Eine echte Bürgerin: Heidelore Kneffel feiert heute ihren 70. Geburtstag

Nordhausen. Vorm Altendorf biegt sie ab in die Rosengasse: Als wolle sie dieses Gebäude nicht mehr sehen, dessen Verlust sie so schmerzen wird. An dem sie als Schülerin der Wiedigsburgschule vor 55 Jahren täglich vorbeiging. "Dieses Palazzo war für mich die Welt im kleinen Nordhausen."

Heidelore Kneffel steht in der Promenade, sie sieht den Neptunbrunnen – und schon denkt sie über eine Ausstellung nach, die über den Bildhauer Ernst Rietschel und Wilhelm Gesenius gestaltet werden müsste. Foto: Roland Obst

Heidelore Kneffel steht in der Promenade, sie sieht den Neptunbrunnen – und schon denkt sie über eine Ausstellung nach, die über den Bildhauer Ernst Rietschel und Wilhelm Gesenius gestaltet werden müsste. Foto: Roland Obst

Foto: zgt

Altendorf 30 wird abgerissen. Denkmal hin oder her - eine Sanierung wäre unwirtschaftlich, also ist der Abriss erlaubt. Diese Logik bringt Heidelore Kneffel in Rage: Die zierliche Frau mit der silbergrauen Bobfrisur redet jetzt noch schneller als sonst. Bis vor zehn Jahren sei das Haus bewohnt gewesen, sagt sie. Nun sieht sie von Weitem über die Brache der Rosenmühle hinweg auf ein Gebäude, aus dessen Fugen der Pilz tritt, das vom Schwamm befallen ist. "Der Keller ist trocken, die Feuchtigkeit muss also von oben gekommen sein." Sie ist überzeugt, dass das Gebäude nur besser hätte gesichert werden müssen, um es zu bewahren.

Nun ist es zu spät. Die Stadt teilte Kneffel und den anderen Mitgliedern des vor zwei Jahren gegründeten Denkmalbeirats mit, sie könnten die Baupläne für das Grundstück einsehen... Und bald, befürchtet die 69-Jährige, werde sich dieses Trauerspiel am "Lindenhof" wiederholen. "Wir vom Denkmalbeirat fühlen uns ohnmächtig", sagt Kneffel. Ob Altendorf 30, Spendekirchhof oder Stadtmauer - stets werde nur alles aufgeschrieben. Bedenken, Mahnungen verschwinden in Ordnern, wertvolle Bausubstanz verfällt.

Am Dom erzählt Heidelore Kneffel vom Mathildenpfad, den sie mit der Gästeführergilde kreierte - auch diesen gibt es nicht mehr. Teile des Wegs sind wegen Baufälligkeit gesperrt. Warum sie trotzdem immer weiter mache? "Etwas treibt mich", sagt die Frau. Und, ja, der Kollwitz-Satz "Du willst wirken in deiner Zeit" treffe auf sie zu.

Heidelore Kneffel engagiert sich für die Denkmäler in Stadt und Landkreis, sie mischt sich ein, etwa in die Namensfindung für die neue Kulturbibliothek. Und sie hat ein Herz für die Kultur: für Lyrik und bildende Kunst, für Musik. "Damit bin ich gut durch die Welt gekommen", resümiert sie und klingt dabei sehr zufrieden.

Beim Kühehüten Gedichte rezitiert

Als Heidelore Kneffel im Frühsommer 1944 geboren wird, ist der Vater in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Österreich. Ihre Mutter und ihre Tante müssen allein zurechtkommen: Die Bombenangriffe lassen sie aus der Nordhäuser Jahnstraße nach Petersdorf fliehen, hier besorgen sich die beiden Frauen allein Ziegel fürs Dach, decken dieses.

Im Mai 1945 kehrt Heinz Kneffel aus Österreich zurück. Der studierte Lehrer wird Schulleiter an der Nohraer Schule. Es ist eine unbekümmerte Kindheit für Heidelore Kneffel in dem Dorf an der Wipper: Im Waschhaus wird Sirup gekocht, und abends spielt "Vati", wie die Tochter noch heute liebevoll sagt, Klavier. Sie und Mutti singen. Junge Lehrer gehen bei der Familie ein und aus.

Heidelore ist neun, als die Familie nach Nordhausen zieht: erst in die Karolinger-, dann in die Puschkinstraße, direkt gegenüber vom Meyenburg-Museum. Mit Kunsterziehungslehrer Günter Groh gehen die EOS-Schüler hier zu Mackensen-, Scharr- und Kerwitz-Ausstellungen. Groh führt sie an die Kunst von der Antike bis zur Gegenwart heran: "Wobei bei Groh die Gegenwart beim Impressionismus endete", fügt Heidelore Kneffel augenzwinkernd hinzu.

Das Abitur 1963 in der Tasche, will die junge Frau eigentlich Biologie studieren - die Welt der Gene fasziniert sie. In Wettin besucht sie vorher die "Schule für Rinderzüchter mit Abitur". Für die Sundhäuser LPG betreut sie in den praktischen Wochen die Kälber. Während die Kühe auf der Weide hinter dem Nordhäuser Friedhof grasen, liest sie Barockgedichte. "Natürlich laut, Lyrik lebt doch vom Tonfall."

Fünf Jahre später wird Heidelore Kneffel aber doch Schülern im südeichsfeldischen Gerbershausen die Welt der Literatur und Kunst näherbringen - denn zum Biologiestudium wurde sie 1964 nicht zugelassen. Die Lehrerstochter entschied sich wider alle Vorsätze für Deutsch und Kunst auf Lehramt - und legte damit den Grundstein, Beruf und Berufung zu vereinbaren.

Heidelore Kneffel, die junge Lehrerin, heiratet. Sohn Alexander kommt 1971 zur Welt, die Familie zieht nach Nordhausen, wo Heidelore Kneffel fortan an der Friedrich-Engels-Schule - die spätere und inzwischen abgerissene Frauenbergschule - unterrichtet. Doch die Ehe hält nur acht Jahre. Ans Heiraten, sagt sie, habe sie seitdem nie wieder gedacht, trotz "interessanter Männer": "Ich habe viel Selbstständigkeit entwickelt."

Ideen für Ausstellungen hat Kneffel noch einige

Mitte der 80er Jahre tritt sie dem Kulturbund bei, gestaltet die "Kleinen Galerien" im Thomas-Mann-Klub. Hier erlebt sie Lesungen mit dem Regimekritiker Hanns Cibulka und auch heftige Auseinandersetzungen mit der SED-Kreisleitung. "Das erinnerte an die Stalinzeit, so offen wurde gedroht."

Sie hat das System schon früher kritisch zu bewerten gewusst, das Fehlen der Freiheit erkannt: Ihr Vater war in den 70ern vom Posten des Vizedirektors vom Institut für Lehrer-fortbildung geschasst worden, weil er die Beschlüsse von Honecker im Eichsfeld nicht angemessen verkündet hatte.

Nach dem November 1989 gründet sich in Nordhausen ein Lehrerrat, Kneffel wird dessen Sprecherin. "Wir haben es geschafft, dass sechs Direktoren, die zu sehr Funktionär waren, sich moralisch verpflichtet fühlen abzutreten." Sodann spült es Kneffel in die Pressestelle vom Landratsamt. Dem Lehrerdasein, sagt sie, habe sie nie nachgetrauert: "Die Lehrpläne aus der BRD für Deutsch und Kunst waren doch mittelalterlich."

Sie findet im Landratsamt eine neue Herausforderung - und Nischen: Sie verfasst Jahrbücher des Landkreises, widmet sich ihrer in den 80ern entwickelten Leidenschaft: der Fotografie. "Mit Stift oder Pinsel vermochte ich mich leider nie so auszudrücken", sagt sie und bewundert ihre Freundin und frühere Referendarin Karin Kisker.

Gemeinsam gehören beide Frauen zum Förderverein "Dichterstätte Sarah Kirsch". Dass das Geburtshaus der Lyrikerin in Limlingerode heute Kulturstätte ist, ist Heidelore Kneffel zu verdanken.

Ebenso, dass DDR-Kunst in der Rautenstraße nicht hinter Dämmplatten verschwand, die "Kunststürmerei", wie sie sagt, überlebt hat. Erst jüngst rettete sie das Relief an der Frauenbergschule. "Wenn sich jemand für etwas einsetzt, ist es nicht immer so, dass es nicht klappt."

Worauf sie außerdem stolz sei? "Ich war wohl eine gute Lehrerin", sagt sie. Sie bleibt im Meyenburg-Park stehen, stellt ihre Umhängetasche beiseite - und trägt Goethes "Willkommen und Abschied" vor - unvermittelt theatralisch, ergreifend - ebenso wusste sie wohl auch ihre Schüler zu begeistern. Zu einigen habe sie noch heute Kontakt, sagt Heidelore Kneffel.

Seit 2005 ist sie im Ruhestand - für Seniorengymnastik aber sei keine Zeit, sagt sie lächelnd auf dem Weg durch die Promenade. Erst vor einer Woche wurde die von ihr gestaltete Philip-Oeser-Ausstellung in der Flohburg eröffnet, schon erzählt sie von der nächsten Schau, die sie plant.

Und überhaupt: Ernst Rietschel, der den Neptunbrunnen als sein Erstlingswerk schuf, und Wilhelm Gesenius, "dem großen Hebräisten aus Nordhausen", von dem eine Rietschel-Büste in Halle stehe, sollte auch einmal eine gemeinsame Ausstellung gewidmet werden.

Nordhausen, sagt Kneffel, ist reich an Namen berühmter Persönlichkeiten. Sie mag das Bedeutende der Stadt herausstreichen, die Stadt aus ihrer relativen Provinzialität herausreißen: "Ich möchte, dass Nordhausen in die Welt kommt." Ob ihr die Stadt gefalle? "Mehr als früher. Ich habe mir einiges erarbeitet."