Acht Knöpfe an der Weste gelten dem Acht-Stunden-Tag

Finsterbergen  Zimmermannsmeister Reinhard Oschmann hat den Ohrring als Notgroschen nie gebraucht und feiert in Finsterbergen

Reinhard Oschmann hat investiert, so auch in dieses Gatter, mit dem Bretter geschnitten werden können.

Reinhard Oschmann hat investiert, so auch in dieses Gatter, mit dem Bretter geschnitten werden können.

Foto: Klaus-Dieter Simmen

Alles hat seinen Sinn. Die acht Knöpfe an der Weste stehen für den Acht-Stunden-Tag, die sechs an der Jacke für den ebenso viele Arbeitstage, also für den freien Sonntag. Und der goldene Ring im Ohr war für den Zimmermann die Versicherung. Passierte ihm etwas auf dem Bau, war immerhin die Beerdigung gesichert.

„Obwohl ich mich nie durchringen konnte, mir ein Loch ins Ohr stechen zu lassen“, sagt Reinhard Oschmann. Notwendig ist das auch nicht gewesen, weil diese Art von Notgroschen für den Zimmerermeister keine Rolle spielte.

Vor zwanzig Jahren bekam der Finsterberger seinen Meisterbrief. Damals arbeitete er noch in der Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH), wo er sein Handwerk gelernt hatte. Nur hieß sie nicht mehr so, sondern war im vereinten Deutschland eine eingetragene Genossenschaft. „Das ging ganz gut, bis sich erste Wolken am Himmel zeigten“, sagt Oschmann. Als sich die Insolvenz des Handwerksbetriebs abzeichnete, stellt der Handwerksmeister sich kurzerhand auf eigene Füße. Das war vor fünfzehn Jahren. Beides keine Daten, die im Jubiläumskalender zu finden sind, aber ein Grund zum Feiern allemal. Deshalb lud der Firmeninhaber Weggefährten und Kollegen in sein Unternehmen nach Finsterbergen ein. Klar, zum Anstoßen, aber eben nicht nur. „In unserer Region gibt es viele Zimmerleute. Die Dichte resultiert aus eben jener PGH Bau und Ausbau Finsterbergen, wo fast alle meiner Kollegen gelernt haben.“

Deshalb gibt es zwischen den einzelnen Unternehmen auch kein Konkurrenzdenken. Oschmann hat zwei Mitarbeiter, man geht also zu dritt auf den Bau. Reicht das nicht und sind mehr Hände gefragt, wird ein Kollege um Unterstützung gebeten. „Das funktioniert bestens!“

Zimmermann, das war früh der Traumberuf von Reinhard Oschmann. „Ich sehe täglich, was ich geschafft habe, und das ist ein gutes Gefühl. Und ich sehe das auch noch nach vielen Jahren.“ Er erzählt, dass er seinerzeit an der Restaurierung des Turmes der Michaeliskirche in Ohrdruf beteiligt war.

„Fahre ich auf die Stadt zu und sehe den Kirchturm, fällt mir sofort ein, wie wir damals gearbeitet haben.“ Wer sich so für seinen Beruf interessiert, kommt auch um den Blick zurück nicht umhin. Mit anderen Worten: Das Werkzeug, mit dem die Altvorderen, schwierige Arbeiten ausgeführt haben, hat es dem Meister angetan. Beim Schwiegervater fand er erste Exemplare interessanter Hobel. Nach und nach kamen weitere Stücke hinzu. Heute stellt Reinhard Oschmann die Sammlung aus, auf Dorffesten in der Umgebung beispielsweise. Auch in der Lohmühle war sie schon zu sehen.

Zimmerleute sind traditionsbewusst. Das sieht man nicht nur an ihrer Kleidung. Dazu gehört auch der sogenannte Zimmermannsklatsch. Damit der in der Region nicht in Vergessenheit gerät, hat Oschmann ihn mit seinen Kollegen wieder belebt. „Die Heimatkapelle Finsterbergen hat angefragt, ob wir den nicht beim Frühkonzert vorführen können. Wir wollten, fanden aber, das braucht eine Choreografie.“ Die haben die Handwerker dann auch erarbeitet, mit Einmarsch, Holzsägen und -hacken begeisterten sie fortan die Zuschauer. Doch das reichte nicht. Und so setzten die Zimmerleute eine kühne Idee um. Sie konstruierten einen schwebenden Dachstuhl, auf dem sie den Zimmermannsklatsch aufführen. Premiere, wen wundert’s, gab es am Samstag auf dem Gelände des Handwerksbetriebes von Reinhard Oschmann.

Der blickt übrigens zuversichtlich in die Zukunft, nicht nur, was die Auftragsbücher betrifft. Einer seiner drei Söhne hat Interesse am väterlichen Beruf gefunden, obwohl er zuvor eine artfremde Lehre absolvierte. Und Sohn Robert beweist die gleiche Leidenschaft wie der Vater. „Wenn nicht nur für eine Generation gewirtschaftet wird, lassen sich Entscheidungen über Investitionen viel leichter treffen“, freut sich Oschmann.

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