Erfurter Geheimnisse (1): Die Geschichte einer Glocke

Erfurt  Die Gloriosa des Erfurter Doms kennen viele – wer aber auch den Wegweiser zu ihr?

Mit elfeinhalb Tonnen Bronze ist die Gloriosa diegrößten freischwingenden mittelalterlichen Glocke der Welt,

Mit elfeinhalb Tonnen Bronze ist die Gloriosa diegrößten freischwingenden mittelalterlichen Glocke der Welt,

Foto: Marco Schmidt

Die Fakten sind schnell aufgezählt: Gloriosa, die Ruhmreiche, im Erfurter Mariendom ist ein beeindruckendes Zeugnis der hohen Kunst des Glockengießerhandwerkes. Bei einer Höhe von 2 Metern und 2,57 Metern Durchmesser ist sie die älteste freischwingende mittelalterliche Glocke der Welt. Der Klöppel ist 366 Kilo schwer und benötigt eine halbe Minute für den Schwung, bis er anschlägt.

Der Klang ist über die ganze Stadt zu hören. Man sagt, schon Martin Luther habe ihm andächtig gelauscht. Im Juli des Jahres 1497 wurde das Meisterwerk gegossen.

Schauspielerin Annette Seibt hat sich eingehend mit der Gloriosa beschäftigt. „Seit ich im Oktober 2004 zufällig dazukam, als die Glocke nach ihrer Reparatur auf den Turm gezogen wurde, wollte ich mehr über sie erfahren.“ Denn hinter so einem Meisterwerk, das war der Kreativen sofort klar, mussten einfach Geschichten und Geheimnisse verborgen sein. „Als ich zusammen mit vielen anderen Erfurtern auf dem Domplatz stand und gebannt dem technischen Manöver zusah, hatte ich richtig Gänsehaut. Da schwebten immerhin elf Tonnen in der Luft.“ Und von da an ließ die Gloriosa die Schauspielerin nicht mehr los.

„Abgesehen davon, dass man ihren Klang einfach einmal gehört haben muss“, erzählt Seibt, „ist die Geschichte der Glocke wirklich spannend, so spannend, dass ich beschloss, sie bräuchte ein eigenes Theaterstück.“ Monatelang recherchierten die Schauspielerin und ihr Team und machten sich mit dem Glockengießerhandwerk im Allgemeinen und der Gloriosa im Besonderen vertraut.

„Schon um die Herstellung einer Glocke für den Dom rankt sich ein Geheimnis“, fand die Künstlerin heraus. „Fünf Vorgängerglocken wurden gegossen, aber keine einzige blieb heil. Das sorgte für reichlich Spekulationen unter der Bevölkerung.“ Lag etwa ein Fluch auf dem Vorhaben? „Man musste jedenfalls ziemlich in die Ferne schweifen, um einen Glockengießer zu finden, der sich noch mal an das Projekt wagte“, erzählt Seibt. „Und das war Gerhard van Wou.“

In ihrem Stück „Gloriosa“ lässt die Schauspielerin zwei Erfurter Marktweiber im breitesten Thüringisch darüber spekulieren, ob der Meister nicht sogar aus dem fernen China nach Erfurt gekommen sei. Meister Wou, der übrigens nicht aus dem Reich der Mitte, sondern aus Kampen in den Niederlanden nach Erfurt kam, und seinen Helfern gelang schließlich, was in zwei Jahrhunderten zuvor nicht hatte klappen wollen. Die elf Tonnen schwere Gloriosa, die mit dem Ton E erklingt, wurde im Juli 1497 nach langer Planung vollendet. Viel Sorgfalt hatte der Meister auf die Herstellung verwendet, allein die Planungen dauerten über ein Jahr.

„Wie die Gloriosa jedoch auf den Turm gelangte, ist mir angesichts der technischen Möglichkeiten ein echtes Rätsel“, sagt die Schauspielerin. „Vicarius Stolle, der damals Chronist des Domkapitels war, hat alles ganz genau aufgeschrieben. Dass wir uns Jahrhunderte später fragen würden, wie die Glocke auf den Turm gebracht wurde, war für ihn kein Thema. Sie kam auf den Turm, wie halt Glocken immer auf den Turm kamen. Für ihn war wichtig, dass dafür eine Holzlieferung und Helferslohn für zwei Tage gezahlt wurden, und das hat er auch ordentlich aufgeschrieben.“

1984 jedoch entdeckte man zum ersten Mal einen Riss im bronzenen Material. Der konnte zwar im Glockenstuhl selbst repariert werden, aber ungefähr zwei Jahrzehnte später wurde der nächste Schaden festgestellt und die Gloriosa zur Reparatur nach Nördlingen in Bayern gebracht. Am 8. Dezember 2004 erklang die Glocke erneut, und seitdem wird sie regelmäßig, allerdings nur achtmal an wenigen ausgewählten Tagen, so an Ostern, Weihnachten und am 10. November, dem Abend vor dem Martinstag, geläutet. So eine große Dame darf sich ruhig ein bisschen rarmachen.

Zur Sache:

Zu unserer Serie ist ein Buch erschienen: Eva-Maria Bast u.a.: „Erfurter Geheimnisse“ (bzw. „Weimarer Geheimnisse“), Verlag Bast Medien, 192 Seiten, 19,90 € Das Buch ist in unseren Pressehäusern erhältlich sowie unter www.lesershop-thueringen.de

Kommentare sind für diesen Artikel deaktiviert.