Ballon-Fluchtversuch endete 1979 bei Hornsgrün: Zeitzeuge berichtet, warum er seinen Fund verschwieg

Neundorf  Volkspolizist Egon Matyasik behielt seine Entdeckung für sich, weil er zu dieser Zeit nicht an diesem Ort im Sperrgebiet sein durfte.

Egon Matyasik zeigt auf jene Stelle, an der beim gescheiterten ersten Fluchtversuch am 3. Juli 1979 der Ballon mit der Familie Strelzyk niedergegangen war. Damals ­befand sich dort ein Hochwald mit Fichtenbeständen.

Egon Matyasik zeigt auf jene Stelle, an der beim gescheiterten ersten Fluchtversuch am 3. Juli 1979 der Ballon mit der Familie Strelzyk niedergegangen war. Damals ­befand sich dort ein Hochwald mit Fichtenbeständen.

Foto: Peter Hagen

Fiktion und Wirklichkeit – es ist immer eine Gratwanderung für Filmproduzenten, wenn sie tatsächliche Ereignisse möglichst authentisch verarbeiten möchten. Während Michael „Bully“ Herbig derzeit in Ostthüringen die spektakuläre Ballonflucht der Familien Strelzyk und Wetzel verfilmt, war unsere Zeitung an den Originalschauplätzen und sprach mit Zeitzeugen.

Gute 500 Meter sind es vom Anwesen der Familie Matyasik in der Gemarkung Hornsgrün (Saale-Orla-Kreis) bis zu jenem Platz, an dem der erste Fluchtversuch der Familie Strelzyk vorzeitig endete. Am späten Abend des 3. Juli 1979 waren Doris und Peter Strelzyk mit ihren Kindern Frank und Andreas, damals 15 und 11 Jahre alt, mit dem selbstgebauten Ballon in der Nähe von Oberlemnitz gestartet. Die zunächst an der Fluchtvorbereitung beteiligte Familie Wetzel hatte einige Wochen zuvor Bedenken gehabt und Abstand genommen. Durch eine Wolke hatte sich der Baumwollstoff der Ballonhülle mit Wasser vollgesaugt, sodass der Ballon viel zu früh sank. ­Mitten im Sperrgebiet war nach 34 Minuten die Landung.

Wie viele Tage später Egon Matyasik diesen Ballon entdeckte, lässt sich nicht mehr genau feststellen. Denn der damals 36-jährige Volkspolizist behielt den Zufallsfund für sich, weil er zu dieser Zeit an diesem Ort hätte nicht sein dürfen. „Es war ein schöner Sommertag“, erinnert er sich, „da bin ich am Nachmittag mit meinem Trabi und Anhänger hier rauf, um Holz zu holen.“ Für den Schlagbaum auf dem Waldweg hatte er einen Nachschlüssel. Was niemand wissen durfte. Denn für dienstliche Gänge hätte stets der Originalschlüssel im Volkspolizei-Kreisamt in Lobenstein geholt werden müssen. Als der Hänger beladen war, musste Egon Matyasik zunächst einige Hundert Meter den schmalen Weg bis zu einer Wendestelle weiterfahren. „Plötzlich sah ich rechts im Wald große bunte Stoffbahnen an einer Fichte hängen“, schildert er. Der Gedanke an einen Ballon sei ihm zu diesem Zeitpunkt nicht gekommen. Aus Sorge, dass sein verbotener Aufenthalt im Sperrgebiet bekannt werden könnte, sei er nicht mal aus dem Trabi gestiegen. „Auch meiner Frau habe ich nichts gesagt.“

Ironie der Geschichte: Am 20. Juli hatte Egon Matyasik Spätdienst und wurde mit der „Absicherung eines Ereignisortes“ beauftragt. Es war die Fundstelle des Ballons. Am Morgen hatte ein Jäger seine Entdeckung dem Abschnittsbevollmächtigten der Polizei (ABV) mitgeteilt. Der gesamte Sicherheitsapparat lief auf Hochtouren.

„Eigentlich habe ich mit der ganzen Sache abgeschlossen und möchte nicht mehr darüber reden“, sagt der Jäger gegenüber unserer Zeitung. Es wird vereinbart, seinen Namen wegzulassen. „Ich war damals 21 und hatte den Armeedienst hinter mir“, erzählt er. Am frühen Morgen sei er bei Hornsgrün auf einen Hochsitz geklettert, weil ihm tags zuvor im Revier mehrere Wildschweine aufgefallen waren. „Im Fernglas sah ich dann auf einmal riesige Stofffetzen.“ Er konnte sich das nicht erklären und ging „mit dem Gewehr im Anschlag“ dorthin. „Ich wusste ja nicht, was da auf mich wartet.“

Ein „großes Rohr“ sah er durchs Geäst auf sich gerichtet. Der Brenner des Ballons, wie sich später zeigte. Der Jäger packte einige Sachen, die an der Plattform mit den Propangasflaschen herumlagen, in einen Beutel: Taschenmesser, Rohrzange, Barometer und Medikamente in einem Röhrchen. „Ich bin damit zu meinem Vater, der mich gleich zum ABV ­geschickt hat.“ Dass er die Gegenstände mitgenommen hatte, sei ihm von Mitarbeitern der Staatssicherheit vorgeworfen worden. „Ich sollte das vor Ort dann wieder genauso hinlegen, wie ich es vorgefunden hatte.“ Damit war die Sache für den jungen Mann aber nicht beendet. „Einige Tage später wurde ich von der Arbeit weg zur Befragung bei der Stasi abgeholt“, berichtet er. „Da gab‘s erst eine halbe Stunde Nettigkeiten.“

Doch sei der Ton zunehmend schärfer geworden. Es folgten weitere Verhörtermine, der sechste sei besonders schlimm gewesen. „Das ging über zwölf Stunden. Ich wusste nicht, ob ich wieder heim kommen würde.“ Es sei zu spüren gewesen, dass die Stasi-Leute massiv unter Druck gestanden hatten. Als ihm vorgeworfen worden sei, selbst beim Fluchtversuch beteiligt gewesen zu sein, habe er geantwortet: „Wenn das nächste Mal Amis mit dem Panzer durch den Wald fahren, behalte ich das für mich.“ Natürlich habe er es sehr bald bereut, seine Entdeckung mitgeteilt zu haben, sagt der Mann.

Der Fahndungsdruck wurde immer intensiver. Am 14. August 1979 erschien in der „Volkswacht“ eine Veröffentlichung, in der bei dem Ballon gefundene Gegenstände gezeigt worden sind (siehe Ausschnitt). Mit „nach der Begehung einer schweren Straftat“ war die versuchte Republikflucht umschrieben. Man erhoffte Hinweise, wem Rohrzange, Taschenuhr, Taschenmesser und Barometer, das übrigens als Höhenmesser diente, gehört haben könnten. „Das war alles so formuliert, dass nicht einmal ich einen Zusammenhang zu dem gefundenen Ballon erkennen konnte“, lacht heute Egon Matyasik. Als die Familien Strelzyk und Wetzel den Fahndungsaufruf sahen, war ihnen unklar, wie dicht man ihnen auf den Fersen ist. Mit Hochdruck wurde daran gearbeitet, schnell den neuen Ballon fertig zu haben, mit dem im September die Flucht gelang.