Der letzte Lehrling von Schloss Reinhardsbrunn

Zermatt/Zella-Mehlis.  Wie der Südthüringer Frank Schilling Hoteldirektor in Zermatt wurde und warum er das politische System der Schweiz für das Beste der Welt hält.

Frank Schilling an der Rezeption seines Hotels in Zermatt.

Frank Schilling an der Rezeption seines Hotels in Zermatt.

Foto: Hotel Butterfly

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Jeden Tag kurz nach 17 Uhr wird es noch betriebsamer als sonst am Bahnhof von Zermatt. Dann kommt in dem Ort am Fuße des Matterhorns der Glacier Express an, der acht Stunden zuvor in St. Moritz gestartet ist. Auf dem Bahnhofsvorplatz reihen sich die Elektromobile auf, die die Gäste des „langsamsten Schnellzuges der Welt“, wie es die Werbung verheißt, in ihre Zermatter Hotels bringen.

Im Sommer Ski fahren

Der Ort auf gut 1600 Metern Höhe ist selbst für Schweizer Verhältnisse etwas Besonderes. Hier kann man im Sommer Ski fahren und zu jeder Jahreszeit unbehelligt von Verbrennungsmotoren flanieren. Zermatt ist eine große Fußgängerzone, in der sich in der Nebensaison Touristen von allen Kontinenten der Erde tummeln. Während die großen Hotels bis zum Beginn der Wintersaison geschlossen sind, holen sich die kleineren ihr Stück vom Kuchen.

In der Rezeption des Hotels „Butterfly“, keine 300 Meter vom Bahnhof entfernt, steht Frank Schilling und hört beim Einchecken der Gäste auf die Nuancen. „Der persönliche Kontakt ist wichtig, vielleicht das größte Kapital“, wird der Hotelchef später sagen. Später, als geklärt ist, dass es der Thüringer mit Thüringern zu tun, was nur wenige Male passiert im Jahr. Frank Schilling ist „der letzte Lehrling von Reinhardsbrunn“, wie er selbst sagt. Und nun Direktor in einem Hotel, in dem das Übernachten kurzfristig nur ab 250 Schweizer Franken möglich ist. Eine Nachwendekarriere wie aus dem Bilderbuch.

Zum ersten Mal kräftig am Kapitalismus geschnuppert

1970, als sich in Erfurt Bundeskanzler Willy Brandt und DDR-Ministerpräsidenten Willy Stoph treffen, wird Schilling in Suhl geboren. Er wächst in Zella-Mehlis auf, besucht die Martin-Luther-Oberschule bis zur 10. Klasse und beginnt 1986 eine Lehre als Kellner im Schlosshotel Reinhardsbrunn des VEB „Reisebüro“. In den zwei Jahren Ausbildung schnuppert er zum ersten Mal kräftig am Kapitalismus, denn die exklusive Herberge dient vor allem als Devisenbringer für Gäste aus Westdeutschland und dem westlichen Ausland. Sogar einen „Intershop“ gibt es im Schlossgelände. Dann kommt die Wende. Die Treuhand verkauft das Hotel, die Pläne für eine Fünf-Sterne-Hotel scheitern. Es ist der Beginn eines 30 Jahre währenden Verfalls. Und „eine Schande für das Land Thüringen“, wie Frank Schilling im fernen Zermatt befindet. Vor fast 20 Jahren hat er seine frühere Ausbildungsstätte besucht und fand sich in einem Museum wider. In seinem Zimmer hing noch die Urkunde als bester Lehrling, an der Wand klebten die Postkarten, die er dort angebracht hatte.

Reinhardsbrunn sei mit dem Hauskloster der Landgrafen von Thüringen, auf dessen Grundmauern später das Schloss errichtet wurde, so etwas wie die Wiege des Landes, sagt Schilling. Im Landschaftspark begegneten sich einander die britische Königin Victoria und Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. „Ich bin bestimmt kein Verfechter zu viel staatlichem Einfluss, aber ein solches Objekt hätte von Anfang an in die Hände des Staates gehört“, sagt der 49-Jährige, der noch immer davon spricht, dass er „nach Hause“ fährt, wenn er einmal im Jahr Vater und Großmutter in Thüringen besucht.

Die Welt stand offen

Während die Odyssee des Schlosses beginnt, arbeitet Frank Schilling längst im Interhotel in Suhl, arbeitet sich vom Kellner zum Barmann hoch und studiert Hotelmanagement. „Ich war Anfang 20, die Welt stand plötzlich offen“, erinnert er sich. Irgendwann waren die meisten seiner jungen Kollegen weg, 1999 ging auch er. In einem Vier-Sterne-Hotel in Zermatt wurde ein Barkeeper gesucht. „Das ist es!“ sagte sich der passionierte Skifahrer, bewarb sich und bekam prompt die Stelle. „Eine Saison lang bin ich jeden Tag Ski gefahren, 16 Uhr begann dann mein Dienst als Barkeeper“, erzählt er. Er blieb sieben Jahre an dem Haus, merkte schnell, „dass die anderen auch nur mit Wasser kochen“ und sah sich nach Aufstiegsmöglichkeiten um. Zugute kam ihm dabei, dass er sich schon in der Schulzeit für Sprachen interessiert hatte, in Zella-Mehlis in einer „R-Klasse“ beizeiten Russisch und schon ab der 5. Klasse Englisch lernte. Heute kann er sich mit seinen Gästen in Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch unterhalten, Schwyzer-Deutsch versteht er.

Amerikaner sind sehr erstaunt über den DDR-Alltag

Für viele ist er noch immer der Exot, der hinter der Mauer groß geworden ist. „Viele Amerikaner haben abenteuerliche Vorstellungen vom Leben in der DDR“, sagt Schilling. „Die sind erstaunt, dass wir schon Kühlschränke und Fernseher hatten“.Das „Butterfly“ ist das einzige Haus im Ort, das keinem Zermatter gehörte, sondern einem Deutschen. Zusammen mit seiner Frau, die er dort kennenlernt, übernimmt Schilling im Jahr 2006 das Haus. „Ich wusste, wie das Geschäft läuft“, sagt er selbstbewusst. Inzwischen hat er die Prokura für eine Schweizer Aktiengesellschaft, die Hotels kauft, verkauft und betreibt. Der Einflussbereich der Gesellschaft geht weiter über Zermatt hinaus. Schilling, der letzte Lehrling aus Reinhardsbrunn, ist angekommen in der Geschäftsfeld der Schweiz, deren politisches System er für das beste der Welt hält. Die Volksabstimmungen zwingen die Leute, sich mit einem Thema inhaltlich auseinander zu setzen. Deshalb fühlten sich Schweizer in viel stärkerem Maße als Deutsche für sich selbst verantwortlich und erwarteten weniger vom Staat. „Wenn ich hier im Ort eine neue Bergbahn bauen will, dann muss das von den Bürgern befürwortet werden. Und die fragen dann ganz normale Dinge: Beispielsweise, was bringt es für mich?“ sagt der Hotelier. Wer darauf keine überzeugenden Antworten habe, könne abtreten und vielleicht in ein paar Jahren mit einem geänderten Konzept wiederkommen.

Aus dem Südthüringer ist ein bekennender Fan der Schweiz geworden, die „uns ein paar Jahre voraus“ sei. Mit „uns“ meint er Thüringen, Ostdeutschland, Deutschland. In dieser Reihenfolge. Was er von dort hört, erinnert ihn manchmal an die Zeit vor 30 Jahren. „Es muss möglich sein, dass man mit anderen Meinungen klar kommt“, sagt Schilling. Nach deutschen Maßstäben gebe es in der Schweiz, die einen Ausländeranteil von über 25 Prozent hat, zwei Drittel Nationalisten. Dann schickt er einen seiner Mitarbeiter mit dem Elektrokarren zum Bahnhof. In zehn Minuten kommt der nächste Glacier Express an.

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