Hier bei der Männerwallfahrt wurde von den Bischöfen ein klares Wort zu der jeweiligen Situation gesagt. Vom Evangelium Jesu Christi her wurde Wegweisung gegeben für das Leben des Christen im Alltag des DDR-Staates.“

Die Predigt des Bischofs bildete für viele Wallfahrer einen Höhepunkt der Männerwallfahrt. Die ermutigenden, stärkenden und vor allen Dingen ehrlichen Worte waren Balsam in einem verlogenen, auf Manipulation und Unterdrückung setzenden System. Nach dem Zusammenbruch des DDR-Regimes kristallisierten sich neue gesellschaftliche und politische Missstände heraus. 1998 wurden die soziale Kälte und die alles beherrschende wirtschaftliche Macht ins Wort gehoben.

2001 predigte Bischof Wanke den Wallfahrern: In einer Zeit, wo scheinbar „Durchsetzungsvermögen, Härte, Karrierebewusstsein gefragt sind, ist die christliche Antwort die Gottes und Nächstenliebe.“ Dank der Vorbereitungsgruppe, deren Mitglieder mitten im Leben standen, lagen die Themen der Wallfahrt und der Predigt oft nah am Puls der Zeit. Viele Männer fühlten sich mit ihren persönlichen Anliegen und Lebensbedingungen von der Männerwallfahrt angesprochen und verstanden.

Wozu begeben sich gläubige Menschen auf eine Wallfahrt? Sie wollen Gott nah sein, anderen Wallfahrern begegnen, Zuspruch und Stärkung erfahren, für ein persönliches Anliegen beten. In den vergangenen 60 Jahren haben Tausende Gläubige genau diese Beweggründe durch die Teilnahme an der Männerwallfahrt zum Klüschen Hagis verwirklichen können.

Aus der Chronik der Männerwallfahrt

1957: Erste Männerwallfahrt. Weihbischof Freusberg fordert „musterhafte Pflichterfüllung im Beruf und Pflege des religiösen Lebens in der Familie“.

1968: Erstmalig muss die Wallfahrt am Sonntag nach Himmelfahrt stattfinden, da der Himmelfahrts-Tag als gesetzlicher Feiertag abgeschafft wurde (bis 1990).

1972: Die Einladung zur Männerwallfahrt enthält den Wunsch, die Väter mögen mit ihren Söhnen – ab 11 Jahre – kommen.

1985: Die Kollekte ist für das Land Tansania bestimmt. 39.500 Mark konnten dem Hilfswerk „Not in der Welt“ überwiesen werden. Das ist der höchste Kollekten-Ertrag, der je bei einer Männerwallfahrt erreicht wurde.

1997: Live-Übertragung der Männerwallfahrt in der ARD.

2006: 50. Männerwallfahrt im strömenden Regen. Alphornbläser aus Suhl verschönern den Tag.

2015: Die erste Wallfahrt mit Bischof Neymeyr.

*Der Autor Tobias Gremler ist Referent im Seelsorgeamt des Bistums Erfurt. Seit 2013 ist er verantwortlich für die Männerwallfahrt.