Domplatz 1: RWE-Trainer Christian Preußer - Der Suchende

Erfurt. Rot-Weiß-Erfurt-Trainer Christian Preußer über die Verteidigung bei Eckbällen, Nachwuchsgewinnung und seine Zukunft .

TA-Leser und Rot-Weiß-Anhänger befragten Christian Preußer. Foto: Alexander Volkmann

TA-Leser und Rot-Weiß-Anhänger befragten Christian Preußer. Foto: Alexander Volkmann

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Valentin Hubrich: Auf welche Saisonspiele freuen Sie sich am meisten?

Christian Preußer: Die Ostderbys werden alle interessant, aber auch die kleinen Spiele wie gegen Bremen II und Stuttgart sind nicht ohne. Magdeburg mit seinen 21 000 Zuschauern war schon eine Hausnummer. In Dresden wird es wohl noch eine Nummer größer. Das sind nicht nur für mich als Trainer, sondern auch für die Mannschaft absolute Highlight-Spiele.

Valentin Hubrich: Welcher Spieler hat die beste Vorbereitung absolviert?

Ich tue mich immer schwer mit Gewinnern und Verlierern. Ich will da keinen herausheben und das neutral bewerten. Die U19-Spieler haben das sehr gut gemacht. Die externen Neuzugänge haben ihre Erwartungen erfüllt.

Moritz Peters: Sie werden oft auf Ihr Alter angesprochen. Geht Ihnen das nicht auf den Keks?

Diese Frage kann ich mit Ja beantworten. Es ist ja normal, dass das Interesse hoch ist, wenn man mit 31 Jahren Cheftrainer eines Drittligisten ist. Aber irgendwann reicht es auch.

Jürgen Bornmann: Sehen sie noch Nachholbedarf im Team und würden gerne einen weiteren Akteur holen?

So einfach ist das gar nicht zu beantworten. Okan Aydin spielt jetzt auf der 10. Dafür haben wir Maik Baumgarten verloren. Wir suchen noch einen Spieler für die Offensive, das würde uns guttun. Allerdings haben wir da keine feste Position im Auge, da unsere Spieler oft die Positionen wechseln und so unberechenbarer sind. Theodor Bergmann kann das zum Beispiel auch spielen. Wir hatten und haben viele Gespräche und Vorstellungen, nicht alles ist realisierbar. Alles muss im Rahmen bleiben. Einige junge Spieler warten jetzt auch ab, wie wir in die Saison kommen. Auch wir schauen und überlegen, ob es nicht ratsam ist, einen talentierten jungen Spieler in die Regionalliga abzugeben, damit er Spielpraxis erhält. Bis zum 31. August ist also noch Zeit zum handeln. Ich höre aber den Wunsch ihrerseits heraus, dass noch jemand kommt.

Jirina Räuber: Die Auftaktniederlage in Magdeburg tat weh. Sind die Gegentore nicht zu leicht gefallen?

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie man Ecken verteidigt – Raum oder Mann. Wir haben die letzten beiden Jahre immer im Raum gespielt und das auch mit der Mannschaft so abgesprochen. Christian Beck macht das dann beim Kopfball auch gut. Aber wir müssen uns den Vorwurf gefallen lassen, insgesamt zu viele Ecken zugelassen zu haben. Man kann nicht alles verteidigen. Das zweite Gegentor war extrem ärgerlich, weil wir den Ball vorher mehrfach klären können. Sie sehen aber: Ergebnisse hängen an Kleinigkeiten, und wir werden die Niederlage jetzt auch nicht schönreden.

Peter Münch: Mir tut es weh, dass unserem Verein viele Talente abgeworben werden und wir kaum Geld bekommen. Kann der DFB oder die Landesverbände nicht mehr Einfluss nehmen, dass es für die abgebenden Vereine mehr Geld gibt?

Ich kann ihre Meinung nachvollziehen. Es nervt mich, dass wir gute Talente abgeben müssen. Jugendliche dürfen ab 16 vertraglich gebunden werden, maximal für drei Jahre, sodass sie kein anderer Verein wegnehmen kann. Das Problem ist aber: die Spieler werden schon früher abgeworben, da haben wir keine Handhabe. Das hat der DFB erkannt und auf ein Gentlemen‘s Agreement gehofft. So gibt es für einen Wechsel im U12-Bereich rund 1200 Euro. Aber ein Verein wie RB Leipzig lacht sich da doch kaputt. Die geben uns dann sogar 1500, weil sie einen guten Spieler bekommen und ihnen das nicht wehtut. Ein Konsens der Vereine wurde bisher nicht erreicht. Aber das ist ja auch klar. Vereine wie Wolfsburg oder Leipzig haben kein Interesse daran, dass wir mehr Geld bekommen. Also versuchen wir es mit anderen Mitteln. Versuchen den Spielern aufzuzeigen, wir durchlässig bei uns der Werdegang sein kann. Wir sagen: Wenn es gut läuft, könnt ihr bei uns in der Ersten, in der 3. Liga, spielen. Ich kenne einige, die weggegangen sind und sich dann nicht weiterentwickelt haben. Doch wenn zum Beispiel Leipzig den Eltern gleich noch Arbeit beschafft, dass sind die Jungs schnell weg.

Peter Münch: Mit welchen Konsequenzen?

Nicht nur positiv. Aus unserer U 15 der letzten Saison sind drei Spieler weggeholt worden. Das ist ein knallharter Wettbewerb, nicht immer zum Vorteil der Kinder. Viele fallen runter. Wir haben nach Leipzig vier Spieler abgegeben, drei saßen später heulend vor mir und wollten unbedingt wiederkommen, weil ihnen was ganz anderes versprochen wurde.

Peter Münch: Gibt es also keine Gerechtigkeit?

Das wäre wünschenswert, aber interessiert keinen. Wir haben eine Petition an den DFB gestartet, aber es kam nix zurück. Wir kämpfen aber trotzdem um jeden Spieler. Bleibt uns nur die Möglichkeit, die Jungs davon zu überzeugen, dass es sich lohnt, bei uns zu bleiben.

Andreas Räuber: Besitzen Sie eine Ausstiegsklausel?

Preußer: Nein, mein Vertrag läuft bis 2016.

Und danach?

Darüber mache ich mir jetzt noch keine Gedanken. Ich hätte mir vor 6 Jahren nicht erträumt, Trainer eines Drittligisten zu sein. Im Durchschnitt hat ein Trainer in der 3. Liga zwei Jahre Verweildauer. Ich weiß auch, dass man Erfolge braucht, um geschätzt zu werden.

Lothar Kaiser: Sind die Trainingsbedingungen für ihren Klub zufriedenstellend? Schließlich wird das Stadion gerade umgebaut und man könnte jetzt alles verbessern.

Wünschenswert sind kurze Anfahrtswege zum Trainingsplatz und zur Physio. Unser Platz am Stadion ist leider zu klein, aber immerhin bekommen wir einen kleinen Kunstrasen, auf dem wir in der schlechten Jahreszeit trainieren können. Wir jammern nicht. Nicht dass das missverstanden wird.

Klaus Neumann: Ich bin zuversichtlich für die Saison und habe ein gutes Bauchgefühl. Vielleicht gibt es auch eine Art Aufbruchstimmung!

Die Jungs wollen Fußball spielen, sind aufmerksam. Wir haben aber in Magdeburg auch schmerzvoll gesehen, dass die beste Vorbereitung nichts nützt, wenn es im ersten Spiel nicht zum richtigen Ergebnissen reicht. Aber dennoch bin ich von der Truppe zu 100 % überzeugt. Die haben alle Bock auf die Liga.

Thomas Bärsch: Haben Sie noch Kontakt zu Jürgen Klopp, Dortmunds Ex-Trainer?

Im Rahmen meiner Ausbildung zum Fußballlehrer habe ich ein zehnwöchiges Praktikum dort gemacht. Wir stehen noch im lockeren Kontakt und ich kann mir immer mal einen Rat von ihm holen.

Jürgen Bornmann: Können Sie mit dem Abstand jetzt sagen, warum es zum Einbruch in der letzten Saison kam?

Das ist tatsächlich erklärbar. Man kann in kurzer Zeit im Erfolgsfall viele Fehler machen, die haben wir gemacht. Bei vielen Spielern ist der Vertrag ausgelaufen und sie haben sich dann mit anderen Sachen beschäftigt. So kam dieser Negativlauf zustande, und jeder Fußballer weiß: Wenn es einmal nicht läuft, ist es schwer, da wieder rauszukommen. Ich bin froh, dass wir diese Serie nicht mit in die neue Spielzeit genommen haben.

Klaus Neumann: Wenn man nicht ganz bei der Sache ist, kommt sowas bei raus. Das funktioniert halt nicht, wenn sich jeder fragt: Wie geht es weiter für mich?

Jürgen Bornmann: Ich fand, dass Walter Kogler auch ein guter und sehr sachlicher Trainer war.

Ich bin ja auch noch mit ihm in Kontakt und habe viel von ihm gelernt. Nach den vier Siegen nach der Winterpause hatten alle hohe Erwartungen, der Druck wurde höher. Dem hielten wir leider nicht stand.

Klaus Neumann: Sie werden hoffentlich nicht wie Kogler Versicherungsvertreter!

Lothar Kaiser: Wie wichtig ist es, endlich wieder den Landespokal zu gewinnen?

Es tut unglaublich weh, dass wir den so lange nicht gewonnen haben. Unterschiedliche Spieler und Trainer, immer ist es wieder passiert. Das ist unfassbar. Wir haben das mit der aktuellen Mannschaft sehr sensibel besprochen – schließlich werden wir gegen drei Regionalligisten immer auswärts spielen müssen. Natürlich müssen wir den Anspruch haben, diese Spiele zu gewinnen. Aber das sind 50/50-Spiele. Dass die Leute aber für ein Ausscheiden im Landespokal nur wenig Verständnis haben, kann ich absolut nachvollziehen.

Klaus Neumann: Es wäre Balsam auf unsere Seele, wenn der Pokal endlich wieder bei uns wäre.

Valentin Hubrich: Warum wurde Torwart Jean-Francois Kornetzky freigestellt?

Zunächst einmal möchte ich sagen, dass der Zeitpunkt seiner Freistellung in der Öffentlichkeit fehlgedeutet wurde. Wir haben ihm bereits im Mai gesagt, dass wir uns sportlich anders aufstellen wollen und nicht mehr mit ihm planen. Jeff will aber gerne hier bleiben, weil er noch einen Vertrag hat – das ist nachvollziehbar. Charakterlich ist er ein prima Junge, aber sportlich wollten wir einen anderen Weg gehen. Das war eine Entscheidung des gesamten Trainerteams und von Manager Torsten Traub. Wie die Sache ausgeht, bleibt abzuwarten.

Moritz Peters: Wie geht es Jens Möckel?

Er verbringt jeden Tag acht Stunden in der Reha. Ich habe noch nie so einen fleißigen Mann gesehen. Doch der Heilungsverlauf schwankt sehr. Es gibt gute und schlechte Tage. Wir hoffen alle sehr, dass er zurückkommt. Aber man muss dann auch sehen – wie lange braucht er, um wieder reinzukommen, ob er wieder richtig fit wird. Ich wünsche es ihm von ganzem Herzen. Notiert von Thomas Rudolph.