Die Grenze: Der größte Kontrollpunkt der Welt

Von der Eckertalsperre über den Grenzübergang Helmstedt-Marienborn, an dem mehr als tausend Menschen arbeiteten, bis zum Doppeldorf Zicherie-Böckwitz.

1400 Kilometer in fünf Jahren waren wir für unsere Sommerserie entlang der innerdeutschen Grenze unterwegs. Foto: Paul-Josef Raue

1400 Kilometer in fünf Jahren waren wir für unsere Sommerserie entlang der innerdeutschen Grenze unterwegs. Foto: Paul-Josef Raue

Foto: zgt

1 Die Eckertalsperre hatte eine Mauer mit Eisenspitzen mitten auf dem Staudamm: Auf der Krone verlief – wie quer durch den See – die Grenze. Das weiche Wasser gehörte der DDR und dem Westen zu gleichen Teilen: Schwierigkeiten waren programmiert. So liefen Rohr-Leitungen, um Städte in Norddeutschland zu versorgen, über DDR-Gebiet; sie konnten nicht gereinigt noch repariert werden. Erst eine Regierungsvereinbarung 1978 regelte alles; auch, dass für hunderttausend D-Mark sieben Millionen Kubikmeter Wasser in den Westen fließen konnten.

2 In Stapelburg lebte Erich, der Sargmacher. Er zimmerte nach dem Krieg die Särge für die Menschen, die zwar die Konzentrationslager überlebt hatten, aber nicht die Tuberkulose. Der „Jungborn“ war 1945 zur TBC-Heilstätte umfunktioniert worden. Als die DDR mächtiger wurde und die Grenze undurchlässiger, zimmerte er Särge für die Flüchtlinge. Statt eines Toten legte er einen Lebenden, der DDR überdrüssig, in den Sarg und schmuggelte ihn gen Westen. Der 1896 erbaute Jungborn, die erste Naturheilstätte Deutschlands, wurde 1961 mit dem Ausbau der Grenze komplett abgerissen.

3 Die preußische Wanne bei Abbenrode war eine der Kuriositäten der Grenze: Das 17 Hektar große Areal gehörte zwar zum Staatsgebiet der DDR, aber westdeutsche Bauern aus Lochtum bewirtschafteten die Felder, wie in einem Vertrag ausgehandelt.

Im Abbenroder Heimatmuseum sind die Grenzanlagen in einem großen Modell dargestellt. Zu sehen ist: Als die Grenze ausgebaut wurde, verloren die Abbenroder ihr Freibad; das Becken lag mitten in der Sicherheitszone. Das Becken wucherte zu.

4 Das Mahnmal „Eiserner Vorhang“ steht dort, wo einst die Bahnstrecke Leipzig--Braunschweig die Grenze kreuzte: Zehn, fast sieben Meter hohe Stahlplatten; Claus Christian Wenzel war Leiter des Planungsamts in Wernigerode, als er 1995 das Kunstwerk schuf .

Im Schauener Holz, einem kleinen Buchenwald nahe Stapelburg, fuhren während der Kuba-Krise 1962 die Panzer auf. Die meisten haben vergessen, wie oft die Welt im Kalten Krieg am Abgrund stand; der Dritte Weltkrieg war gerade mal eine Panzerlänge entfernt. Da reichte es aus, die Angst zu schüren, wenn in dem idyllischen Waldstück ein komplettes Regiment darauf zu warten schien, den Priesbach zu überqueren.

Alte Grenzsteine werden gern gestohlen

Wo noch die alten Wege laufen, stehen die Grenzsteine aus Zeiten, als es noch Preußen gab, das Herzogtum Braunschweig und das Königreich Hannover. Auf dem Stein ist ein Kreuz eingekerbt. Stellt man sich darauf und schaut in die Verlängerung der Linien, dann sieht man den nächsten Stein. Oft sieht man nur noch ein Loch in der Erde. Die Grenzsteine werden gestohlen, obwohl es schwierig ist, die tief in den Boden reichenden Steine freizulegen und zu transportieren. Als Souvenir im Garten ist offenbar manchem nichts heilig und nichts zu teuer.

5 Lüttgenrode besitzt ein Bauwerk, das in der flachen Landschaft schon von Weitem zu sehen ist: Der Doppel-Turm des Benediktinerinnen-Klosters Stötterlingenburg, das im 16. Jahrhundert größtenteils zerstört wurde. Während der deutschen Teilung verfiel die romanische Kirche immer mehr und stürzte 1971 in sich zusammen, übrig blieben eine Ruine mit der imposanten Nordwand und eine 500 Jahre alte Linde. Die Partei wollte sogar alles abreißen, doch sie gab den Plan auf, als der Pfarrer listig den Antrag stellte: Wir brauchen 100 000 Mark für den Abriss.

Ein Förderverein will die Kirche, von Denkmalschützern als bedeutend eingestuft, mit dem Kirchenschiff und der halbkreisförmigen Apsis retten; zuerst einmal stützen riesige Balken die tausend Jahre alte Nordwand.

Nahe Hornburg steht am Fuße des Kleinen Fallsteins das Ausflugslokal „Willecke’s Lust“, das ein Jahrzehnt lang geschlossen war, aber heute vom Enkel wieder an Wochenenden geöffnet wird.

Vor der Wende lebte das Lokal des Ehepaars Willecke von der Grenze. Zwar kamen die Gäste nicht mehr aus Osterwieck und Rhoden, also von jenseits der Grenze, aber komplette Busladungen aus dem nahen Braunschweig wurden als Touristen oder Hochzeitsgesellschaften herangekarrt. Betriebe, die hier, am Todesstreifen, feierten, bekamen einen Zuschuss, erzählte Hans Willecke.

Großes Bruch heißt ein Landstrich, der früher ein undurchdringliches Moor war. Im zwölften Jahrhundert zogen Bauern drei lange Dämme und später Gräben durch das Wasser, machten das Land urbar. Die DDR zog ihre Grenzzäune durch das Bruch, heute bewirtschaften die Bauern die Flächen, säen Getreide und lassen Tiere auf die Weiden.

In Jerxheim fährt kein Zug mehr durch den Bahnhof, das war nach dem Krieg noch anders: Hier verkehrte die „Heringsbahn“ – die den Namen von den Schwarzhändlern bekam, die an der Nordsee Heringe kauften und drüben gegen Schnaps und Kleidung eintauschten. Alles stank im Bahnhof nach Fisch, denn die Lake tropfte aus den Rucksäcken.

6 Hötensleben besitzt eine der besterhaltenen Grenzanlagen. Achim Walther hat darum gekämpft, dass die Grenzanlagen komplett erhalten bleiben, und führt heute Besucher über das Gelände:

„Wir hatten die Besonderheit, dass der Schutzstreifen zwischen Ort und Grenzlinie an einer Stelle nur 35 Meter breit war; normalerweise musste er mindestens 500 Meter breit sein. Deshalb ist hier besonders viel zu sehen.

Direkt hinter den Häusern stand eine drei Meter hohe Sichtblendmauer, dahinter lag ein zwei Meter breiter beleuchteter Spuren-Sicherungsstreifen. Dann folgte der 2,40 Meter hohe Zaun aus Streckmetall mit Signaldrähten, die bei Kontakt sofort Alarm auslösten.

Dahinter lag eine Hundelaufanlage und das ,Sicht- und Schussfeld‘, ebenfalls mit Lichttrasse. Dieses Feld konnte von den Beobachtungstürmen auf dem Hügel und unten an der Straße eingesehen werden. Westwärts schloss sich der Kolonnenweg an, dann ein zweiter, sechs Meter breiter Spuren-Sicherungsstreifen, die Stahlhöcker, die Fahrzeuge vom Grenzdurchbruch abhalten sollten, und die 3,40 Meter hohe Grenzmauer. Auf der Mauer waren Rohre montiert, die es unmöglich machten, sich hochzuziehen. Es folgte der scharfkantige Grenzzaun, dann das vorgelagerte Hoheitsgebiet – und erst dahinter verlief die Grenzlinie im Bach.“

Achim Walther lebt seit 1973 in Hötensleben und leitet den Grenzdenkmal-Verein. Er kennt die Grenze wie kaum ein anderer, er hat auch mit vielen jungen Grenzern gesprochen:

„Die meisten Grenzsoldaten haben keine Zwischenfälle erlebt. Viele haben gehofft, dass der Ede – so nannte man Flüchtlinge – nicht vorbeikommt. Sie wollten nicht schießen. Viele dachten: Wenn ich schieße, ist ein Mensch tot. Wenn ich nicht schieße, ist mein Leben ruiniert. Denn sehr oft wurde mit der Armee-Haftanstalt in Schwedt an der Oder gedroht. Dort hat man die Menschen kaputt gemacht.“

Achim Walther erzählt auch vom Misstrauen unter den Grenzern, und manchmal erzählt er einen Witz: Zwei Grenzer gehen gemeinsam die Grenze entlang. Vertraulich fragt einer: „Wie denkst Du über Honeckers neue Maßnahmen?“ Antwortet der andere: „Genauso wie Du!“ – Der eine entgegnet: „Aha, dann muss ich Dich festnehmen!“

In Helmstedt organisiert der Verein „Grenzenlos“ im Sommerhalbjahr Grenzfahrten, die in drei Museen führen: Zonengrenz-Museum Helmstedt, das Grenzdenkmal Hötensleben und die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn.

Birken erinnern an eine Macht, die stärker ist als Menschenwerk

Im Lappwald ist die Birke der Baum der Grenze: „Es wächst wohl auf der Heide und in des Waldes Raum / ein Baum zu Nutz und Freude, genannt der Birkenbaum“, beginnt ein Gedicht von Wilhelm Busch. Hätte Wilhelm Busch die Grenze durch Deutschland erlebt, dichtete er wohl eine Strophe auf die Birke als den Baum der Grenze. Zu Tausenden wachsen sie im Lappwald am Rande des Kolonnenweges; kleine Birken, 30 Zentimeter hoch, recken sich sogar in den Ritzen der Steine dem Licht entgegen.

Vor 20 Jahren hatte die Natur kilometerweit keine Chance. Sie wurde vernichtet, um den Feind sehen zu können, der aus dem eigenen Volk kam. Freies Schussfeld – das war die Losung, um die Natur zu vergewaltigen. Doch sie ist stärker als die Mordlust der Menschen. 20 Jahre reichten, um wieder die Sicht zu versperren. Dank sei den Birken, die so dünn wie Bleistifte in den Himmel ragen und an eine Macht erinnern, die stärker ist als Menschenwerk.

Zwischen Barneberg und Offleben, nahe den Tagebau-Löchern von Schöningen: Lutz Peter, ein 17-jähriger Lehrling aus Schwanebeck, trat auf eine Mine und verlor sein linkes Bein – zwanzig Meter vor der Grenze. Es war am 9. September 1966 nachts gegen 4.15 Uhr. Zwei Stunden lang lag er im Minenfeld, schwer verletzt. Mehr als hundert Offlebener schauten zu, ohnmächtig und wütend; sie warfen ihm einen Strick zu, damit er sich herausziehe, aber ihm fehlte die letzte Kraft.

Das Kreisgericht in Halberstadt verurteilte ihn zu einem Jahr und sechs Monaten Freiheitsentzug mit der Begründung: „Zeitweilig war es eine tobende und Hetzlosungen rufende Menge von circa 150 Menschen, die diesen Vorfall für ihre, der DDR feindlichen Zwecke, ausnutzte. Sie riefen dem Angeklagten zu, die Grenzverletzung zu vollenden.“

Als wir bei unserer Wanderung 2009 Lutz Peter treffen, sagt ihm eine Ärztin aus Magdeburg: „Fliehen wollen – das war doch wie Selbstmord.“ Da zuckt Lutz Peter zusammen und schweigt.

Helmstedt-Marienborn, die ehemalige Grenzübergangsstelle (Güst) auf der Autobahn, steht unter Denkmalschutz. Im Kalten Krieg war sie der größte Kontrollpunkt der Welt; tausend Menschen arbeiteten hier; mehr als eine Million besucht heute jährlich die Gedenkstätte.

In der Gedenkstätte kann der Besucher auf einen Knopf drücken – und schon läuft das Förderband los, auf das ein Zöllner Ausweis und Auto-Papiere legt, verpackt in einer Plastikmappe. Durch mehrere Zimmer wandern die Papiere: Nicht nur der Westbürger wird kontrolliert, vielmehr kontrollieren sich die Grenzer selber.

Die Führerin erklärt, was die Abkürzungen in den Ablage-Fächern bedeuten: „Kairo“ – ein Verdächtiger wie Ex-Flüchtling, Journalist, Politiker oder Pfarrer; „AI“ – Aids; „ES“ – seltsames Äußeres wie Punk oder Skinhead. Es gab auch eine Leichenhalle: Jeder Sarg, der in den Westen ging, wurde geöffnet; es konnte ja ein Flüchtling drin liegen, ein lebender.

Um 21.26 Uhr am 9. November 1989, kurz nach Schabowskis „Unverzüglich“, kommt der erste Wartburg an die Grenze: Die Ärztin Annemarie Reffert fährt mit ihrer 16-jährigen Tochter rüber, schon erwartet von einer großen Schar von Journalisten. Um 23 Uhr war sie wieder in Magdeburg – ohne die Dose Bier, die ihr Mann gerne bekommen hätte. Aber die kostete an der Raststätte zwei Mark, und die beiden Frauen besaßen keine müde West-Mark.

7 Harbke lebte vom Braunkohlen-Tagebau: Die Grenze ging mittendurch, ein Teil DDR, ein Teil West. Nach dem Krieg verlief der Stacheldraht durch die Kohlenhalden. Klaus Cornelius war früher der Leiter des Helmstedter Tagebaus und erzählt: „Die Arbeiter kannten sich oder waren verwandt. Plötzlich waren sie getrennt.“

Allerdings bekamen die Ost-Arbeiter, die bei der West-Firma BKB beschäftigt waren, bis 1952 einen Teil des Lohns in D-Mark ausbezahlt und konnten im Westen einkaufen. In der Harbker Betriebszeitung stand 1985:

„Diese Einkaufsmöglichkeiten war eine Maßnahme der BKB, die die Zugehörigkeit der Belegschaft zum kapitalistischen Unternehmen demonstrierte und den Arbeitern, die seit 1945 in der Westzone arbeiteten, nun aber auf DDR-Gebiet Arbeit und Brot fanden, die Augen und Ohren mit Schokolade, Sanella und anderen ‚Delikatessen‘ verschmieren sollte.“

1952 schloss die DDR die Grenze, baute den Todesstreifen: 1800 Menschen verloren ihre Arbeit, die meisten davon aus dem Osten. Der Abbau kam zum Erliegen. Doch schon zu Beginn der Siebzigerjahre verschwanden Stacheldraht und Wachtürme, der Todesstreifen war Geschichte: Ost und West vereinbarten den gemeinsamen Abbau der Braunkohle, eben ein Devisen-Geschäft. Die Stasi wachte in großer Zahl, dass sich die Arbeiter nicht zu nahe kamen. 1986 schloss die DDR den Tagebau, heute entsteht der Lappwald-See, ein großer Baggersee.

8 Der Mittelland-Kanal zerschneidet die flache Landschaft, ohne an die Grenze zu erinnern. Poetisch verewigt hat der Dichter Georg Oswald Cott den Kanal in einem seiner Gedichte, die er seine „westostelbischen Gedichte“ nennt und die in kleinsten Auflagen, gedruckt mit einer Handpresse, erschienen sind. Er beschreibt die Landschaften der Grenze, zwischen Teilung und Wende, die drückende Schwüle in einer fast urwüchsigen Natur und einem vom Todesstreifen beherrschten Menschenwerk.

Klötze ist eine Stadt im Osten nahe der Grenze, Böckwitz und Zicherie bilden ein bekanntes Doppeldorf, Sturzäcker Moor und Drömling sind Landschaften, von der Grenze politisch geteilt; das Volkswagenwerk in Wolfsburg war auch nicht weit von den Grenze entfernt, die Arbeiter wohnten und wohnen in den nahen Schlafdörfern, nach der Wende auch im Osten.

Fahrt nach Wolfsburg

Schnurstracks linkselbisch

fließt der Kanal

er schneidet den

Blindweg nach Klötze

Sturzäcker Moor und Drömling

alles scheint weit vom Schuß

Streithähne scheuchen Besucher

im Brachland von

Böckwitz und Zicherie

heimlich unter dem Glücksklee

Feuerwerkskörper

lauern auf den Mann dressiert

aber Kratzdisteln und Trappen

fühlen sich sicher

pudelwohl die Schlafdörfer

rings um VW

Cott fährt jedes Jahr auf die Buchmesse nach Frankfurt, steht dort mit einem Korb voller Zettel, auf jedem Zettel steht ein Gedicht; er freut sich: „Ich habe Tausenden von Menschen ein Lächeln entlockt.“

Nahe Oebisfelde will im Mai 1982 ein 19-Jähriger den Dienst an der Grenze nutzen, um zu fliehen. Nach Mitternacht spricht er den 24jährigen Gefreiten, der ihn begleitet, in einer Erdbeobachtungs-Stelle an: „Kommst Du mit?“ Der aber richtet die Waffe auf seinen fluchtbereiten Kameraden; doch dieser ist schneller, er lädt seine Maschinenpistole durch, drückt viermal ab, tötet ihn und flieht. Die Jugendkammer des Landgerichts Braunschweig verurteilt ihn zu fünf Jahren Haft.

Im Rühener Hafen kontrollierten Zöllner die Schiffe, die auf dem Mittellandkanal nach Osten fuhren; im Geschäft und der „Gaststätte an der Zonengrenze“ von Hugo Brandt deckten sich die Schiffer für die lange Fahrt durch die DDR mit Lebensmitteln ein. In Buchhorst kontrollierten die DDR-Grenzer.

Günther Jeß war Zöllner in Rühen, er erinnert sich: „Nachts durften in der DDR keine Schiffe fahren. So stauten sich manchmal dreißig Schiffe am Morgen auf dem Kanal. Die Abfertigung dauerte auch recht lange, besonders bei den Tankern: Da brauchten wir bis zu fünfzig Plomben.“ Heute erinnert nichts mehr am Kanal an die deutsche Teilung.

Nahe des Kanals verlief eine der wichtigsten Eisenbahn-Verbindungen von Ost nach West, von Köln nach Dresden. Mehr als Tausend Menschen arbeiteten vor der Wende im benachbarten Oebisfelde für die Bahn, heute rauschen die ICE durch den Bahnhof, keiner hält.

Zwischen Rühen und dem Mittellandkanal hatten die Nazis ein Lager für Säuglinge und Kleinkinder eingerichtet. Den Zwangsarbeiterinnen, die im Volkswagenwerk beschäftigt waren, nahmen sie die Kinder weg, damit die Frauen wieder arbeiten konnten, und steckten die Säuglinge in eine der vier Baracken. Die Hauptaufgabe des Werksarztes Hans Körbel war das Ausstellen von Sterbeurkunden, auf denen er als Grund „angeborene Lebensschwäche“ notierte: Fast alle dreihundert, die eingeliefert wurden, starben vor Hunger oder an Krankheiten, die wegen der schlechten Hygiene ausbrachen.

Körbel wurde nach dem Krieg zum Tode verurteilt und in Hameln hingerichtet. Auf einer Gedenktafel auf dem Rühener Friedhof lesen wir:

Hier ruhen über 100 russische und polnische Kinder, die im Kinderlager Rühen 1944–1945 Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden. Im Alter von wenigen Tagen wurden sie ihren Müttern weggenommen und kamen jämmerlich zu Tode.

Junge Leute heiraten gern die Mädchen von drüben

Der Drömling, unter Friedrich dem Großen urbar gemacht, ist in einer monotonen Landschaft ein Atem raubendes Stück Natur, ein Sumpfland mit tausend Gräben und Libellen, mit Fischottern und Ringelnattern – wenn nur die Mücken nicht der Spur des Schweißes folgten. Das Mückenfest im Kaiserwinkel, anfangs ein deutsch-deutsches Fest, steigt im Frühjahr – wenn die Mücken noch träumten und die Mädchen und Jungen noch ins Gebüsch huschen konnten.

Die Grenze ist heute fast verschwunden. „Wir wollten nichts mehr von ihr sehen, keinen Zaun, keine Mauer, keinen Graben“, sagen die Leute. „Vielleicht hätte man das eine oder andere erhalten sollen“, sagen sie ein Vierteljahrhundert später, „vor allem der Kinder wegen. Die wissen doch nicht mehr, wie das war, damals.“

Im Kaiserwinkel, unmittelbar an der Grenze, war die „Gaststätte zum schmutzigen Löffel“ so schmuddelig, dass die Gäste das Bier nur aus Flaschen trinken konnten. Als die Grenze noch grün war, betranken sich hier die Grenzer, Zöllner und Bauern, deren Traktoren sich kilometerlang stauten. So erzählt man.

Auch der Ex-Bürgermeister von Parsau, ein West-Ort im Pferch- und Ochsen-Moor, erzählt Seltsames: „Unsere jungen Leute heiraten gerne die Mädchen von drüben, die sind nicht so anspruchsvoll und verwöhnt wie die in Wolfsburg. Ich habe jedenfalls noch nie von einer Scheidung gehört.“

Am Kilometerstein 6,5 der Kreisstraße Kaiserwinkel-Zicherie steht auf einer Gedenktafel für den Journalisten Kurt Lichtenstein: „Erschossen, weil er als Deutscher mit Deutschen drüben sprechen wollte“. Lichtenstein, Kampfgefährte von Ulbricht und Mielke, war ein abtrünniger Kommunist, der für die sozialdemokratische „Westfälische Rundschau“ in Dortmund arbeitete.

Zwei junge, gerade 18- und 19-jährige Grenzer, erschossen den Reporter am 12. Oktober 1961, mittags. Dem TV-Journalisten Heribert Schwan erzählte nach der Wende einer der Schützen:

„Da kam ein Auto vorgefahren. Dann lief der Mann über die Grenze, hat mit den Bauern erzählt. Dann ist er zurückgelaufen. Wir haben gerufen: Halt, stehenbleiben, Grenzpolizei! Er lief weiter, und ich habe den Warnschuss abgegeben – oder mein Kollege? Ich habe zwei, drei Mal geschossen, das weiß ich genau. Mein Genosse hat auch geschossen. Und dann, auf einmal, ist er umgefallen.“

Zäune und Grenzanlagen gab es noch nicht. Lichtenstein wollte einfach mit den Bauern an der Grenze sprechen, die Kartoffeln rodeten. Und er starb – weil er wohl glaubte, einem ehemaligen Kommunisten würde schon nichts widerfahren.

9 In Zicherie und Böckwitz, dem Doppeldorf, trank man im Osten sein Bier und ging im Westen aufs Klo. Mancher, der aufs Klo ging, kam nie wieder – bis die DDR die Mauer auch in den Häusern baute, durch die die Grenze lief. Die meisten dieser Häuser riss man später ab, freies Schussfeld war gewollt.

Das Doppeldorf blieb bis zum 16. November 1989 getrennt. Heute ist der „Grenzlehrpfad“ am Zaun eine Touristen-Attraktion mit Parkplatz, Picknick-Anlage mit überdachtem Blick, Holztischen und Bänken. Beim Grillen der Thüringer Bratwurst kann man auf den Signalzaun schauen und den frisch gerodeten Streifen, auf dem jeder Flüchtling seine Fußspuren hinterließ und kurz darauf gestellt wurde. So etwas nennt man Erlebnis-Picknick, deutsch-deutsch sozusagen.