Die Vergessenen: Wie Thüringer zwischen den Fronten in der Ukraine helfen

Ein Thüringer Aktionsbündnis sammelt Spenden für medizinische Hilfstransporte in die ostukrainische Stadt Lugansk.

Ein Kind steht vor den Ruinen seines Elternhauses, das während der Kämpfe in der Ostukraine zerstört wurde. Foto: Alexander Ermochenko

Ein Kind steht vor den Ruinen seines Elternhauses, das während der Kämpfe in der Ostukraine zerstört wurde. Foto: Alexander Ermochenko

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Es war eine Anreise mit Umwegen, zu der sich Raissa Steinigk in diesem Sommer entschlossen hatte. Moskau, von dort der Flug nach Rostow am Don, 174 Kilometer mit dem Taxi bis zur russischen Grenzstation Isvarine. Anstehen am Kontrollpunkt, von dort ein Fußmarsch bis zum ersten ukrainischen Posten, dann 50 Kilometer bis zur Gebietshauptstadt.

Willkommen in Lugansk. Oder, wie die dortigen Offiziellen es nennen, der Hauptstadt der Volksrepublik Lugansk. Oder, wie es in Kiew und in der westlichen Welt heißt, einer der beiden Separatistenhochburgen in der Ostukraine.

Oder, wie es vor allem viele Menschen empfinden, für die hier der dritte Kriegswinter angebrochen ist, im schwarzen Loch. Im Niemandsland zwischen Krieg und Frieden, das sich inzwischen höchstens noch als Randthema in die Nachrichten verirrt.

Es geht ihr nicht um Politik, nicht um die Fragen wer mehr, wer weniger Schuld trägt an der Tragödie. Es geht ihr um die Menschen, von denen die allermeisten diese Trennung nicht gewollt haben, diesen Krieg schon gar nicht und die jetzt zu seinen Geiseln geworden sind. Deshalb diese Reise.

Raissa Steinigk hat russische Wurzeln, seit mehr als 30 Jahren lebt sie in Thüringen. Sie hat die Fernsehberichte, auch die russischen und ukrainischen, verfolgt, Blogs im Internet, Bilder und Berichte die in ihr Schmerz und Ratlosigkeit hinterließen. So viel Hass, so viel Zerstörung, so viele Tote.

Leidtragende sind die sozial Schwächsten, die Alten, die Kinder. Von der zentralen ukrainischen Versorgung ist das Gebiet abgeschnitten. Die Hilfslieferungen aus Russland reichen nicht aus, Tausende leben im Mangel. Du musst, hatte sie sich gesagt, etwas tun für diese Vergessenen.

Mit einer Handvoll Gleichgesinnter gründete sie das Aktionsbündnis „Zukunft des Donbass“. Der Plan: Ausrüstung und Medikamente, die in deutschen Kliniken ausgemustert wurden, in die beschädigten und unterversorgten Krankenhäuser des Lugansker Gebietes zu bringen.

Im Mai diesen Jahren begannen sie, nach Spenden zu suchen, schrieben an Kliniken, Ärztehäuser, Privatpraxen. Schon zwei Monate später konnten sie die ersten zwei Transporte in die Ostukraine schicken. 18 Tonnen Kindernahrung, Betten und Rollstühle. Im Juli machte sie sich selber auf die Reise. Um sich zu vergewissern, wie die Spenden verwendet wurden. Und vor allem um von Ärzten und Pflegern zu hören, woran es besonders schmerzhaft mangelt.

Sie kann sich gut an dieses Bild erinnern: Spielende Kinder im Stadtpark, daneben die Großmütter auf den Bänken. Und gegenüber auf der Straße gepanzerte Armeewagen, bewaffnete Militärs in voller Montur. Die Normalität eines Alltags, die man auf den ersten Blick sieht, ist eher eine Sehnsucht als Realität. Es braucht nicht viel, um die dünne Fassade zu brechen.

In den Kliniken herrscht Mangel am Nötigsten

Im städtischen Krankenhaus Nr. 1 haben Beschüsse einen Gebäudeflügel völlig zerstört. Im Boden der Wäscherei klafft ein großes Loch. Zerbrochene Scheiben, und Einschusslöcher in Patientenzimmern. Medizinische Geräte, Betten, Rollstühle, die entweder zerstört oder sind oder aus Alterschwäche unbrauchbar. Die Ärzte erzählen, wie sie Patienten immer wieder in den Keller bringen müssen, weil dort die Räume weniger zerschossen sind. Ein Drittel des Krankenhauses ist nicht nutzbar.

Die Fahrt in die Klinik von Perwomaisk wurde zu einer Reise durch zerstörte Landschaften. Der Ort liegt nur zehn Kilometer von de Linie entfernt, die das Lugansker Gebiet vom Rest der Ukraine trennt. Sie erzählt von Geisterdörfern, wo fast nur die Alten in halbzerstörten Häusern hausen, weil sie nicht wissen, wohin sie gehen sollen. Die von Freiwilligen mit Lebensmitteln versorgt werden, die in täglicher Angst leben vor neuen Kämpfen. Der Waffenstillstand ist brüchig. Erst in der vergangenen Nacht, hatten ihr Ärzte in Lugansk erzählt, wurde das Dorf Popasnaja beschossen, es gab zwei Verwundete.

Das Krankenhaus von Perwomaisk ist zu 40 Prozent zerstört. Vieles von der ohnehin schon verschlissenen Einrichtung fiel den Beschüssen zum Opfer. Die zahl der Tuberkulosepatienten ist auffällig hoch seit der Krieg ausbrach, die Menschen sind geschwächt, viele lebten wochenlang in Kellern.

Als sie die Ärzte um eine Liste der am dringensten benötigten Dinge bat, zählten sie Ausrüstung auf, ohne die kein Krankehaus arbeiten kann. Operationsnadeln, OP-Scheren, Pinzetten, Medizinische Möbel, Röntgenapparate, Operationstische. Transportliegen... Es fehlt am Elementaren, auch Ärzte werden knapp.

Und es sieht nicht danach aus, dass sich an dieser Situation absehbar etwas grundhaft ändert. Der Minsker Prozess stagniert, eine Lösung ist nicht in Sicht. Sobald sich die Kämpfe beruhigen, wird die Welt ihr Interesse an der Ostukraine verlieren, hatten damals viele Menschen im Donbass befürchtet. Das Gebiet wird zu einem Land ohne Zukunft. Ein schwarzes Loch in Europa, so wie Transnistrien.

Die Befürchtungen haben sich bestätigt. Vor dem Krieg lebten in Lugansk 700.000 Menschen, jetzt sind es noch 400.000. Viele der Jungen und Starken haben den Donbass verlassen, ließen sich entweder in anderen Gebieten der Ukraine niedergelassen oder in Russland. Wer will schon Unternehmen gründen, investieren oder eine Familie gründen in einem Niemandsland, dessen Boden brüchig ist.

Vor einigen Tagen schrieb die eine Bloggerin in ihrem „Lugansker Tagebuch“ folgende Sätze: „Wir sprechen nicht mehr darüber, wer für wen war oder ist. Warum alles so gekommen ist und wie es anders hätte sein können... Weil allen längst klar ist, dass wir unabhängig von unseren Standpunkten nichts ändern können, keinerlei Einfluss haben auf irgend etwas.“

Welch fatalistische Bestandsaufnahme. Und eine Ratlosigkeit, die Raissa Steinigk in den Gesprächen erlebte. Wie konnte das mit uns geschehen? Und auch: Warum töten sie uns? Die Menschen rücken zusammen, Nachbarn helfen sich, Freiwillige versorgen die Alten. Harren aus zwischen den Fronten, sie haben keine Wahl.

Im Oktober diesen Jahres ging der dritte Hilfstransport des Aktionsbündnisses nach Lugansk. Mit medizinischer Ausrüstung, die das Universitätsklinikum Jena bei seinem Umzug ausgemustert hatte. Wir könnten, sagt Raissa Steinigk, einen vierten Transport schicken, Hilfsgüter sind vorhanden: Betten für Intensivmedizin, Möbel, medizinische Geräte, Verbandsmaterial. Es sind Spenden aus Thüringer Einrichtungen, doch das Problem ist der Transport. 4000 Euro kostet eine Fahrt, es sind ohnehin nur wenige Speditionen, die solche Aufträge übernehmen. Das Bündnis hofft auf Spenden. Und auf weitere Hilfe für die Krankenhäuser. Die Menschen in der Ostukraine, sagt Raissa Steinigk, warten darauf.

Kontakt: rsteinigk@ zukunftdonbass.org

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