Studie: Unsere Vorfahren wurden älter als bisher angenommen

Der Schmalkaldener Sozialhistoriker Dr. Kai Lehmann hat alte Kirchenbücher einer neuen Prüfung unterzogen und kam zu einem erstaunlichen Ergebnis: Unsere Vorfahren aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert wurden deutlich älter als bisher angenommen.

Zeit und Muße: Eine Familie genießt in dieser Szene aus dem 17. Jahrhundert ihre Freizeit. Die Lebenserwartung war recht hoch, wie eine neue Studie zeigt. Foto: Archiv

Zeit und Muße: Eine Familie genießt in dieser Szene aus dem 17. Jahrhundert ihre Freizeit. Die Lebenserwartung war recht hoch, wie eine neue Studie zeigt. Foto: Archiv

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Hart und voller Entbehrungen - so malen wir uns das Leben unserer Vorfahren aus. Sobald die Kinder laufen konnten, mussten sie zur Arbeit aufs Feld. Kamen sie in die Pubertät, heirateten sie. Mit 40 galten sie als alt und schwach, und spätestens mit 50 hauchten sie ihr Leben aus.

So haben wir es in der Schule über das Mittelalter und die frühe Neuzeit gelernt und so steht es bis heute in der Fachliteratur. Doch die hat noch nichts von Christian Heller aus Breitungen an der Werra gehört.

Von diesem Christian Heller wissen wir nur so viel: Er nahm am ersten Ostertag des Jahres 1687 an einer "Herrenzeche" teil. Er starb, als er nach dem Gelage vom Pferd stürzte. Und er war zu diesem Zeitpunkt rüstige 86 Jahre alt.

86 Jahre! War Christian Heller ein Südthüringer Methusalem? Keineswegs, meint der Schmalkaldener Sozialhistoriker Dr. Kai Lehmann. Denn seinen Recherchen zufolge wurden die Menschen damals allgemein viel älter, als wir heute glauben.

Statt der in der Fachliteratur angegebenen durchschnittlichen Lebenserwartung von wenig über 40 Jahren kommt Lehmann nach der Auswertung vieler Südthüringer Kirchenbücher auf eine ganz andere Rechnung: Männer wie Frauen wurden demnach im Durchschnitt zwischen 55 und 60 Jahre alt.

Für seine Studie analysierte Lehmann die Lebensdaten von 3613 Personen aus Schmalkalden und den umliegenden Gemeinden - allerdings nur von jenen, die das 18. Lebensjahr erreichten. Damit vermied er, dass die Kinder- und Säuglingssterblichkeit, die schon in Jahren ohne Kriege und Seuchen bis zur Hälfte eines Jahrgangs betragen konnte, die Aussagen über die eigentliche Lebenserwartung verfälschte.

Wer das Erwachsenenalter erreichte, hatte nämlich durchaus gute Chancen, vergleichsweise alt zu werden, wie die Zahlen belegen: Rund zwei Drittel der betrachteten Personen erreichten das 50., die Hälfte das 60. Lebensjahr. Und immerhin jeder Dritte wurde älter als 70 Jahre. Vereinzelt sind sogar 100-Jährige verzeichnet.

Die größten statistischen Ausreißer finden sich in den Jahrgängen um den Dreißigjährigen Krieg (1618 - 1648), der als eine der größten Katastrophen der Neuzeit gilt. Duch körperliche Gewalt, Plünderungen und Hungersnöte nahm die Lebenserwartung in dieser Zeit deutlich ab - die Gemeinde Fambach zum Beispiel verlor in jenen Jahren bis zu zwei Drittel ihrer Vorkriegsbevölkerung.

In von Krieg oder Seuchen unberührten Jahrgängen gab es zwischen Männern und Frauen sowie zwischen den einzelnen Gemeinden nur kleinere Unterschiede. Die schlechtesten Bedingungen zum Alt-Werden bot die Stadt.

Schmalkalden, das von der Werkzeug- und anderen Kleineisen-Industrien lebte, war im 16. und 17. Jahrhundert nach Erfurt, Mühlhausen und Nordhausen die viertgrößte Kommune im heutigen Thüringen. Neben dem gesundheitsschädlichen Bergbau wirkte sich Gewalt auf die Statistik aus: Messerstechereien, Wirtshausschlägereien und Steinwürfe sind dort überdurchschnittlich häufig als Todesursache erwähnt. Entsprechend nahm dort die Lebenserwartung um rund fünf Jahre ab.

Lehmann, der Museumsdirektor des Schlosses Wilhelmsburg in Schmalkalden, analysierte für seine Studie zahlreiche Kirchenbücher, die zum Teil bis weit ins 16. Jahrhundert zurückreichen. Das älteste stammt aus seiner Heimatgemeinde Fambach und startet 1559 - es ist zugleich das älteste des gesamten Kirchenbezirks Kurhessen-Waldeck.

Der Arbeitsaufwand war gewaltig. Denn besonders in den Anfangszeiten fehlte bei den Todesfällen das Sterbealter. In den zahllosen, oft schwer lesbaren Notizen der Generationen von Pfarrern musste Lehmann erst alle namentlichen Einträge erfassen, um dann anhand der Namen der Täuflinge ihr Heirats- und Todesalter zu ermitteln.

Ein Beispiel, das Schule machen könnte: "Wir denken, so gut wie nichts über das Leben der einfachen Menschen damals zu wissen", meint der Wissenschaftler. "Dabei verfügen wir über die beste Quellenlage - die Kirchenbücher."

Mit ihrer Hilfe fand Lehmann auch heraus, dass das Heiratsalter relativ hoch war: Frauen vermählten sich im Schnitt mit 24, Männer mit 27 Jahren. Während die Anzahl der Kinder sehr unterschiedlich sein konnte, kam der Tod im Kindbett eher selten vor, so dass sich diese Ursache entgegen den Erwartungen kaum statistisch niederschlägt.

Angesichts der Zahlen zieht Lehmann auch das Klischee vom arbeits- und entbehrungsreichen Leben auf dem Land in der frühen Neuzeit insgesamt in Zweifel. Zwar habe es Hochphasen in der Landwirtschaft gegeben. Doch über viele Monate hinweg gingen die Kinder zur Schule und hätten die Leute ansonsten wenig zu tun gehabt.

Tatsächlich war der Alkohol eines der größten Probleme jener Zeit. 1558 verbot der Landgraf Philipp von Hessen Taufen am Nachmittag und sonntags, weil die Väter und Taufpaten um diese Zeit schon zu betrunken seien, um das Kind halten zu können. Freilich brachten auch solche Regeln Christian Heller rund 130 Jahre später nicht davon ab, im betrunkenen Zustand auf sein Pferd zu steigen.

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