Unruhe: Suche nach Bischof in Erfurt zieht sich schon eineinhalb Jahre

Erfurt. Nach 20 Monaten Führungslosigkeit in der Erfurter Diözese scheint selbst der Weihbischof langsam die Nerven zu verlieren.

Diözesanadministrator Reinhard Hauke bei der Verabschiedung von Bischof Joachim Wanke (hinten im Bild) im Herbst vor knapp zwei Jahren. Archivfoto: Marco Kneise

Diözesanadministrator Reinhard Hauke bei der Verabschiedung von Bischof Joachim Wanke (hinten im Bild) im Herbst vor knapp zwei Jahren. Archivfoto: Marco Kneise

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Der oberste Laie des Erfurter Bistums ist kein Mensch, der die Zuspitzung sucht. Dafür hat Alois Wolf, der zum freundlichen Gesicht einen genau so freundlichen Bart trägt, zu lange bei der Caritas gearbeitet.

Man darf also einiges an Dramatik hinzu rechnen, wenn Wolf von der "Unruhe" und der"Ungeduld" spricht, welche die Diözese erfasst habe. Es gebe, sagt er, "eine Sehnsucht danach, dass "endlich eine Entscheidung" falle. "Wir hätten auch gerne wieder einen Bischof."

Wolf ist nicht nur Vorsitzender des Erfurter Katholikenrats, also Chef der offiziellen Laienvertretung der Bistums, sondern auch Vizepräsident des Zentralkomitees der Katholischen Kirche in Deutschland. Und er fragt stellvertretend für die 150.000 Gläubigen, die er vertritt: "Warum dauert das so lange?"

Tja, warum bloß? Es war am 1. Oktober 2012, als Papst Benedikt XVI. das Rücktrittsgesuch des Erfurter Bischofs Joachim Wanke annahm. Danach setzte er Weihbischof Reinhard Hauke als Diözesanadministrator ein, um die Sedisvakanz zu überbrücken. Auf Deutsch: Hauke sollte die Geschäfte führen, bis ein neuer Bischof benannt ist.

Seitdem herrschte Stille im Bistum - während sich anderswo durchaus Außergewöhnliches tat. In Rom wechselte mal eben der Papst, derweil in Limburg ein Bischof davon gejagt wurde. Auch wurden andere, wichtigere Bischofssitze vakant, darunter in den Erzdiözesen Köln, Freiburg und Hamburg.

Freiburg und Passau sind offenbar wichtiger

Wo die Prioritäten des neuen Papst Franziskus liegen, wurde kürzlich deutlich. Obwohl er erst vorigen Herbst den Rücktritt des Freiburger Erzbischofs Robert Zollitsch angenommen hatte, benannte er Ende Mai mit Stephan Burger einen Nachfolger. Selbst das Bistum Passau, wo der Amtsinhaber parallel zu Wanke in den Ruhestand ging, darf seit Mai mit Stefan Oster den jüngsten deutschen Bischof sein Eigen nennen.

Und Erfurt? Das Bistum wartet nun schon so lange auf seinen Bischof, wie es nie zuvor in der Bundesrepublik der Fall war. So sagt es Peter Weidemann, der Sprecher des Bistums, der auch das Wort "Unruhe" gebraucht, um die Situation zu beschreiben.

Sogar Weidemanns Chef vermag kaum noch an sich zu halten. Am Wochenende, zur Jugendwallfahrt in Erfurt, fragte der Weihbischof: "Was ist mein Ziel und wer nimmt mich dahin mit?" Die Antwort, die er gab, war keine. "Ich weiß es nicht genau, denn wir haben keinen Bischof, und was mal aus mir als Weihbischof wird, ist unklar."

Stattdessen formulierte Hauke neue Fragen: "Wer wird in Rom auf die Liste geschrieben? Welches sind die drei Kandidaten, aus denen das Domkapitel in Erfurt einen Bischof auswählen soll? Wird dieser auch Ja sagen und die Wahl annehmen oder müssen wir noch lange warten, weil er sich nicht entscheiden kann?"

Die Sätze sind mehr als bemerkenswert. In der katholischen Kirche sind öffentliche Debatten über Personalien ein Tabu. Der Auswahlprozess ist geheim und folgt komplizierten Regeln. Die sieben Mitglieder des sogenannten Domkapitels, das in Erfurt an der Ernennung mitwirkt, sind bei Strafe der möglichen Exkommunikation zum Stillschweigen verpflichtet.

Das einzige, was somit nach draußen dringt, sind Gerüchte. So wurden etwa die Weihbischöfe Ansgar Puff (Köln) und Matthias Heinrich (Berlin) sowie der Heiligenstädter Propst Hartmut Gremler gehandelt, der praktischerweise selbst als Domkapitular an der Auswahl beteiligt ist.

Hauke nur noch mit geringen Chancen

Auch Haukes Name taucht stetig auf, wobei es heißt, dass er Rom nicht genehm sei. Sogar eine Wahlliste habe existiert. Doch Puff sei in Erfurt nicht gewollt gewesen, derweil der Kandidat, der schließlich ausgewählt wurde, angeblich absagte.

Doch dies sind, wie Sprecher Weidemann sagt, "reine Spekulationen", an denen sich das Bistum nicht beteiligen wolle. So lässt es auch Weihbischof Hauke ausrichten, der seinen Bemerkungen auf der Wallfahrt nichts hinzufügen mag, zumal sie ja sowieso nur "aus Fakten" bestanden hätten.

Faktisch heißt dies aber auch, dass Haukes Chancen gering sind. "Von uns wünschen sich zwar viele", sagt Alois Wolf, "dass er Bischof wird." Doch sehr wahrscheinlich sei dies wohl leider nicht: "Denn falls es doch so käme, würden sich ja alle fragen, warum der Papst für diese einfache Entscheidung derart lange brauchte."

So wird der neue Bischof ausgewählt

  • Für das Bistum Erfurt greift Artikel 6 des "Preußenkonkordats" von 1929.
  • Das Domkapitel, dem aktuell sieben wahlberechtigte Domkapitulare angehören, stellt eine Liste geeigneter Kandidaten zusammen und leitet diese über den Apostolischen Nuntius in Berlin dem Vatikan zu.
  • Auf dem Weg dahin kommen in der Regel noch Namen hinzu, die vom Nuntius oder anderen Bischöfen vorgeschlagen werden.
  • Geeignet ist ein Mann von mindestens 35 Jahren, der seit fünf Jahren Priester ist und sich "durch festen Glauben, gute Sitten, Frömmigkeit, Seeleneifer, Lebensweisheit" und "Klugheit" und theologische Kompetenz auszeichnet.
  • "Unter Würdigung" der Vorschläge wird in Rom eine Liste mit drei Namen erstellt, die zurück nach Erfurt geht, wo das Domkapitel den Bischof wählt.
  • Vor der Ernennung durch den Papst, die zeitgleich in Erfurt und Rom bekannt gegeben wird, ist noch die Thüringer Regierung ins Benehmen zu setzen - was aber nur eine Formalie ist.