Alles eine Frage der Perspektive

Lissabon/Eisenach  Porträt des Monats Der Eisenacher Journalist, Fotograf, Surfer und Weltenbummler Konstantin Arnold ist nun in Lissabon sesshaft geworden

Konstantin Arnold(rechts) und sein Begleiter am Land Rover, der schon den Weg zum Strand zum Roadtrip werden lässt. Eine Woche war der Eisenacher mit nur 60 km/h unterwegsstantin.

Konstantin Arnold(rechts) und sein Begleiter am Land Rover, der schon den Weg zum Strand zum Roadtrip werden lässt. Eine Woche war der Eisenacher mit nur 60 km/h unterwegsstantin.

Foto: privat

Ein Leben wie im Urlaubsmodus. Konstantin Arnold hat sich ein Stück dieses Traums erfüllt. Er könnte damit kokettieren, was er aber nicht tut. Seit Juli vergangenen Jahres lebt der 27-jährige Eisenacher in Lissabon, die für ihn wohl schönste Stadt Europas. Hier ist für den freien Journalisten, Fotografen, Moderator und Surfer die Welt zwar nicht rosarot, das Leben aber bei allen Hindernissen mit hohem Genussfaktor versehen.

Konstantin Arnold: „Wer die Dinge lieber lebt, als sie zu träumen, muss das mit der eigenen Fantasie bezahlen. Die Hürden des Alltags an einen Ort schleppen, der sonst eigentlich nur Urlaub bedeutet. Klopapier kaufen, Zahnarzt besuchen, die ganze Wahrheit portugiesischer Hinterhofromantik ertragen. Mit Menschen und ihren Wäscheleinen hinter glänzenden Fassaden. Bettlacken und Schlüpfer hängen wie Blätter über Essensresten und aufgerauchten Camel Lights.“

Aufgehört, ständig Leute zu überholen

Lissabon sei nicht neu, aber anders, wie eine lange Beziehung vor der er sich so fürchtet. In der man sich gerade neu kennenlernt und plötzlich all die Plätze vermisst, die man noch nicht besucht hat. Arnolds Portugiesisch ist spärlich, sein Englisch top.

Ein Zwischenfazit fällt so aus: „Mein deutsches Ich ist gelangweilt, mein englisches zu direkt und mein portugiesisches noch nicht vorhanden.“ Aber Arnold habe schon mal aufgehört auf dem Bürgersteig ständig Leute zu überholen und spaziere mittlerweile, ohne zu schwitzen. In Lissabon ticken die Uhren etwas anders.

Würde es das Wort Freigeist noch nicht geben, für den Eisenacher müsste es erfunden werden. Er ist kein Traumtänzer, aber erfüllt sich Träume. Für Banales geht er zu Ikea, für eine gute Geschichte meilenweit.

Freilich, es könnte immer noch mehr sein. Noch mehr Möbel, noch mehr Geld, noch mehr Wellen, noch mehr Handyakku. Es könnte aber auch noch weniger sein, philosophiert er. Weniger Sonne, weniger Geld, weniger Durchfall. Alles eine Frage der Perspektive.

Seine Mutter Christina liebt ihn nicht allein, weil er sein Ding macht. Dafür aber umso mehr. Sein Reststudium in Sportmanagement und -journalismus betreibt Konstantin Arnold mehr als Alibi. Viel mehr ist der Freigeist auf Reisen, surft, schreibt oder ist mit dem analogen Fotoapparat unterwegs.

Arnolds einfühlsamen wie sphärischen Texte und Fotos sind in verschiedenen Livestile- oder Surfer-Magazinen zu lesen, in seinem eigenen Blog sowieso, aber auch im Spiegel oder der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und einigen Online-Plattformen.

Selbst für die Bundeszentrale für politische Bildung hat er schon getextet oder mit an einem Film für die Deutsche Bahn gearbeitet. Man lebt auch in Lissabon nicht nur von Luft, Liebe, Gin und (zu vielen) Zigaretten. Mit Top-Surfern reist Konstantin Arnold für eine gute Geschichte auch nach Israel, oder sonst wohin.

In seinem Blog erzählt der 27-Jährige reale Geschichte, von seinen Reisen oder aus dem Alltag. Das tut der Eisenacher mit viel Gespür, Esprit und ungekünstelt. „Mal verkatert, mal ausgesurft, lässt sich die Leichtigkeit eines Freitagvormittags hier von Montag bis Sonntag genießen. Am Strand zwischen Hintern, von denen einer braun gebrannter ist, als der nächste. Einer beschäftigter, als der andere, weil es Knochenarbeit gleichkommt, von morgens bis abends so unantastbar wie möglich zu bleiben“.

Eigentlich sei man nicht nur in jeder Sprache, sondern im Umgang mit jedem Einzelnen ein etwas anderer Mensch, sagt Arnold. In jedem Fall aber will er sich treu bleiben. Er sucht nach Storys, die er in Eisenach so nie finden könnte. Es gibt kein Erfolgsrezept. „Sollte ich, wie mein portugiesischer Journalistenkollege auf Bomben warten, um überhaupt Schreiben zu dürfen? Sollte ich mal vor acht das Haus verlassen und mich in die vollgepackte Metro setzen oder erzählen, wie schrecklich es beim Apnoe-Training mit ein paar Surfern war? Wichtiges von Unwichtigen unterscheiden? Aufhören mein Bett mit Akribie zu machen, weil mir das eh keiner glauben würde? Der Eisenacher reflektiert und hinterfragt vieles, gerne auch sich selbst.

Zur Party Rotwein kübeln mit dem Botschafter

„Morgens bin ich in Praia Grande fast am Espresso ertrunken und abends habe ich auf einer Charity-Party Rotwein mit dem österreichischen Botschafter gekübelt. Er im eleganten Leinenhemd und ich in abgeschnittenen Jeanshosen. Umzingelt von weiß gedeckten Tischen auf englischem Rasen, die durch dezente Gitarrenmusik bis zur Kulisse eines südeuropäischen Liebesfilms aufsteigen.“

Der Eisenacher ist ein brillanter Beobachter. „Schon mal zum Platzen vollgefressen an einem Obdachlosen vorbeigegangen? Nicht an einem der fordert oder Haschisch verkauft, sondern dich bettelnd keines Blickes würdigt. Nicht aus angetrunkener Überheblichkeit, sondern weil ihm die Würde fehlt, um aufrichtig nach vorne zu gucken“, schreibt Arnold und fügt hinzu: „Demut ist kraftvoll und eines der wichtigsten Bestandteile eines soliden Charakterbaukastens – auch wenn er das Fischbrötchen gar nicht wollte.“

Er beobachtet schöne Portugiesinnen am Strand, die damit beschäftigt sind, schön zu sein. „Eine schöner als die andere. Voller Unsicherheit und katholischem Traditionsbewusstsein, dass jede Liaison verbietet, aber hauchdünne Bikini-Strings erlaubt. Gefangen hinter braun gebrannter Unnahbarkeit und bewacht durch die drohenden Ressentiments ihrer Freundinnen und Großväter. Natürlich nicht alle, aber alle Blicke, die ich damit meine, schauen durch dich durch, obwohl sie dich im innersten vielleicht sogar heiraten würden.“ – So lesen sich Konstantin Arnolds Gedanken. Eigentlich müsste er mit (s)einem Roman beginnen.

In einem Interview meinte Konstantin Arnold unlängst, dass Printmedien ebenso wenig wie die analoge Fotografie sterben werden. Es sei als Freischaffender allerdings ungleich schwerer Geld zu verdienen als noch vor 20 Jahren. Die goldenen Zeiten für Text-und Bildmacher seien vorbei.

Sein Motto lautet ungeachtet dessen: Qualität vor Quantität. Und dafür nimmt er einiges in Kauf. Das Reisen, die Begegnungen mit interessanten Leuten treffen und das Surfen entschädigten für manche Dinge.

Wer mehr von Konstantin Arnold lesen möchte, wird in dessen Blog im Internet fündig: www.bynd-mag.com

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