Der wohl letzte Waidbauer Deutschlands

Neudietendorf. Ein bisschen verrückt müsse man schon sein, meint Wolfgang Friebel, der sich in Kornhochheim der einstigen Tradition des Waidanbaus verschrieben hat.

Wolfgang Friebel (65), Geschäftsführer der Landgut Kornhochheim GmbH, steht bei Molsdorf in einem Feld mit Färberwaid und kontrolliert den Wuchs. Der Landwirt ist wohl deutschlandweit der einzige Waidbauer. Foto: Marco Kneise

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Auf den Feldern in der Nähe Molsdorfs blüht es derzeit gelb. Von weitem könnte man denken, dort steht Raps. Aber nicht nur der. Dessen Farbe ist etwas heller und kräftiger. Gleich daneben, auf etwa eineinhalb Hektar, wächst und gedeiht Färberwaid — die in Deutschland nahezu ausgestorbene Pflanze.

Sie wurde ab dem 13. Jahrhundert unentbehrlich für das Herstellen von blauem Leinen und brachte rund vier Jahrhunderte lang vielen Thüringern Ruhm und vor allem Wohlstand. Denn neben Erfurt zählten noch Toulouse und Amiens (Frankreich) sowie Urbino (Italien) zu den Waidzentren im Europa des Mittelalters.

Wolfgang Friebel ist Chef der Landgut Kornhochheim GmbH mit Sitz in Neudietendorf, er hält die lange Thüringer Tradition aufrecht.

Montagnachmittag kontrollierte er, wie der Waid bislang gewachsen ist. „Wenn alles gut geht, können wir die Schoten Ende Juli ernten. Mit einem ganz normalen Mähdrescher, auch wenn es einiges schwieriger ist als beim Getreide.“

Die blühenden Pflanzen sind schon in ihrem zweiten Jahr. Aus dem Samen wird bei Bedarf Öl gewonnen, das ein Abnehmer im Raum Eisenach kauft und als Zusatzstoff in der Kosmetik einsetzt. Waid ist eine zweijährige Pflanze, erklärt der Landwirt und zeigt auf ein weiteres Feld: frisch bestellt, ein Hektar. Vor wenigen Tagen wurde dort Waid ausgesät. In Sichtweite wächst der Einjährige heran, „im August/September ernten wir davon nur die Blätter.“ Sie wachsen in Rosetten, sehen ähnlich aus wie die vom Spinat.

Traditionell wurde und wird aus einer Blattmasse das Indigo-Blau gemacht. Doch heute geschieht das meist nur zu kunsthandwerklichen Zwecken. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Blaufärberei mit Waid durch synthetischen Farbstoff abgelöst. Hier im Landgut Kornhochheim suchte man nach neuen Verwendungszwecken und Abnehmern. So verarbeitet der Betrieb einen Teil der Blätter, wenn sie noch grün sind. Daraus entsteht Gärsaft.

Den liefern Wolfgang Friebel und seine Leute an den Malerbetrieb Feige in Neudietendorf, wo verschiedene Pigmente zugegeben werden. Die Farben setzt er hauptsächlich beim Restaurieren alter Häuser ein. Waid sagt man auch nach, dass es gut für Holz- und Bautenschutz geeignet ist – und das auf ökologischer Basis.

Rund 10 bis 15 Prozent der Erntemenge auf den zwei Molsdorfer Waidfeldern wird als Rohsaft für Farben verwendet. Der Hauptanteil aber geht in die Kosmetik-Branche.

Zum einen gibt es die Firma Nuth in Mihla, Ortsteil Buchenau. Für ihre Produkte bezieht sie Extrakte aus den getrockneten Blättern. Nuth hat sogar eine ganze Kosmetik-Serie entwickelt. Sie reicht von Gesichtswasser und Reinigungsbalsam über Körperlotion und Shampoo bis hin zu Pflegeschaumbad und Nachtcreme. Dabei setzt der Hersteller auf die pflegende und heilende, naturbelassene Wirkung von Waid.

Außerdem laufen Versuche mit einer Klinik zur Heilung von Hautkrankheiten. „Waid wirkt gegen Pilze“, erklärt Wolfgang Friebel. Selbst als Tee soll er geeignet sein.

Manufaktur in Erfurt färbt noch traditionelles Indigo

Wer sich anschauen möchte, wie Waid früher verwendet wurde, schaut einmal in die kleine Manufaktur „Erfurter Blau“ von Rosanna Minelli. „Wir färben, ernten und säen, stempeln und nähen“, heißt es kurz und prägnant. Auf der Krämerbrücke gibt es Tischläufer und -decken, Schürzen, Schals sowie Kissenhüllen – jeweils in unterschiedlichen Indigoblau-Nuancen. Das hängt ab von der Herkunft des Waids.

Dessen Anbau ist nicht ganz einfach. Mit dem Waid beschäftigt sich kaum jemand wissenschaftlich, ein zugelassenes Pflanzenschutzmittel gibt es nicht. Man braucht eine Ausnahmegenehmigung und der Betrieb muss solche Flächen aussuchen, wo wenig Unkraut wächst. „Momentan wäre es rentabler, Weizen anzubauen“, meint der gelernte Landwirt. „Aber wir haben in Thüringen eine große Tradition und die wollen wir aufrechterhalten. Da muss man auch ein bisschen eine Macke haben“, sagt Wolfgang Friebel. Er kennt keinen anderen Landwirt in Deutschland, der überhaupt noch Waid anbaut.

Bereits Anfang der 80er-Jahre begann der Betrieb, für den ortsansässigen Malermeister Wolfgang Feige Waid anzubauen. Das macht er noch heute, obwohl der Schwerpunkt des Fünf-Mann-Betriebs in der Rindermast mit 400 Tieren und in deren Versorgung mit Futter aus eigenem Anbau liegt. Und auch, obwohl die Neudietendorfer Verarbeitungsfirma „Thüringer Waid“ im Sommer 2001 Konkurs anmelden musste.

Wolfgang Friebel ist Landwirt mit Leib und Seele – und auch schon 65. Doch ans Aufhören denkt er noch lange nicht, auch nicht daran, den Waidanbau einzustellen. „Solange noch Interesse in Thüringen besteht, solang andere mitziehen und es Abnehmer für den Waid gibt, lebt die Tradition fort.

Das scheint auf gutem Weg: Seine beiden Söhne arbeiten bereits im Betrieb mit. Zumindest die Firmennachfolge ist geklärt.

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