Weißensee gedenkt Pogrome gegen Juden

Andacht in der Kirche und Totengebet auf der Runneburg für den "Guten Conrad" und 144 Opfer eines mittelalterlichen Pogroms gegen Juden

Propst Dr. Johann Schneider an der Ruhestätte des Conrad von Weißensee, dessen Gebeine wieder ihrer Ruhestätte übergeben wurden. Fotos: Peter Hansen

Propst Dr. Johann Schneider an der Ruhestätte des Conrad von Weißensee, dessen Gebeine wieder ihrer Ruhestätte übergeben wurden. Fotos: Peter Hansen

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Weißensee. In der Stadtkirche und auf der Burg wurde am Dienstag an 145 Menschen erinnert, die im Frühjahr 1303, also vor 711 Jahren, in Weißensee keines natürlichen Todes starben. "Des einen und der anderen", so Propst Johann Schneider, wurde gleichermaßen gedacht. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland in Person des Regionalbischofs des Probstsprengels Halle Wittenberg hatte dazu eingeladen, und rund 80 Gäste als Vertreter der Kirchen, des Landesamtes für Archäologie und Denkmalpflege, der Stadt Weißensee sowie an der Sanierung beteiligter Firmen waren zur Mittagsstunde zur Andacht und zum anschließenden jüdischem Totengebet gekommen.

Eine neue Gruft am alten Platz in der Stadtkirche

Der eine, das war ein Knabe zwischen 14 und 16 Jahren, der im März 1303 an seinem Gürtel erhängt im Weinberg gefunden worden war. Die Tat wühlte die Einwohnerschaft auf und beschäftigte die Regierenden in Stadt und Land. Man könnte heute von einem ungeklärten Kriminalfall der Geschichte mit erstaunlichen Weitungen sprechen, wäre nicht durch jüngste wissenschaftliche Forschungen näher bekannt, wie Rituale der Macht damals funktionierten.

Die anderen, das waren Bürger jüdischen Glaubens, die in Weißensee wohnten. Des Ritualmordes verdächtigt wurden noch im März alle Juden aus Weißensee, aber auch aus Sömmerda, Kölleda, Gotha und Tennstedt, auf der Burg inhaftiert und kurz darauf auf höchste Anweisung verbrannt - Kinder, Erwachsene, Alte. Es war nicht der erste Pogrom in deutschen Landen und sollte auch nicht der letzte bleiben.

Die Vorgänge zogen ihre Kreise. Conrad, der Sohn des Ritters und Burgmannes Berthold von Somerda, wurde zum Märtyrer stilisiert. Schon kurz nach seinem Tod wurden ihm Wunder zugeschrieben und deren Anzahl für eine Heiligsprechung aufgelistet. Pilger suchten das Grab in der Stadtkirche auf, das mitten im Gang des Hauptschiffes platziert worden war.

Dort ist es am 3. Dezember 2013 von Archäologen entdeckt worden. Im Zuge der aktuellen Sanierung des Kirchenschiffes und der damit verbundenen Erneuerung des Fußbodens waren Platten und Gestein entfernt worden. Dank eines Tipps aus Wissenschaftskreisen stieß man auf Sarkophag, Pilgerzeichen und letztlich auf ein Weihwasserbecken aus behauenem Sandstein. In diesem befanden sich, in ein Tuch gehüllt, die Gebeine Conrads.

So, wie all das im Dezember aufgenommen worden war, kam es nun zurück in die neue Gruft am alten Platz. Darüber schlossen am Dienstag, 12.35 Uhr, Steinmetzmeister Eric Schiecke und seine Mitarbeiter Steven Gössinger und Diana Bien die Grabplatte aus Muschelkalk. Darauf steht nur ein einziges Wort: "Conrad". Propst Schneider sprach bei der Andacht von "Kultur des Erinnerns". Man könne und wolle die tragischen Ereignisse nicht übergehen, auch wenn sie Jahrhunderte zurückliegen. Es gelte immer, Fehler zu erkennen und anzuerkennen. Ein "neues Herz und ein neuer Geist" seien immer möglich.

Propst Schneider begleiteten bei der Andacht Superintendent Andreas Berger und Weißensees neuer Pfarrer Joachim Salomon sowie Christa Herrmann von der evangelischen und Barbara Gräßner von der katholischen Gemeinde, die im Wechsel einen Psalm lasen.

Im Anschluss wechselten die in der Kirche Versammelten, zu denen Bürgermeister Peter Albach gehörte, hinüber zur Burg, wo im Torhaus Prof. Reinhard Schramm, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Thüringen, das Wort ergriff. "Es ist angemessen, dass wir uns über diesen frühen Massenmord in Thüringen Gedanken machen. Leider ist mit der Reformation den Juden großer Schaden zugefügt worden. Auch Luther hat Anteil am Antisemitismus. Wir haben alle zu tun, Geschichte aufzuarbeiten". Das traditionelle jüdische Totengebet sprach Konstantin Pal aus Erfurt, der seit Oktober 2010 erster Rabbiner der Jüdische Landesgemeinde nach 72 Jahren ist.

Gedankt wurde Dr. Sven Ostritz, Präsident des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie, der schnell und reibungslos die Vertreter der Kirchen und der Stadt zusammengeführt hat. "Wir haben die Sprengkraft der Wiederauffindung des Grabes von Conrad erkannt", so Ostritz. Probst Schneider kündigte für 2015 ein wissenschaftliches Symposium zu den mittelalterlichen Pogromen gegen jüdische Gemeinden in Thüringen an. Dabei werde es auch um Luthers Schriften gehen. "Auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017 werden wir die dunklen Kapitel der Geschichte nicht überblättern, sondern uns kritisch auseinandersetzen", versicherte Schneider.