Die kleinen Siege: Wie Kristina Vogel den Weg zur Selbstständigkeit meistert

Berlin  Ein Besuch bei der querschnittsgelähmten Thüringer Bahnrad-Olympiasiegerin Kristina Vogel im Unfallkrankenhaus Berlin, wo sie noch mehrere Monate bleiben wird.

Moment der freudvollen Entspannung: Kristina Vogel hat eine schwierige Stabilisationsübung geschafft, ohne mit dem Oberkörper nach vorn zu kippen.

Moment der freudvollen Entspannung: Kristina Vogel hat eine schwierige Stabilisationsübung geschafft, ohne mit dem Oberkörper nach vorn zu kippen.

Foto: Sascha Fromm

Der Pfeil fliegt mitten ins Grüne. Der Vorhang wackelt. Kristina Vogel hat die Scheibe verfehlt. Dem Fluch mit den Buchstaben „sch...“ folgen die Worte „dann beim nächsten Mal.“ Diana Meier, die Physiotherapeutin, die das Bogenschießen im Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) betreut, gibt noch mal einige Hinweise: „Hand ans Kinn, Spannung halten, Schulterblätter nach hinten, schießen.“ Kristina Vogel zielt wieder, trifft nun die Holzwand. Normalerweise, so die Einigung in der Gruppe, müsste sie beim nächsten Training für Nachschub bei den Gummibärchen sorgen. Aber die Dose ist noch prall gefüllt, zudem genießt Kristina den Schutz als Anfängerin. Die zweimalige Olympiasiegerin und elffache Bahnrad-Weltmeisterin aus Erfurt zählt schließlich erst seit rund vier Wochen zur Truppe, die mit Pfeil und Bogen ihren Spaß hat.

Im Krankenhaus in Berlin-Marzahn ist Kristina Vogel seit dem 26. Juni 2018. Mit einer Querschnittslähmung ab dem siebenten Brustwirbel. Sie hat keinerlei Erinnerung daran, wie es zum Zusammenstoß mit einem holländischen Junior kam. Irgendwann in den nächsten Wochen soll es vor Ort eine detaillierte Untersuchung und Rekonstruktion geben, allein aus versicherungstechnischen Gründen. Kontakt zum Nachwuchsfahrer existiert nicht, inzwischen hatte der holländische Verband zumindest mal einen Blumenstrauß ins Krankenhaus geschickt.

Das Zimmer, das Kristina Vogel dort bewohnt, wirkt wie ein wunderbarer Kramladen. Überall liegen Geschenke, auf den Fensterbrettern türmen sich Bücher und Stofftiere, an den Wänden hängen Plakate und Fotos.

Es klopft an der Tür, wenig später steht das Mittagessen vor Kristina Vogel. Sie lugt unter den Deckel des Tellers, wiegt den Kopf. Ja, sie hat Hunger nach rund zweieinhalb Stunden Vormittagsprogramm.

Vor sechs Wochen hatte sich die Thüringerin erstmals öffentlich geäußert, davon berichtet, wie sie versucht, ins Leben zurückzukehren. Sie wirkt auch jetzt, Ende Oktober, unverändert kämpferisch und humorvoll. Sätze wie „es ist, wie es ist, ich werde nicht mehr laufen können. Mein Rückenmark ist durchtrennt“, haben immer noch Gültigkeit. Sie strahlt bei aller Nachdenklichkeit beeindruckende Lebensfreude aus, „obwohl ich lernen muss, Emotionen zuzulassen, auch mal zu weinen.“ Doch Fragen nach dem „Warum?“, „Weshalb ich?“ stellt sie sich weiterhin nicht. „Besser ist, die Situation anzunehmen, nach vorn zu schauen“

Beim Fahren durch den Gang im Klinikum blickt die 27-Jährige kurz zurück. Weil ihr zwei Patienten zurufen, eine Schwester winkt. „Bis nachher“, sagt Kristina Vogel und biegt mit baumelnden Zopf in den Fahrstuhl. „Die Schwestern kommen meistens nur noch zum Quatschen“, erzählt sie mit diesem unbekümmerten einnehmendem Lachen, das auch auf der Station längst ansteckend ist.

Vor einigen Wochen noch war die weltbeste Bahnradsprinterin auf ausgiebige Hilfe angewiesen, da konnte sie sich im Bett nicht drehen, musste mehrmals gewendet werden. Das schafft die 27-Jährige mittlerweile problemlos, auch vom Bett in den Rollstuhl und zurück – „das klappt jetzt.“ Sogar die so schwierige Bewegung vom Boden in den Stuhl gelingt nun allein, „aber das war ein Akt“. Es sind die kleinen, doch so ungemein wichtigen Siege auf dem Weg zur Selbstständigkeit.

Im Sporttherapieraum ist die helfende Hand von Therapeut Bodo Heinemann allerdings noch notwendig, als sie den Zwischenraum vom Rollstuhl zum Sitz des Handergometers überwindet. Zudem ist das Kissen „mal zu hoch oder zu flach, zu weich oder zu hart.“ Je nach Tag, Gefühl und Form. Kristina Vogel kreist eine Viertelstunde mit dem „Fahrrad für die Arme“. Heinemann korrigiert und erhält zwischendurch ein Kompliment der Thüringerin, weil er bei Weitem nicht wie 79 aussieht. „Toll gehalten Bodo.

Wenn ich mit 60 so fit bin, habe ich alles richtig gemacht.“ Der geschmeichelte Berliner begleitet Kristina an anderen Patienten vorbei zu Stabilisationsübungen mit dem Stab. Die Rumpf- und Schultermuskulatur müssen gestärkt werden, weil die Bauchmuskulatur nicht mehr funktioniert.

„Halten, halten“, fordert Heinemann, der in der Klinik unter anderem auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble betreut. „Und Konzentration bitte“, schiebt er nach. „Ich kann ja Grimassen machen“, erwidert seine Patientin mit verzerrten Gesichtszügen. Winzige Bewegungen, die vor dem Unfall überhaupt nicht registriert wurden, schmerzen. Das Brennen schwindet, endlich Pause, tiefes Durchatmen, kurzes Entspannen. Anschließend kämpft Kristina Vogel an den Stufen der Sprossenwand und hantiert am Zugseil. Schwerste Anstrengungen sind das, vor allem, wenn die Lähmung erst knapp vier Monate zurückliegt.„Doch die Fortschritte und der Ehrgeiz sind phänomenal“, wertet Diana Meier, die Physiotherapeutin beim Bogenschießen und Kegeln. Kristina mag diese Stunde im umfänglichen Reha-Zyklus, „weil es konkrete Ergebnisse gibt“. Sie überlegt sogar, bei einem internen Krankenhaus-Wettkampf am 6. Dezember mitzumachen.

Andere Träume, leistungssportliche Ambitionen im Behindertensport, die gern von außen herangetragen werden, seien derzeit dagegen illusorisch. Und das, obwohl sie beim Flüstern des Wortes Geduld am liebsten schreien würde. Doch auf das Stichwort Paralympics reagiert Kristina gar nicht, sagt stattdessen: „Ich brauche noch mindestens drei, vier Jahre, um den Alltag einigermaßen zu bewältigen, diesen verträglich zu machen.“ Dazu zählt auch, das Haus in Erfurt umzubauen, „das wird noch lange dauern“.

Dreimal war sie seit dem Unfall in Thüringen, unter anderem zum Geburtstag von Radprofi Marcel Kittel. Weihnachten möchte Kristina Vogel im Kreis der Familie zu Hause verbringen. Aber sie schätzt, einschließlich der Reha, noch viele weitere Monate in Berlin zu bleiben, „bis weit ins nächste Jahr hinein“. Sie möchte sich keinem zeitlichen Druck aussetzen, die Planung der Stunden, der Tage, der Wochen sei ohnehin kompliziert. „Ich will mich nicht hetzen, muss ja vieles neu lernen.“

Sie kann dabei auf tatkräftige Unterstützung bauen. Auf Freund Michael Seidenbecher, der in die Nähe von Berlin versetzt wurde, auf die Bundespolizei als ihren Arbeitgeber, auf Manager Jörg Werner, auf Frauen und Männer aus allen Sportarten Deutschlands, die sie unlängst zum Champion des Jahres gekrönt haben. „Ich erhalte so reichlich Zuspruch.“ Das helfe in trüben Stunden, denn natürlich ist sie nicht die, die immer lacht. Auch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat Anteil am Schicksal genommen.

Letzte Woche vor dem Länderspiel in den Niederlanden wurde Kristina Vogel ins Team-Quartier in Berlin geholt. Eine Idee vom radsportbegeisterten Kapitän Manuel Neuer. Es sei cool gewesen, „die Jungs mal zu treffen. Da kommt der Kroos um die Ecke und sagte, hey ich bin der Toni.“

Als Kristina Vogel vom dunklen Krankenhaus-Gang in den lichtdurchfluteten Turnraum schwenkt, sind dort Hütchen aufgestellt und Matten ausgelegt. Rollstuhltraining steht an. „Ich bin zwar in letzter Zeit mal hingefallen, aber das passiert immer seltener.“ Wie zum Beweis umkurvt sie geschickt die Kegel, vorwärts und rückwärts. Auch die Gummimatten, die den Bordstein imitieren, sind kein Hindernis. Vor fast jeder Runde umklammert sie kurz ihre leicht nach vorn gerutschten gefühllosen Beine, zieht diese zurück auf die Fußstützen. Dann wirbeln die Arme wieder. Nach der halbstündigen Trainingseinheit sagt sie: „Hat Spaß gemacht“.

Kristina Vogel rollt mit Appetit zum Mittagessen. Und sie ist zufrieden. Zumal auch das Bogenschießen eine Stunde zuvor erfolgreich endete. Der Pfeil landete zwar mal im grünen Vorhang. Doch beim letzten Versuch bohrt sich die Spitze in den gelben Kreis der Scheibe. Volltreffer.

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