Domplatz 1: Der Oberlehrer

Leser im Gespräch mit Josef Kraus, Präsident des deutschen Lehrerverbandes. Es sind gerade die schwächsten Schüler, die unter dem Unterrichtsausfall in unseren Schulen am meisten leiden.

Mit Josef Kraus führten Marc Feldmann , Peggy Katzer , Hans-Jürgen Weilepp , Ilona Helena Eisner , Josef Kraus , Marlis Baddack und Merle Kießwetter (von links) das Leserinterview. Es moderierte Dirk Lübke (3. von Rechts) . Foto: Marco Kneise

Mit Josef Kraus führten Marc Feldmann , Peggy Katzer , Hans-Jürgen Weilepp , Ilona Helena Eisner , Josef Kraus , Marlis Baddack und Merle Kießwetter (von links) das Leserinterview. Es moderierte Dirk Lübke (3. von Rechts) . Foto: Marco Kneise

Foto: zgt

Deutschlands Lehrer gelten als sehr gut ausgebildet und bezahlt. Dennoch belegt die Bundesrepublik bei länderübergreifenden Bildungsstudien nur einen Platz im Mittelfeld des Ländervergleichs. Für die Pädagogen sei das vor allem das Ergebnis einer jahrelang verfahrenen Schulpolitik in den Bundesländern, sagt der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus.

Ilona Eisner: Sitzenbleiber, Wiederholer, Durchfaller - ist das Wiederholen einer Klassenstufe für Sie in jedem Fall etwas Negatives?

Ich verstehe die aufgeheizte Debatte in Deutschland nicht. Pro Schuljahr wiederholen bundesweit 170.000 Schüler - 1,5 Prozent der Gesamtzahl der Schüler - eine Klasse. Das ist nicht viel. Das liegt auch daran, dass wir inzwischen sehr liberale Regelungen haben, was das Vorrücken in die nächst höhere Klasse anbetrifft Auch Schüler mit zwei oder drei Fünfern können auf Probe vorrücken. Bei den Wiederholern reden wir von Schülern, die in drei oder mehr Kernfächern eine Fünf haben. Und denen bringt es überhaupt nichts, wenn man sie in die nächst höhere Jahrgangsstufe schiebt. Wiederholen ist für diese Schüler kein Trauma, sondern wirklich eine Chance.

Marlis Baddack: Also ich finde das auch nicht schlimm, wenn jemand wiederholt. Aber natürlich bleibt das Wiederholen einer Klasse doch auch eine negative Erfahrung.

Man müsste in all die verrückten Rechnungen, die darüber angestellt werden, was es kostet, wenn Jugendliche eine Klasse wiederholen, auch einfließen lassen, was es der Gesellschaft an Gewinn bringt. Wenn Schüler durch das Wiederholen einer Klasse eben doch zu einem Abschluss kommen. Wir haben glänzende Beispiele von Wiederholern, die es in höchste Ämter geschafft haben. Ein Bundespräsident, ein Finanzminister, Showstars sind darunter. Es gibt eine Studie aus dem Jahr 2005, bei der 2500 Menschen in den obersten Führungsebenen befragt wurden. Dabei wurde festgestellt, dass ein Wiederholungsjahr in der Schule keinerlei Auswirkungen auf die Karriere gehabt hat.

Peggy Katzer: In Thüringen können Schüler in der dritten, fünften und siebten Klasse nicht mehr sitzenbleiben. Wo bleibt da der Leistungsgedanke?

Ich meine schon, dass es zur Entwicklung eines jungen Menschen gehört, das Risiko des Misserfolgs mitzubedenken. Das ist ein pädagogischer Faktor. Kinder nur in Watte zu packen, wäre aus meiner Sicht falsch.

Ilona Eisner: Gibt es nicht die Gefahr der Überforderung, wenn ein Schüler trotz schlechter Noten versetzt wird und plötzlich den Stoff von zwei Schuljahren lernen muss?

Als Lehrerverbandsvorsitzender müsste ich natürlich jetzt sagen, jeder Lehrer hat das Zeug dazu, Schüler zu motivieren und dass sie arbeiten, auch ohne Druck. Aber grau ist alle Theorie. Und man muss sich natürlich mit der Psyche gerade von pubertierenden Schülern auseinandersetzen. Da gilt halt das Minimax-Prinzip - also mit minimalem Aufwand die maximalen Ergebnisse herauszuholen. Und es gilt auch das Prinzip Bequemlichkeit. Wer aber kein Risiko trägt, sitzenzubleiben, nimmt sich vielleicht zu sehr zurück. Ich befürchte, dass dieses Zweijahresmodell die typische Lernkurve eines Pubertierenden auf zwei Jahre verlängert. Heute ist es doch so: Im ersten Halbjahr gehen viele Schüler erst einmal ganz cool ran, in der zweiten Hälfte kann man ja noch mal Gas geben. Mit dem Zweijahresmodell befürchte ich, dass die Schüler ein ganzes Jahr nichts tun. Und dann kann es eng werden.

Peggy Katzer: Und wo bleibt das Niveau?

Sie nehmen in jeder Klasse zwei bis drei Schüler mit, die mitgenommen werden wollen und sollen. Aber die üben ein gewisse Bremswirkung aus. Hinzu kommt: Die Politik wird es gar nicht zulassen, dass nach so einem Doppeljahr die Durchfallerquote sehr hoch ist. Damit würde man ja das Scheitern dieses Ansatzes einräumen müssen.

Also wird man liberalisieren und liberalisieren. Ein Durchfallerquote von sechs bis acht Prozent hält die Politik nicht aus. Schulpolitische Innovationen sind leider immer zum Erfolg verurteilt. Doch diese Liberalisierung wird dann nicht das Ergebnis einer klugen Politik, sondern einer planwirtschaftlichen Erfolgsmanipulation sein.

Eigenverantwortliche Mangelverwaltung

Hans-Jürgen Weilepp: In Thüringen wird den Schulen viel Eigenverantwortung zugestanden. Es gibt Lehrpläne und Vorschriften. Aber viel wird vor Ort, auch mit den Eltern entschieden. Wie stehen sie dazu?

Ich sehe die Entwicklung hin zur eigenverantwortlichen Schule mit einer gewissen Skepsis. Grundsätzlich muss Schule in Deutschland eine Schule in einem Rechtsstaat sein, für die Gleichheit vor dem Gesetz gilt. Da dürfen die Dinge nicht zu weit auseinander laufen. Und wenn die Einzelschulen über Lehrpläne, Versetzungsbestimmungen und Stundentafeln selbst entscheiden können, sehe ich diesen Grundsatz verletzt.

Hinzu kommen meine Erfahrungen mit eigenverantwortlichen Schulen, die darauf hinauslaufen, dass sich die Politik zwar mit dem Prädikat eigenverantwortliche Schule schmückt, tatsächlich aber nur Finanzdefizite und unangenehme Entscheidungen an die unterste Ebene durchreicht. Da werden Schulen, zugespitzt formuliert, der eigenverantwortlichen Mangelverwaltung überlassen.

Hans-Jürgen Weilepp: Ist Ihnen dieses Konzept also unangenehm?

Natürlich möchte ich, dass Schulen in gewissem vertretbaren Umfang Entscheidungskompetenzen haben. Ich selbst bin Schulleiter und habe ein gewisses Maß an Eigenverantwortung. Ich bin beispielsweise Dienst- und Disziplinarvorgesetzter. Aber ich möchte keine Schulleiter haben, die sich ihr Personal selber aussuchen. Sonst bekommen Sie an der Schule ein willfähriges Kollegium und in bestimmten, wenig attraktiven Landstrichen Schulen, wo nur die Lehrer unterrichten, die anderswo nicht genommen wurden.

Merle Kießwetter: Zur Eigenverantwortung: Bestimmen die Lehrpläne oder suchen eigentlich die Lehrer die Bücher aus, die etwa im Deutschunterricht gelesen werden?

Die Lehrpläne geben nur die Epoche vor. Da steht, es soll ein Werk aus der Romantik behandelt werden. Ob das dann ein Gedicht oder eine Novelle ist, liegt im Wesentlichen in der Entscheidung des Lehrers. Allerdings drängen sich manche Autoren oder sogar Werke wegen ihrer Bedeutung geradezu auf. An Goethes Faust in Deutsch oder an Shakespeare im Fach Englisch sollte kein Abiturient vorbeikommen.

Hans-Jürgen Weilepp: Eigenverantwortung wird den Schulen ja auch beim Thema Inklusion übertragen.

Wir müssen unterscheiden zwischen Inklusion als Ziel und Inklusion als Weg. Inklusion als Ziel ist selbstverständlich. Behinderte Menschen sollen die volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erhalten. Das steht doch außer Frage.

Aber Inklusion als Weg kann dennoch falsch sein. Ich vermisse in der Diskussion, dass nach Arten von Beeinträchtigungen differenziert wird. Inklusion ist unproblematisch, wenn ich die Teilhabe am Unterricht mit technischen Hilfsmitteln etwa für sehgeschädigte, hörgeschädigte und motorisch beeinträchtigte Schüler hinbekomme. Mehr könnten wir mehr inkludieren im Bereich der lernschwierigen Schüler. Schwierig wird es bei geistigen Behinderungen.

Peggy Katzer: Wir Eltern sehen vor allem, dass bei dem Lehrermangel in Thüringen bei Weitem nicht genügend Pädagogen bereit stehen, die eine Sensibilität entwickeln könnten, auf die verschiedenen Behinderungen in den Klassen einzugehen.

Wir haben doch ein hoch funktionsfähiges Förderschulsystem mit guter Betreuungssituation und hochprofessionellen Lehrkräften, für das ich eine Lanze brechen will. Warum sollen wir das auflösen? Die Uno-Konvention zur besseren Integration von behinderten Menschen in die Gesellschaft verpflichtet kein Land, Förderschulen aufzulösen.

Marc Feldmann: Es wird ja immer die individuelle Förderung als Antwort auf viele Probleme genannt, egal ob beim Thema Inklusion oder lernschwache Schüler. Das läuft nach dem Prinzip: Die Politik denkt sich etwas aus. Und die Lehrer sollen es stemmen. Sehen Sie das auch so?

Es geht ja noch über die Politik hinaus. Die Gesellschaft insgesamt drückt der Schule Dinge aufs Auge, die sie maßlos überfordern. Schule soll gesellschaftliche Feuerwehr und Reparaturwerkstatt in einem sein, soll neben den zehn bis zwölf Fächern auch Medien-, Gesundheits- Konsumerziehung und so weiter vermitteln. Die Gesellschaft stiehlt sich aus diesen Bereichen immer mehr davon. Ich sage: Wir als Lehrer sind zuallererst für den Bildungspart zuständig, jedenfalls unter den Rahmenbedingungen, die wir in der Bundesrepublik haben.

Spitzenschüler bekommt man mit keinem Schulsystem kaputt

Individuelle Förderung kann ich nicht in Klassen mit 28 Schülern machen. Ich kann sie nicht machen, wenn ich gigantischen Unterrichtsausfall habe. Es sind gerade die schwächsten Schüler, die unter dem Unterrichtsausfall am meisten leiden. Spitzenschüler kriegen Sie ja mit keinem Schulsystem kaputt. Wenn wir den schwachen Schülern wirklich helfen wollen, brauchen wir mehr Lehrer. Dann können wir auch individuelle Förderkurse einrichten.

Ilona Eisner: Gerade in Thüringen befinden sich viele Lehrer im Vorruhestand - und fehlen dadurch an der Schule.

In keinem Bereich könnte man eine so verlässliche Personalplanung wie in der Schule haben. Der Abiturient des Jahres 2030 ist schon geboren. Ich kenne auch die Altersstruktur meiner Lehrerschaft nach Fächern differenziert. Warum kriegt man es dann nicht hin, eine verlässliche Personalplanung auf die Beine zu stellen? Ich unterstelle: In der Schulpolitik wird nur in Fünf-Jahres-Intervallen von Landtagswahl zu Landtagswahl gedacht.

Peggy Katzer: Wie sieht es mit dem Gedanken eines bundesweiten Zentralabiturs aus?

Ein Bundeszentralabitur mit bundesweit einheitlichen Aufgaben halte ich für völlig falsch. Wir haben innerhalb Deutschlands ein Leistungsgefälle von etwa 1,5 Jahren. Das kommt aus einem falschen Verständnis von Föderalismus, das jedem erlaubt, das zu machen, was er will. Ich wünsche mir einen Wettbewerbs-Föderalismus. Alles andere führt zur Absenkung des Niveaus mit Sicherheit unter bayrisches und Thüringer Niveau. Ich bin bald in Ohnmacht gefallen, als ich gehört habe, dass der bayerische und Hamburger Kultusminister über gemeinsame Abituraufgaben verhandelt haben. Wir machen uns doch nichts vor: Der Hamburger Kultusminister strebt doch nicht das bayerische Abitur an.

Ilona Eisner: Warum nicht?

Ganz einfach: der Hamburger Kultusminister müsste runter von seiner Abiturquote von 60 Prozent und würde abgewählt. Die Erfahrung lehrt: bundesweite Regelungen bedeuten immer unterstes Niveau. 1995 gab es einmal eine Abiturvereinbarung. Am Schluss haben alle Kultusminister zugestimmt. Dass man in Hamburg Deutsch durch Theaterspielen substituieren kann. Deutsch! Man muss sich das mal vorstellen: unsere Muttersprache.