Luther-Disput Extra: Ein Jahr nach dem Papstbesuch

In Thüringen sandte Papst Benedikt XVI. deutliche Signale in Richtung Ökumene aus. Was hat es bewirkt für das zusammenleben von Protestanten und Katholiken in unserem Land?

30.000 feierten am 24. September vergangenen Jahres mit dem Papst die Heilige Messe auf dem Domplatz. Dabei entstand dieses Bild - ein Foto wie ein schweifender Blick - das Panorama über 225 Grad beginnt am linken Bildrand etwa beim Haus zur Hohen Lilie. Am rechten endet es in Höhe der Marktstraße, die zum Fischmarkt führt. Der Rundumblick wird vor allem durch die Pilger deutlich. Links sieht man sie von hinten und rechts kann man ihnen direkt ins Gesicht blicken. Foto: Sascha Fromm

30.000 feierten am 24. September vergangenen Jahres mit dem Papst die Heilige Messe auf dem Domplatz. Dabei entstand dieses Bild - ein Foto wie ein schweifender Blick - das Panorama über 225 Grad beginnt am linken Bildrand etwa beim Haus zur Hohen Lilie. Am rechten endet es in Höhe der Marktstraße, die zum Fischmarkt führt. Der Rundumblick wird vor allem durch die Pilger deutlich. Links sieht man sie von hinten und rechts kann man ihnen direkt ins Gesicht blicken. Foto: Sascha Fromm

Foto: zgt

"Es kann in der Kirche nicht jeder machen, was er will"

Für viele Gläubige an der Kirchenbasis ist die Ökumene längst gelebte Realität. Christen verschiedener Konfessionen kommen zusammen, beten gemeinsam und sprechen miteinander über Fragen des Lebens und des Glaubens.

Viele können daher nicht verstehen, weshalb die Ökumene und die Einheit der Kirche nicht schneller vorankommen. Darüber diskutierten am vergangenen Mittwoch Pröpstin Marita Krüger und Bischof Joachim Wanke.

Paul-Josef Raue: Sind sich Katholiken und Protestanten nach dem Papstbesuch in Thüringen und der eindrucksvollen Umarmung zwischen Benedikt XVI. und dem EKD-Vorsitzenden Schneider im Augustinerkloster auch real nähergekommen?

Bischof Wanke: Der Besuch im Augustinerkloster war ein wichtiges Zeichen. Leider wurde die Ansprache des Papstes im Kapitelsaal, in der er von Luther als Gottsucher sprach, erst Stunden später öffentlich. Das Gesagte hat mich an das Lutherjahr 1983 erinnert, in dem wir Luther als gemeinsamen Lehrer würdigten, der uns etwas zu sagen hat in einer Zeit, in der Gott entschwindet. Ohne eine Verlebendigung unserer Gottverbundenheit kommen wir nicht weiter.

Pröpstin Krüger: Luther stellt viele gemeinsame Fragen, zum Beispiel in den 95 Thesen oder in den Schmalkaldischen Artikeln von 1536. Was ist Kirche? Was ist der Papst? Ich bin dankbar dafür, dass das Gemeinsame dieses Suchprozesses auch von katholischer Seite positiv gesehen wird.

Lutherjahr 1983 war ein Meilenstein der Ökumene

Viele Dokumente aus dem Lutherjahr 1983 sind Meilensteine der Ökumene. In meiner Wahrnehmung hat der Papstbesuch auch nicht die erwarteten Kontroversen ausgelöst. Das heißt aber nicht, dass alle evangelischen Gemeinden das Petrusamt des Papstes annehmen würden.

Thomas A. Seidel: Werden die Evangelischen den Papst je als Sprecher der Christenheit anerkennen?

Pröpstin Krüger: Bei allem Fortschritt in der Ökumene: So weit sind wir noch nicht. Es geht um praktische Linien der Kircheneinheit und nicht darum, ob der Papst für alle Gläubigen spricht. Ich weiß auch nicht, ob es je dazu kommt. Im Kapitelsaal des Augustinerklosters aber hat Benedikt XVI. durchaus evangelische Grundgedanken angesprochen, zum Beispiel das "Sola Fide" - "Allein der Glaube".

Bischof Wanke: Das Wort "Sprecher" weckt eher politische Assoziationen. Der Papst hat zwar nicht die Legitimität, für alle Christen zu sprechen. Aber er ist ohne Zweifel auch in der säkularen Welt als Vertreter des Christentums anerkannt.

Pröpstin Krüger: Wir dürfen das auch nicht so einseitig sehen. Wir haben mit dem Patriarchen von Konstantinopel ja auch noch einen weiteren Sprecher der Ökumene, der sich mit dem Weltrat der Kirchen und der Katholischen Kirche abstimmt.

Paul Josef-Raue: Mit dem Aufruf "Ökumene jetzt" setzen prominente Protestanten und Katholiken mit Blick auf das s Lutherjahr 2017 ein Zeichen für eine einige Kirche. Was kann das bewirken?

Pröpstin Krüger: Die Intention des Briefes, die Ökumene vorwärts zu bringen, ist zu würdigen. Man muss aber zwischen Ökumene und Einheit unterscheiden. "Ökumene jetzt" haben wir, "Einheit jetzt" haben wir nicht. Wir denken Ökumene sehr westlich und katholisch-evangelisch orientiert. Ökumene ist mehr. Es gibt viele andere Kirchen mit anderer Geschichte und deshalb auch eigenen Vorstellung von der Einheit der Kirche. Aber der gute Wille ist da, vor allem an der Basis, das hat immer viel bewirkt.

Bischof Wanke: Der Aufruf ist ein Dokument der Sehnsucht und der Unzufriedenheit darüber, dass aus der theologischen Konsensarbeit so wenig Praktisches entsteht. Das Problem sind unsere unterschiedlichen Vorstellungen von Einheit. Wir haben in der Ökumene keine gemeinsame Überzeugung von dem, was wir eigentlich anstreben.

Eine erzwungene Einheit führt zum Gegenteil

Bei den Protestanten gibt es die Vorstellung von einem Weg in "versöhnter Verschiedenheit". Den wollen aber weder die Orthodoxen noch wir Katholiken mitgehen. Für uns geht es um eine Einheit in Vielgestaltigkeit. Eine verordnete Einheit, das lehrt uns die Geschichte, führt zum Gegenteil. Als der Preußenkönig Anfang des 19. Jahrhunderts Lutheraner und Reformierte zur Union zwang, kam eine eigene Kirche heraus. Und es war ein mühsamer Prozess, die Unionskirche zurückzuführen in die Gesamtheit des Protestantismus.

Thomas A. Seidel: Priester sind eher skeptisch, Laien geradezu euphorisch, wenn es um die Ökumene geht. Gibt es da Verständigungsprobleme?

Bischof Wanke: Schon der Heiland hatte Schwierigkeiten, die Reich-Gottes-Botschaft den Menschen nahezubringen. Es ist unsere Aufgabe, zu verdeutlichen, was Kirche mit dem Alltag der Menschen zu tun hat. Es ist unser Versagen, dass wir das oft nicht deutlich machen können in unseren Predigten oder in der Bibelarbeit.

Pröpstin Krüger: Wie können wir gemeinsam den Glauben wieder stärken in einer säkularen Welt, die von Kirche oft nichts mehr wissen will? Wie können wir einladen zum Glauben, im Gottesdienst, bei Gemeindefesten - das sind die ganz praktischen Fragen.

Bischof Wanke: Freundschaft wächst, in dem man gemeinsam auf Aufgaben und Ziele schaut. Dass das aber eine gewisse Grundform braucht, dass nicht jeder umherspringen und selbst Papst spielen kann, versteht sich von selbst.

Thomas A. Seidel: Hat der Besuch des Papstes in Thüringen und in der kirchenfernen Gesellschaft des Ostens etwas bewirkt oder war er, wie Kritiker sagen, Geldverschwendung?

Bischof Wanke: Der Papstbesuch war ein Staatsbesuch auf höchster Ebene, mit höchsten Sicherheitsvorkehrungen. Man war sogar für einen Chemieangriff gerüstet. Man kann fragen, muss das sein? Ich hoffe auf Zeiten, in denen ein Papst einfach kommen kann, um nach den Seinen zu schauen und sie im Glauben zu stärken. Es war an der Zeit, dass der Papst endlich in die neuen Länder kommt.

Der Papst sollte sehen, wie es uns geht

Sein Vorgänger hatte sich eingesetzt für die Öffnung Osteuropas. Er ist ein Wegbereiter der deutschen Einheit. Er sollte sehen, wie es uns geht und uns Mut zusprechen. Seine kritischen Mahnungen haben vielleicht auch nachdenkliche Menschen erreicht, die nicht jeder seiner Positionen gerade in sexual-ethischen Fragen zustimmen.

Pröpstin Krüger: Die evangelische Umwelt, von der ich Kenntnis habe, hat den Besuch mit Interesse verfolgt und diskutiert. Die nichtchristliche Umwelt hat danach nicht so aufgeschrien, wie das durch die Diskussionen vorher zu erwarten gewesen wäre. Es hat also eine gewisse Akzeptanz gegeben.

Klaus Schulze, Leinefelde: Ich kann mit dem Begriff der "versöhnten Verschiedenheit" nichts anfangen, so lange die Katholische Kirche uns Protes- tanten als Kirche nicht anerkennt.

Bischof Wanke: Mit der Nicht-Anerkennung der Kirche ist nicht gemeint, dass ihr nicht nach eurem Verständnis Kirche seid. Ihr seid nicht nach katholischem Verständnis Kirche. Das hätte der Papst freundlicher ausdrücken können.

Pröpstin Krüger: Ich stimme Herrn Schulze zu. Der gelegentliche Eindruck, eine abgehängte Kirche zu sein, tut weh.

Ulrich Godehardt, Breitenholz: Die Gläubigen an der Kirchenbasis möchten die Einheit und wollen sie nicht zerpflückt haben. Warum sind die Oberen so verkrampft und bauen immer wieder Wände auf?

Bischof Wanke: Wir nehmen uns ernst. Aber wir wollen als Kirche sauber, authentisch und klar bleiben. Wo fängt die Ausnahme an und wo hört sie auf? Wir sind als Menschen eingebunden in ein Ganzes, in eine Ordnung. Es kann in der Kirche nicht jeder machen, was er will.

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