Die Fotografenfamilie Beyer aus Weimar

Weimar. Constantin Beyer aus Weimar ist Fotograf in dritter Generation. Er erbte Tausende historische Bilder von Kunstwerken und Bauten aus Thüringen und der Welt und führt das einzigartige Archiv weiter

Noch unzerstört: Der Weimarer Marktplatz um 1928 mit Blick aufs Stadthaus (rechts). Erst nach der Wende wurde die 1945 zerstörte Nordseite wieder aufgebaut. Die Hofapotheke ist wieder eingezogen, auch den Neptunbrunnen (hier ohne Figur) gibt es noch. Foto: G. Beyer

Noch unzerstört: Der Weimarer Marktplatz um 1928 mit Blick aufs Stadthaus (rechts). Erst nach der Wende wurde die 1945 zerstörte Nordseite wieder aufgebaut. Die Hofapotheke ist wieder eingezogen, auch den Neptunbrunnen (hier ohne Figur) gibt es noch. Foto: G. Beyer

Foto: zgt

Ins Haus von Constantin Beyer führt ein schmaler Weg. Zwischen den efeubewachsenen Bäumen im Garten stehen ein paar Bronzefiguren verwunschen auf dem Rasen, als würden sie auf etwas warten. "Constantin Beyer, Lichtbildner", heißt es draußen am Tor - das Schild so zurückgenommen und altmodisch wie der Name der Profession, die es benennt.

Seit 90 Jahren sind die Beyers Fotografen, seit 1937 haben sie Geschäft und Wohnhaus in der Bodelschwinghstraße. Günther Beyer gründete sein "Wissenschaftliches Institut für Projektionsphotographie" im Jahr 1926. Er gab die Geschäfte an seinen Sohn Klaus G. Beyer weiter und der übergab sie wiederum an seinen Sohn.

Constantin Beyer öffnet die Tür in Fotografenweste. Er macht einen Schritt über die Kinderstiefel im Flur ("von meiner Enkelin") und bittet den Besuch ins Arbeitszimmer. Ein repräsentativer Raum - Parkettboden, eine alte Vitrine mit den gesammelten Fotobänden der drei Generationen Beyer, an der Wand eine Seelandschaft im Goldrahmen.

Früher war das Atelier das Wohnzimmer der Familie, erzählt Constantin Beyer. "Im Ausstellungskatalog der Werkstattarbeiten aus dem Bauhaus spiegeln sich unsere Möbel in den Metallobjekten."

Die Kunstgegenstände, die er fotografierte, hat der Vater immer mit nach Hause gebracht - auch die Waffensammlung aus Schloss Belvedere. "Alte Steinschlossgewehre", erinnert sich der Sohn, "die waren spannend." Anfassen durften die Kinder die Waffen natürlich nicht, naja offiziell zumindest nicht.

Klaus Beyer fotografierte Kunstwerke und Bauten, genauso wie sein Vater Günther, der ihn nach dem 2. Weltkrieg zum Fotografen ausbildete. Der Großvater hatte sich das noch selbst beigebracht, nachdem er sein Kunstgeschichtsstudium in Jena aus Geldmangel nicht abschließen konnte.

Als Klaus Beyer im Jahr 2007 mit 85 Jahren verstarb, hinterließ er allein 110 Bildbände mit Fotografien: Werke vom Bauhaus und von Fritz Cremer, Aufnahmen des Erfurter Doms oder der Wartburg, historische Städtebilder, Baudokumentationen. Es sind ruhige, reduzierte Bilder, Stillleben ohne Schnörkel, mit perfekt gesetztem Licht und geraden Linien. Nichts Ablenkendes stört diese Kompositionen, auf denen die Kunstwerke und die Baudenkmäler ihre eigene Schönheit entfalten.

"Wir sind klassische Handwerker", sagt Constantin Beyer, der wiederum von seinem Vater ausgebildet worden ist, im Familienatelier. "Ich war schon immer hier", erzählt der 52-Jährige auf seine ruhige, zurückhaltende Art. "Ich bin in diesem Haus geboren worden, gegenüber bin ich zur Schule gegangen und wahrscheinlich werde ich irgendwann hier herausgetragen werden."

Er war das jüngste von vier Kindern. Die anderen Geschwister wollten nicht, also übernahm er den Fotografiebetrieb. Das war 1987.

An die Zeit damals, als der Vater noch gelebt hat, erinnert er sich gern. Da erledigten sie die Aufträge zusammen, der Sohn als Fotograf, der Vater als Gehilfe. "Jeder konnte alles, wir waren richtig schnell." Das sei etwas anderes gewesen, sagt er, als heute alles allein zu machen.

Auch Constantin Beyer fotografiert vorrangig Bauwerke, Landschaften und Kunstschätze. Derzeit arbeitet er an Bildern für ein Kochbuch. Und vor Kurzem ist sein neuer Bildband über Weimar erschienen - Familientradition: Schon der Vater und der Großvater haben mehrere Weimar-Bände gemacht.

Vor allem aber verwaltet Constantin Beyer das riesengroße Archiv, das ihm seine Vorväter hinterlassen haben. Etwa 55"000 Negative sind es, die ältesten sind von 1926. Sie erzählen nicht nur die Geschichte einer Fotografenfamilie - gerade die Städtebilder zeugen auch von der deutschen und der Thüringer Geschichte des vergangenen Jahrhunderts mit ihren Kriegen und Zerstörungen.

Ich weiß, wie schwierig es ist, Alleinunterhalter dieses Erbes zu sein.

Einen Teil der Abzüge und Negative bewahrt Constantin Beyer in seiner ehemaligen Dunkelkammer auf, die braucht er nicht mehr, seit er vor zwei Jahren auf digitale Fotografie umgerüstet hat ("Die Handgriffe sitzen noch, aber fehlen tut mir das Entwickeln nicht"). Ein weiterer Teil lagert im Keller. "Thüringen, Köln, Braunschweig, Stuttgart, Magdeburg, Indien", zählt er auf, während er an den meterlang aneinandergereihten, klein beschrifteten Holzschubladen entlangstreicht. Einen Teil der Bilder hat er schon digitalisiert. In ruhigen Wintermonaten macht er weiter, Box für Box. So ein Archiv zu pflegen, ist eine Lebensaufgabe.

"Und hier", er zieht eine kleine Schachtel aus dem Regal: "Das ist der andere Teil unseres Erbes." Er zeigt einige Fotos von Handschriften. "Von Rainer Maria Rilke", sagt er. "Meine Mutter war seine Enkelin." Kennengelernt hat Klaus Beyers ebenfalls bereits verstorbene Ehefrau Josepha den Dichter jedoch nicht mehr. Rilke ist 1926 gestorben, zwei Monate später wurde Josepha geboren.

Constantin Beyer versucht, die ihm hinterlassenen Fotografien an den Mann zu bringen, an Orte, an denen gewürdigt wird, was für einzigartige Zeugnisse der Zeitgeschichte das sind. Er blättert vorsichtig durch eine kunstvoll verschnürte und in Packpapier eingewickelte Mappe, die sein Großvater 1927 zu Hindenburgs Achtzigstem anfertigte: großformatige Papptafeln mit Fotografien vom Reichspräsidentenpalais in der Berliner Wilhelmstraße. Es sind Bilder von schlichter, geometrischer Schönheit. Die Wachen am Eingang des Palais sind die einzigen Menschen. Sie sehen aus wie Spielfiguren.

Von der Mappe gibt es nur zehn Exemplare. Das Berliner Stadtmuseum hätte sie gern im Bestand gehabt, hat aber kein Geld. Sogar mit Hindenburgs Enkel hat Constantin Beyer Kontakt aufgenommen. Er hätte sich gern mit ihm ausgetauscht - ein paar Fotos fehlen ihm, er möchte die Mappe wieder komplettieren. Doch der Hindenburg-Enkel meldete sich nicht mehr zurück.

Für das kommende Jahr, wenn sich das Kriegsende zum 70. Mal jährt, hat Constantin Beyer dem Stadtmuseum die Fotografien seines Großvaters für eine Ausstellung angeboten, bislang allerdings noch keine Rückmeldung bekommen. Im Februar 1945 ist Günther Beyer durch Weimar gelaufen und hat die Trümmerberge nach den Luftangriffen der Engländer und Amerikaner dokumentiert - und die KZ-Häftlinge, die den Schutt beräumen mussten. Wie das gewesen sein muss für den Großvater, das erzählt der Enkel nicht. Er macht nicht viele Worte.

Er war auch dabei, als vier Tage nach Kriegsende die Särge von Goethe und Schiller aus dem Sanitätsbunker in Jena nach Weimar zurückgebracht wurden. Die Bilder zeigen salutierende Soldaten vor Lasttransportern mit zwei bekränzten und sehr klein aussehenden Särgen.

Großvater Beyer hat im Ersten und im Zweiten Weltkrieg gekämpft. Der Vater war Fallschirmspringer im Zweiten Weltkrieg - und der einzige von drei Brüdern, der den Krieg überlebt hat. Sein Bruder, der Bildhauer Wolfgang, fiel 1941 an der Ostfront, der andere Bruder Dietrich 1945 in der Eifel.

Weil es ihr dabei half, mit dem Verlust ihrer Söhne fertigzuwerden, hat die Mutter noch im Alter von 75 Jahren begonnen, Ikonen zu malen. Ihre Bilder waren, gemeinsam mit denen ihrer Söhne und denen ihres Ehemannes, vor zehn Jahren in einer Ausstellung über die Weimarer Künstlerfamilie im Kunsthaus Apolda zu sehen.

Günther Beyer war im Zweiten Weltkrieg in der Normandie stationiert. Er hat dort auch fotografiert. "Aber wenn man die Bilder betrachtet", erzählt Constantin Beyer, "hat man das Gefühl, hier ist ein Kulturreisender unterwegs durch Frankreich: keine Kriegseinsätze, sondern Kathedralen, Plätze, Landschaften."

Auch diese Bilder würde er gern an ein Archiv übergeben - einerseits. Andererseits möchte Constantin Beyer die einzigartige Sammlung gern erst einmal zusammenhalten. Aber dass seine Kinder sie einmal übernehmen, nein, das erwarte er nicht. "Ich weiß, wie schwierig es ist, Alleinunterhalter dieses Erbes zu sein."