Bischof Ipolt: „Ohne Gott wird unsere Gesellschaft erbarmungslos“

Wolfgang Ipolt stammt aus Gotha, war lange in Thüringen Seelsorger und führt seit fast sechs Jahren von Görlitz aus das Bistum mit den wenigsten Gläubigen.

Wolfgang Ipolt.

Wolfgang Ipolt.

Foto: Raphael Schmidt/Bistum Görlitz

Wer ganz im ganz im Osten Deutschlands Katholik ist, der ist oft mit seiner Weltsicht allein: Die Mehrheitsgesellschaft in der sächsischen und brandenburgischen Lausitz ist keiner Religion verbunden. In der Kindergartengruppe, in der Schulklasse, an der Arbeit oder im Seniorenheim – fast immer findet ein Katholik in einer solchen Menschengruppe keinen zweiten seines Glaubens. Das liegt daran, dass in diesen Gebieten, die zum Bistum Görlitz gehören, nur etwa vier von hundert Einwohnern jener Kirche angehören, deren Bischof der aus Gotha stammende Wolfgang Ipolt ist. Die anderen sind Agnostiker, die sich mit Gott und Religion nicht beschäftigen, oder Atheisten, die im Ergebnis ihrer Beschäftigung mit Gott und Religion zu einer ablehnenden Haltung gekommen sind. Die wenigen Katholiken in der Diaspora legen beredtes Zeugnis ihres Glaubens ab – und erreichen deutschlandweit betrachtet prozentuale Spitzenwerte beim Kirchgang.

Bischof Ipolt weiß, dass es für die Gläubigen schwer sein kann, fast immer der Ausnahmefall zu sein – und womöglich deshalb auch ein wenig abschätzig betrachtet zu werden. Er betrachtet mit gewisser Sorge, dass die Regeln für den konfessionellen Religionsunterricht in Brandenburg andere sind als in Sachsen. Während die Dresdner Schulpolitik vorsieht, dass Religion an erste Stelle steht und alternativ Ethik für jene angeboten wird, die nicht getauft sind, müssen sich die Kinder in Brandenburg vom regulären Fach LER – Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde – abmelden, falls sie stattdessen katholische Religion wählen wollen. Kinder, die befürchten, deswegen zu Außenseitern zu werden, wählen bisweilen beides: In der Schule LER und in der Kirchgemeinde katholischen Religionsunterricht.

Für Bischof Ipolt stellt sich die Herausforderung in seinem Gebiet so dar: Weil so wenige katholisch oder anderweitig kirchlich gebunden sind, wirkt der Glaube weniger in den normalen Alltag hinein. Auch kirchliche Feste sind in der Öffentlichkeit kaum spürbar, anders etwa im Eichsfeld oder der Rhön. Gerade deshalb kommt aus Ipolts Sicht den Familien eine wichtige Rolle zu. „Wo der Glaube nicht in der Familie beheimatet und verwurzelt ist, da wird er nicht durchgetragen.“ Wichtig sei beispielsweise, dass mit Kindern gebetet werde – etwa bei Tisch oder beim Zubettgehen. Oder dass Namenstag gefeiert und der Sonntag geheiligt werde. Und klar ist ihm auch: In Gebieten, wo der Katholizismus nach wie vor mit zum Alltags- und zum Festtagsleben gehört, bleibt mancher schon deshalb in der Kirche, weil da auch Verwandte und Freunde sind und Kirche für ein Stück Heimat steht. Das sei zum Beispiel in Wittichenau und Umgebung so, wo die katholischen Sorben leben.

Dort, wo es kaum einen Christen gibt, sei das anders, sagt Ipolt im TLZ-Gespräch: „Zum Glauben bekennen muss sich ein Christ in jedem Fall. Das hat er ja bei seiner Taufe versprochen. Aber die Diaspora bringt die Herausforderung mit sich, dass man diese Entscheidung meist ganz allein treffen muss – auch gegen eine größere Mehrheit. Es geht darum, entschieden zu sagen: Ich möchte Christ sein und ich möchte das hier sein.“ Diese Erfahrung führt wohl dazu, dass unter den wenigen Christen der Glaubenszusammenhalt besonders fest ist – und erklärt auch die prozentual außerordentlich guten Zahlen beim dortigen Gottesdienstbesuch.

Zur kleinen Ortskirche des Bistums Görlitz stoßen immer wieder Menschen, die im Erwachsenenalter die Sakramente empfangen wollen – und womöglich nach einer zerbrochenen Ehe und Familie jetzt den Weg in die Kirche suchen. „Wir nehmen sie mit ihrem gelebten Leben auf“, sagt der Bischof. „Durch die Taufe und die Zugehörigkeit zur Kirche will ein Mensch einen grundsätzlich anderen, neuen Weg einschlagen. Ich spüre immer wieder, dass gerade Erwachsene, die schon viel gesucht haben und manche Umwege gegangen sind, endlich eine bleibende Orientierung wünschen.“ Meist gebe den Ausschlag dafür, dass jemand zum Glauben findet, eine Beziehung zu einem katholischen Ehepartner oder eine gute Bekanntschaft mit einem katholischen Christen.

Ipolt ist gebürtiger Gothaer, Jahrgang 1954. Hätte er sich nicht schon auf dem Weg zum Abitur für das Theologiestudium entschieden und dann seinen Weg in der Kirche gemacht, könnte er sich nun in Gedanken auf die Rente vorbereiten. Nicht so im katholischen Spitzenamt: Da ist Ipolt, nur drei Jahre älter als der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr, ein vergleichsweise junger Amtsinhaber. Bis zum 75. Geburtstag lässt der Papst in aller Regel solche Kirchenmänner wirken, wenn es die Gesundheit erlaubt. So gesehen hat Ipolt noch einiges vor sich – an Arbeitsjahren.

Seit fast sechs Jahren ist er nun im Amt in Görlitz – und erlebt bei aller Kirchenferne, die seine Wirkungsregion prägt, auch eine Hinwendung zum Glauben. Beispielsweise durch junge Familien aus Polen, die sich neuerdings westlich der Oder-Neiße-Linie ansiedeln. 1800 polnisch stämmige Katholiken sind allein in Görlitz gemeldet, auch in Guben und Cottbus gibt es solche Übersiedler. „Das verändert die Gemeinden und bringt ein wenig frischen Wind. Und das tut uns gut“, sagt er.

In der Schule damals in Gotha hatte Ipolt lediglich Russisch gelernt, Polnisch dagegen war ihm bis zu seinem Amtsantritt in Görlitz völlig fremd. „Drei Semester Volkshochschule“ haben das geändert. Der Bischof kann sich seither im Gespräch verständlich machen und vorbereitete Texte richtig akzentuiert vortragen. „Im Büro meines Generalvikars arbeitet eine Polin, sie ist geprüfte Übersetzerin und bereitet mir diese Texte vor“, erklärt er seinen zweisprachigen Einsatz. Und bekennt: „Ich lerne noch immer fleißig dazu.“ Am Computer und bei alltäglichen Begegnungen. „Aber fließend lernt man in meinem Alter eine fremde Sprache nicht mehr“, sieht er seine Grenzen.

Die Gläubigen beiderseits des Flusses sind mehr als Nachbarn im Geiste. Bis 1945 gehörten die Katholiken dieser Region allesamt zum Erzbistum Breslau. Mit dem Kriegsende verändert sich dies einschneidend; fortan verwaltete ein Apostolischen Administrator das Gebiet diesseits von Oder und Neiße, das zur DDR gehörte. Nach der friedlichen Revolution Anfang der 1990er Jahre stellte sich die Frage, wo die katholische Kirche Bischofssitze ansiedeln sollte. Der aus Polen stammende Papst Johannes Paul II. bestimmte, dass Görlitz Bistum werden sollte – das alte Erzbistum Breslau in seiner ursprünglichen Größe wiederaufleben zu lassen, war keine Option. Zwar sei der Gedanke „nicht ganz abwegig“, aber die katholische Kirche, betont Ipolt, gehe mit Bistümern bisher nicht über Ländergrenzen hinweg. Und im Falle von Görlitz-Breslau wäre vor allem auch das Sprachproblem zwischen deutschen und polnischen Katholiken groß gewesen. Inzwischen sind die Verhältnisse in dieser Grenzregion vor allem mit Blick auf Polen diffizil; etwa dann, wenn das Kreuz bisweilen zum Zeichen wird, das nicht nur christlich, sondern vor allem auch politisch wirken soll. In einem solchen Fall ist es für Ipolt wichtig, das Verbindende zu suchen – im Glauben. Jüngst wurde ein Kreuz im Dreiländereck in der Nähe von Zittau von polnischer Seite aufgestellt, das größer als die schon vorhandenen sein sollte. Der Bischof in Görlitz erfährt so etwas dann auch erst aus der Zeitung – und kann sich über die Motivation vorerst nur Gedanken machen. Und das Gespräch suchen mit seinen Glaubensbrüdern auf der anderen Flussseite...

Wenn es das gibt, was der jüngst verstorbene Altkanzler Helmut Kohl (CDU) einst das „Europa der Regionen“ nannte, ist es dort, wo Ipolt jetzt wirkt, spürbar: „Hier kann man sehr schön sehen, wie Geschichte nachwirkt: Schlesien ist hier wie dort. Es war einmal und wird langsam wieder ein zusammengehöriger Kulturraum. Die Wojewodschaften tragen auch wieder den Namen Niederschlesien und Schlesien. Und man merkt es bis hinein in manche Rezepte fürs Essen und die Sprache“, macht er deutlich.

„Wenn unsere katholischen Brüder und Schwestern auf der polnischen Seite feiern, werde ich oft zu ihnen eingeladen. Wir tun das auch umgekehrt – nur haben wir nicht so viele Gelegenheiten, einfach weil wir eine kleinere Kirche sind“, sagt der Bischof. Nun aber stehen große Jubiläen und Ereignisse an: Bischof Ipolt kann mit seinen Gläubigen nicht nur 2019 das 25-jährige Bestehen des Bistums feiern. Er hat auch für 2018 einen wichtigen Plan: In den Wallfahrtsort Kloster Neuzelle sollen wieder Mönche einziehen. Eine Wiederbesiedlung durch den Zisterzienserorden ist beabsichtigt. Vorerst muss Ipolt dieses Vorhaben in der Schwebe lassen: Es seien, sagt er, noch nicht alle Verträge unterschrieben. 1817 war das Kloster säkularisiert worden. Die Wiederbesiedelung 201 Jahre später fällt mit dem Gedenkjahr der Gründung zusammen: Das Kloster Neuzelle war am 12. Oktober 1268 von Markgraf Heinrich dem Erlauchten aus dem Haus Wettin im Gedenken an seine zwei Tage zuvor verstorbene Ehefrau Agnes gestiftet worden.

Wolfgang Ipolts Eltern waren Flüchtlinge aus dem Sudetenland. „Unsere Eltern haben viel von der Heimat erzählt und wir sind bereits in den 1970er Jahren in die Tschechoslowakei gefahren – und haben gesehen, woher unsere Eltern stammten“, sagt er. Zu DDR-Zeiten war diese Vertreibung mit einem Tabu belegt. Erst nach der friedlichen Revolution sei deutlich geworden, dass mit dieser Geschichte umgegangen werden muss, dass Versöhnung nottut. Heute stellt sich die Flüchtlingsfrage neu – und ruft sofort Erinnerungen wach an Bilder aus Sachsen voll Hass und Ablehnung. Bischof Ipolt sagt über die Menschen in seinen Kirchgemeinden aber, dass ihm solchen Widerstände oder gar negative Auswüchse nicht bekannt seien. „Wir haben Flüchtlinge in unseren Gemeinden. Katholiken, darunter Syrer und Pakistani. Sie haben unsere Kirche gefunden und sind gut aufgenommen worden“, sagt er – und es erinnert ihn ein wenig an jene Zeiten, an denen Katholiken auf der Flucht aus den Ostgebieten in mancher Thüringer Gemeinde Fuß fassten und sie enorm vergrößerten.

So richtig sei vielen Katholiken erst mit der Grenzöffnung 1989 klar geworden: „Wir sind eine Weltkirche“, sagt Ipolt – und hält mit seiner Meinung über die DDR nicht hinterm Berg: „Das war ein Gefängnis, das nur nach oben offen war. Wir konnten gar keine Erfahrungen mit der Weltkirche machen. Und es gab lange Zeit Menschen, die hatten keine Berührung mit Fremden und Ausländern“, gibt er zu bedenken – mit Blick auf den geringen Ausländeranteil. Schon deshalb könne er nicht ganz verstehen, „was die Pegida-Leute eigentlich wollen“.

Die katholische Weltkirche hat eine Weltsprache: Latein. Im neuen Gotteslob, dem Gesangbuch der Katholiken, sind „erfreulich viele lateinische Gesänge enthalten, die die Gläubigen auch kennen sollten. Man kann das im normalen Gottesdienst pflegen. Und zudem hat das Konzil empfohlen, dass zumindest in größeren Städten die lateinische Sprache in der Messe gepflegt werden soll – wegen des weltkirchlichen Charakters“, hebt Ipolt hervor. „Für Görlitz bedeutet dies: Einmal im Monat ist in der Kathedrale einer der Sonntagsgottesdienste ein lateinischer. Und es gibt auch eine Stelle im Bistum, wo man die Heilige Messe einmal im Monat im außerordentlichen Ritus mitfeiern kann. Die kleineren Pfarreien werden das nicht so können, aber bestimmte lateinische Gesänge sollten alle Gläubigen behalten, “ gibt Bischof Ipolt zu bedenken.

Es gab Zeiten, da hieß es boulevardesk: „Wir sind Papst“, weil nach vielen Jahrhunderten erstmals mit Benedikt XVI. ein Deutscher im Vatikan das Sagen hatte. Mit Papst Franziskus hat mittlerweile ein Südamerikaner dieses Stellvertreteramt – und die Europazentriertheit der katholischen Kirche infrage gestellt. Mancher, gerade auch der Konservativen unter den deutschen Theologen tut sich schwer mit Franziskus. Dieser aber geht seinen Weg. Bischof Ipolt sagt: „Papst Franziskus hat eine Reihe guter Anliegen und die teile ich. Wenn man seine Schreiben ‚Evangelii gaudium‘ oder ‚Laudato si‘ nimmt – die sind hochaktuell und vor allem das letztere über die Bewahrung der Schöpfung wurde auch von vielen Nichtchristen gelobt. Natürlich kommt das alles aus einer anderen Sicht, mit einer anderen Sprache und in einem anderen Stil, aber das tut uns Europäern auch mal gut.“ Ipolt verweist auf die jesuitische Denk-, Glaubens- und Lebensschule, aus der Papst Franziskus kommt.

Von Rom und der Weltkirche zurück ins Bistum an der östlichen Grenze Deutschlands: Wenn auch die Gruppe der Christen dort auf großer Fläche so klein ist, dass nur jeder 25. zur katholischen Kirche gehört, kommt den wenigen doch eine besonders wichtige Rolle zu: „Ohne Gott wird unsere Gesellschaft erbarmungslos. Ohne Gott verliert sie bestimmte Maßstäbe“, ist Bischof Ipolt überzeugt. Er sagt, er könne bei dem Versuch, in dieser entchristlichten Region das Evangelium zu verbreiten, „auf so viele gute Leute“ bauen, die etwa in der Schule und am Arbeitsplatz, in der Politik und in der Gesellschaft vorleben, was es heißt, überzeugter Christ zu sein. Auch als Lehrer.

Wenn ihm jemand entgegenhält, Religion sei gefälligst Privatsache, widerspricht Ipolt: „Wir Christen haben einen Auftrag – und zwar: die Welt zu durchdringen mit dem Geist des Evangeliums. Geht in alle Welt, sagt Jesus“, erinnert Bischof Ipolt an den Auftrag an die Christen. Wer glaubt, ist nie allein, hatte Benedikt XVI. gesagt – Bischof Ipolt bringt er seine Einstellung auf diese Formel: „Wir sind sicher keine besseren Menschen, aber wir haben es besser, weil wir in vieler Hinsicht eine andere Perspektive einnehmen und darum ein wenig gelassener sein können. Und an dem Reichtum, den uns der Glaube schenkt, sollten wir die anderen teilhaben lassen.“

Junge Polen sorgen für ein kleines Plus

Generell gilt: Die Zahlen der Gläubigen, die in Deutschland einer Kirche angehören, sind rückläufig. Anders im Bistum Görlitz: Dort lag die Zahl der Mitglieder Mitte Juni 2017 bei 29 255. Ein Jahr zuvor waren es 29 085.

Das Bistum erstreckt sich über Teile Ostsachsens und Brandenburgs. Der Rückgang um 47 Christen in Brandenburg wurde durch den Zuwachs von 217 Christen auf sächsischem Gebiet mehr als kompensiert – vor allem dank des Zuzugs polnischer Katholiken im sächsischen Teil. Dies glich die 178 Kirchenaustritte aus, denen 9 Eintritte und Wiederaufnahmen gegenüberstanden.

Bischof Wolfgang Ipolt erklärt. „Es ist schön zu erleben, dass junge polnische Familien sich zunehmend in das hiesige Gemeindeleben einbringen.“

Die Statistik der Deutschen Bischofskonferenz für das Jahr 2016 weist 29 277 Katholiken aus – 482 mehr gegenüber 2015. Danach gab es weniger Austritte, dafür aber mehr Taufen und Eintritte.

Und noch eine Positiv-Nachricht aus dem kleinen Bistum: Beim Kirchgang ist es weiter Spitzenreiter unter den 27 deutschen Diözesen. 2016 kamen durchschnittlich 19,3 Prozent seiner Katholiken zur Sonntagsmesse, wie die Deutsche Bischofskonferenz jüngst bekanntgab. Damit lag die Diözese Görlitz weiter deutlich über dem Durchschnitt der deutschen Bistümer von 10,2 Prozent.

Das Bistum Görlitz, etwa 9700 Quadratkilometer groß, entspricht jenem Gebiet des Erzbistums Breslau westlich der Oder-Neiße-Grenze. Das Bistum Görlitz ist – mit Blick auf die Zahl der Gläubigen – das mit Abstand das kleinste in Deutschland: Nur etwa 4 Prozent aller Bewohner gehören der katholischen Kirche an.

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