Die Dörfer in Thüringen sterben aus

Thüringen wird bis zum Jahr 2030 fast ein Fünftel seiner Bevölkerung verlieren. Das besagt eine Prognose des Statistischen Landesamtes. Während die größeren Städte von Zuwanderungen profitieren, leiden ländliche Gebiete unter dem Schwund. Demografie-Experten zufolge ist der Trend nicht aufzuhalten.

Auslaufmodell Dorf: Thüringen wird bis zum Jahr 2030 fast ein Fünftel seiner Bevölkerung verlieren, das trifft vor allem den ländlichen Raum. Foto: Jens-Ulrich Koch

Auslaufmodell Dorf: Thüringen wird bis zum Jahr 2030 fast ein Fünftel seiner Bevölkerung verlieren, das trifft vor allem den ländlichen Raum. Foto: Jens-Ulrich Koch

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Erfurt. Die Zahl der Einwohner im Freistaat nimmt in den kommenden 20 Jahren insgesamt von 2,27 Millionen (Stand Anfang 2009) auf 1,84 Millionen ab, teilte das Landesamt für Statistik am Freitag mit. Am stärksten trifft der Bevölkerungsschwund demnach die Stadt Suhl: Um 42 Prozent auf rund 23.000 werde deren Einwohnerzahl sinken. Gera verliert laut der Berechnung fast 23 Prozent seiner Bevölkerung.

Vor allem in den schon jetzt dünn besiedelten Landkreisen soll die Sterberate deutlich höher als die Zahl der Geburten werden. Außerdem werde es für die ländlichen Regionen Verluste durch weitere Abwanderung geben. Von dieser Entwicklung wird den Statistikern zufolge besonders der Kyffhäuserkreis mit einem Bevölkerungsrückgang von mehr als 35 Prozent erfasst. Auch die ostthüringischen Landkreise Greiz (-32,6 Prozent) sowie Saalfeld-Rudolstadt (-30,8 Prozent) sind davon überdurchschnittlich stark betroffen.

Einzig die Städte Erfurt, Jena und Weimar können laut Prognose bis 2030 einen Zuwachs erzielen und von der negativen Entwicklung auf dem Land profitieren. So sollen in der Landeshauptstadt 2,8 Prozent, in Jena 6,6 Prozent sowie in Weimar fast 10 Prozent mehr Menschen leben.

Zuwanderungen sollen auch Eisenach und der Ilmkreis verzeichnen können, sodass dort der Bevölkerungsrückgang zumindest gebremst werden kann.

Mit dem Verschwinden ganzer Dörfer rechnet der Demografie-Experte Steffen Krönert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. "Die Bevölkerungszahlen in den größeren Städte werden sich stabilisieren – auf Kosten des ländlichen Raumes", so Krönert im Gespräch mit unserer Zeitung. Dieser Trend sei "unvermeidbar". Die Zahl der Kinder könne nicht merklich steigen, da sich die Zahl der möglichen Eltern mit dem Geburtenknick nach der Wende bereits nahezu halbiert habe. "Für den einzelnen Dorfbewohner ist dies bedauerlich, insgesamt ist diese Entwicklung aber nicht per se von Nachteil", sagte der Experte. Die Konzentration der Bevölkerung in Ballungsräume könne die Kosten für Transport und Verkehr, medizinische Versorgung sowie Strom- und Wasserleitungen reduzieren, so Krönert. Zunächst sei allerdings mit einer deutlichen Verteuerung dieser Dienstleistungen zu rechnen. Vor allem die Wasser- und Abwassergebühren würden höchstwahrscheinlich noch weiter steigen, weil die Kosten für die Instandhaltung und Wartung der Leitungen auf wesentlich weniger Menschen verteilt werden müssten, erklärte Krönert weiter.

Vor den wirtschaftlichen Folgen der Bevölkerungsentwicklung warnt der Vize-Geschäftsführer des Dresdner Ifo-Instituts, Joachim Ragnitz. Vor allem der Einzelhandel werde unter dem Rückgang der regionalen Nachfrage leiden, sagte Ragnitz gegenüber "Thüringer Allgemeine".

Das Handwerk würde künftig noch massiver vom Fachkräftemangel bedroht sein. Größere Unternehmen, deren Absatzmarkt sich nicht auf die unmittelbare Umgebung beschränkt, würden dagegen mit einer Verlagerung ihrer Produktionsstätten reagieren - was wiederum die Abwanderung der Menschen in die Städte oder andere Bundesländer befördern würde, erklärte Ragnitz. "Insgesamt werden die ländlichen Regionen wirtschaftlich weiter zurückfallen", prognostiziert der Wirtschaftswissenschaftler.

Neben den Bevölkerungszahlen traf das Statistische Landesamt zudem eine Prognose für das Durchschnittsalter der Thüringer im Jahr 2030. Demnach wird es in Suhl als ältester Stadt 61,4 Jahre betragen. Der durchschnittliche Erfurter soll mit knapp 47 Jahren der jüngste Stadtbewohner sein. Mit gut 50 Jahren weist der Ilmkreis das niedrigste Durchschnittalter unter den Landkreisen auf, der Kyffhäuserkreis mit 57 Jahren das höchste.

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