Ex-Häftling erzählt über Leben im Knast in Gräfentonna

Hanno Müller
| Lesedauer: 13 Minuten
Das alte Gefängnis in Gräfentonna kurze Zeit nach der Wende. Das frühere Schloss zu Tonna diente von 1861 bis 1991 als Zuchthaus. Daher stammt womöglich auch die ortsübliche Bezeichnung als Kettenburg. Foto: dpa

Das alte Gefängnis in Gräfentonna kurze Zeit nach der Wende. Das frühere Schloss zu Tonna diente von 1861 bis 1991 als Zuchthaus. Daher stammt womöglich auch die ortsübliche Bezeichnung als Kettenburg. Foto: dpa

Foto: zgt

Zweimal war Klaus Gold in der DDR wegen Republikflucht eingesperrt. Er erzählt vom harten Arbeitsalltag, dem er durch Selbstverstümmelung zu entkommen versuchte.

Herr Gold, was hat Sie als Jugendlicher so an der DDR gestört, dass Sie 1967 das Risiko einer Flucht auf sich nahmen?

Ich war 15, als wir Pfingsten 1965 aus dem Westen nach Halle kamen. Ich hatte keine Ahnung, was meine Mutter dazu veranlasste. Ihr Partner sagte, im Osten sei das Leben günstiger, also zogen wir um. Als wir in Halle ankamen, war mein erster Gedanke: Hier hat es gebrannt. Alles kam mir grau und schmutzig vor, es gab keine Schaufenster wie im Westen. In der Schule war ich zwar vom Staatsbürgerkunde-Unterricht befreit, trotzdem konnte ich mir ein Leben in der DDR nicht vorstellen.

Was das Risiko anbelangt: Weder ich noch die zwei Kumpels, die dabei waren, wussten, was uns an der Grenze erwartet. Wir sind da Ostern 1967 völlig naiv drauflos getappt - immerhin sollte uns die 900-Jahr-Feier auf der Wartburg als Tarnung dienen. Ich hatte eine Karte aus dem Schulatlas dabei, ein anderer ein Taschenmesser. Beim Prozess wurde das als Spionage und als Grenzdurchbruch mit Waffenbesitz ausgelegt.

Bei der ersten Flucht waren Sie noch nicht volljährig. Wie lief die Verhaftung ab?

Auf der Grenzwache haben die Posten richtig zugelangt. Ich bekam einen Hieb mit der Handkante ins Genick. Es kam völlig unvermittelt. Ich bin vorher noch nie so brutal geschlagen und getreten worden. Ich dachte natürlich, dass hast du dir alles selbst zuzuschreiben.

Der Prozess in Halle war kurz, es gab keine Widerrede. Auch nicht von dem Anwalt, den einer der Väter für seinen Sohn besorgte. 14 Monate Haft. Als 18-Jähriger hatte man in der Knasthierarchie nichts zu bestellen. Die Rangordnung bestimmte, wann man aufs Klo durfte. Manche Gefangene und Wachleute haben sich da einfach ausgetobt. Jeder Tag lief gleich ab: Wecken gegen vier, Frühsport, Essen - und alles immer im Laufschritt, Laufschritt, Laufschritt.

Was mussten Sie arbeiten?

Im Knast musste jeder arbeiten. Wir mussten die gefährlichen Drecksarbeiten machen, für die sich draußen keiner hergab. In Luckau bei Cottbus fertigten wir Kabel für das Kabelwerk Oberspree. Die Litzen mussten in Säure und heißen Zinn getaucht werden. Es gab weder eine Lüftung noch einen Mundschutz gegen die ätzenden Dämpfe. Für die Farbenwerke Berlin wurde Nitrofarbe mit Schöpfkellen aus Fässern in Büchsen umgefüllt. Je leerer ein Fass, desto tiefer musste man sich reinbeugen. Davon wurde einem schwindelig und schlecht, man war wie besoffen, der Schädel dröhnte. Es ging aufs Gehirn, man wurde regelrecht meschugge.

In Gräfentonna war es etwas menschlicher

Gab es spezielle Arbeitskleidung oder andere Möglichkeiten, sich zu schützen?

Man trug bei der Arbeit, was man im Knast immer trug. Meist waren das alte Uniformteile von Reichsbahn, Feuerwehr und Transportpolizei - ohne die Dienstzeichen. Für drunter hatten wir blau-weiß gestreifte, kragenlose Fleischerhemden. Die bekommt man heute noch zu kaufen. Getauscht wurde die Wäsche alle 14 Tage, so lange musste man zusehen, dass man einigermaßen sauber blieb.

Konnte man sich einer solchen Arbeit entziehen - zum Beispiel durch Krankmeldung?

Wie es dir ging, interessierte niemanden. Wenn man sich geweigert hätte, hätten sie einen fertig gemacht. Auf Arbeitsverweigerung standen Arrest und strenge Einzelhaft, man bekam weniger zu essen. Viele haben es mit Selbstverstümmelung oder Suizid versucht.

Ich wollte mir das Leben nehmen. Was gar nicht so einfach war. Rasierklingen wurden nach der Rasur eingesammelt. Ich habe eine zerbrochen und die Hälfte unter der Zunge aus dem Waschraum geschmuggelt. Nachts habe ich mir dann die Pulsader aufgeschnitten. Sie haben es bemerkt, danach kam ich erst in Einzelhaft, dann wurde ich nach Gräfentonna verlegt. Da war es etwas besser.

Was war anders?

Gegenüber dem bis dahin Erlebten erschien es mir menschlicher. Die meisten Schließer kamen vom Land, die gingen es ruhiger an - mal abgesehen von einem, den sie als Schweinetreiber bezeichneten. Der hat Leute die Treppen rauf und runter gehetzt, bis sie auf allen vieren krochen. Ansonsten kam es mir in der alten Burg nicht so zuchthausmäßig vor. Gearbeitet habe ich erst für Simson Suhl, das ging noch. In einer Werkstatt im Keller mussten Löscher in den Hebel für den Kickstarter gebohrt werden. Die Maschinen waren o. k..

Dann ging es ins Nadelwerk Ichtershausen. Die stellten riesige Paletten mit Nadeln hin, die in kleine Verkaufsverpackungen einsortiert werden mussten. Es war nicht schwer, aber langweilig bis zum Wahnsinn. Außerdem ging es auf den Rücken.

Was passierte, wenn man sich bei der Knastarbeit verletzte?

Man musste einfach aufpassen, dass es nicht passiert. An größere Verletzungen erinnere ich mich nicht. Es waren eher die kleinen Sachen. Viele haben in Ermangelung einer Schere die Nägel abgekaut und sich dabei vielleicht am Nagelbett verletzt. Das hat sich entzündet und geeitert. Der Körper hatte einfach nicht viel entgegenzusetzen.

Kürzlich wurde bekannt, dass man in Gräfentonna Gefangene zwang, Blut zu spenden, das dann in den in Westen verkauft wurde. Können Sie das für Ihre Zeit dort bestätigen?

Wir haben Blut gespendet, aber das war freiwillig. Ob es in den Westen verkauft wurde, weiß ich nicht. Etwas anderes aber kann ich mir bis heute nicht erklären. Kurz vor der Entlassung schickte man mich zu einer Untersuchung ins Revier. Der Arzt drückte mir auf den Bauch und fragte, ob es wehtut. Tat es nicht. Trotzdem brachte man mich ins Haftkrankenhaus Meusdorf, wo man mich schließlich narkotisierte.

Aufgewacht bin ich mit wahnsinnigen Schmerzen im Bauch, die von einer Operation herrührten. Geblieben ist eine 30 Zentimeter lange Narbe. Was mit mir gemacht wurde, weiß ich nicht. Erfahren habe ich nichts. Und ich stand nach der Entlassung viel zu sehr neben mir, um dem nachzugehen.

Nach der zweiten Flucht ging‘s ins Arbeitslager

Und nach der Wende?

Ich habe es trotz Nachforschungen nicht herausbekommen. Es gab keine Krankenakten mehr. Untersuchungen ergaben auch nichts. Offenbar ist noch alles im Körper. Es gab die OP und es gibt die riesige Narbe - aber ich habe für mich damit abgeschlossen. Wenn ich mir vorstelle, was passiert sein könnte, habe ich das Gefühl, verrückt zu werden.

Sie sagen, Sie standen nach der Haft neben sich...

Ich war fertig, hatte keinen Plan, keine Lust und keine Kraft für irgendetwas. Mir war einfach alles egal. Meine Mutter arbeitete als Krankenschwester in einer Klinik. Ich habe aus den Medikamentenschränken geklaut, was mir in die Finger kam und wahllos in mich rein gestopft. In einem solchen Drogendelirium bin ich Anfang 1970 wieder mit zwei Leuten zur Grenze - diesmal bei Creuzburg. Wir haben den letzten Zaun schon gesehen - als sie uns gekriegt haben.

Damit waren Sie Wiederholungstäter.

Und das habe ich auch mit aller Härte zu spüren bekommen. Schon die erste Haft war kaum zu ertragen, jetzt kam es noch schlimmer. Verurteilt wurde ich zu 22 Monaten. Diesmal kam ich nicht in einen Knast, sondern ins Arbeitslager Volkstedt bei Eisleben. In der DDR bezeichnete man das als Arbeitserziehungskommando. Gearbeitet wurde bei der Mansfeld AG im Schieferbergbau, 930 Meter unter Tage.

Erhielten Sie dafür vorher eine Ausbildung?

Nein, man wurde eingewiesen, das war‘s. Wir mussten das Restgestein aus den Bereichen holen, in die man nur noch gebückt oder bäuchlings kam. Auf Holzbahren wurde das Zeug zu den Loren gezerrt. Das war ein richtiger Knochenjob, heiß und eng. Gegessen wurde am Arbeitsplatz, die Verpflegung - zwei Doppelschnitten - nahm man sich morgens mit in den Schacht. Leute haben Hand oder Arm in die Lore gesteckt oder sich Finger abfahren lassen, nur um da nicht mehr arbeiten zu müssen. Dazu hatte ich aber nicht den Mut.

Sie haben es ausgehalten?

Nein, habe ich nicht. Es hat einfach immer alles wehgetan. Man hat eigentlich immer nur gedacht, du musst hier raus, du musst hier raus. Ich habe mir heimlich den Arm mit dem Stahlseil der Lore verletzt. In Volkstedt musste jeder mal nachts für ein paar Stunden Feuerwache halten. Dabei habe ich dann die Wunde lange mit einer Mischung aus Tabak und Asche traktiert. Der Arm hat sich entzündet und wurde bis zur Schulter brutal dick. Damit kam ich nach Bitterfeld ins Krankenhaus. Da bin ich dann sehr fürsorglich behandelt worden. Und ich hatte mein Ziel erreicht - ich wurde nach Bitterfeld verlegt und musste nicht mehr in den Schacht zurück.

Lohnte sich die Selbstverletzung auch arbeitsmäßig? Was wurde in Bitterfeld gearbeitet?

Es begann damit, dass ich auf einer Baustelle Betonplatten mit einem Vorschlaghammer zerschlagen musste - und das bei sommerlicher Gluthitze. Das war eine Scheißarbeit, gab aber Muckis. Wenigstens habe ich mich damit zu trösten versucht. Am Wochenende mussten die Trümmer dann mit der Schubkarre auf ein Nachbargelände transportiert werden. Immerhin war hier das Essen besser. Außerdem stellte die Baufirma Arbeitshandschuhe.

Danach ging es zum VEB Metallaufbereitung Halle.Dort wurde militärisches Gerät auseinandergenommen. Halbe Panzer, Panzerketten, Motoren, Niete für Niete - alles in Handarbeit. Untergebracht waren wir da auch in Lagerbaracken.

Wurden Sie je für die Arbeit im Knast bezahlt?

Es wurde irgendwie bezahlt, aber das Geld ging für die Kosten der Haft wie Unterkunft und Verpflegung drauf. Die musste man selber bezahlen. Bei der Entlassung aus der ersten Haft hat man mir nach 14 Monaten ganze 24 Ostmark ausgezahlt. Im Knast oder im Arbeitslager konnte man mit Geld ohnehin nichts anfangen. Es gab keine Einkaufsmöglichkeiten. Gängige Tauschwährung waren die Zigaretten-Zuteilungen. Auch Nichtraucher lernten schnell, dass man die gut einsetzen konnte.

Wie lange wurde gearbeitet?

Das war von Einsatz zu Einsatz unterschiedlich - mal 6, mal 8, mal 12 Stunden. Es gab keine Regel und sowieso keine Rechte auf irgendetwas. Samstags wurde immer gearbeitet, manchmal auch Sonntags.. Während der Zeit im Schacht wurde 4 Uhr aufgestanden, dann je eine Stunde An- und Abfahrt, 18 Uhr zur Essenausgabe war man zurück.

Der Knast machte mich härter und selbstbewusster

Wie ging es nach dem Knast für Sie weiter?

Die Haft hat das Gegenteil von dem erreicht, was sie sollte. Ich bin da als gebrochener Mann rausgekommen. In Bitterfeld saß ich mal 111 Tage in Einzelhaft. Von der winzigen Zelle habe ich später eine Zeichnung gemacht. Tagsüber war die Liege hochgeklappt. Wenn man sich auf den Boden gesetzt hat, haben die Wärter Wasser in die Zelle geleitet. Auch wegen solcher Erfahrungen hatte ich mit dem System abgeschlossen, kam aber nicht aus der DDR raus. Der Häftlingsfreikauf ging leider an mir vorüber. 1975 haben sie mich dann sogar noch für 18 Monate zur Armee gezogen.

War die Hafterfahrung auch für irgendetwas gut ?

Letztlich hat sie mich härter und selbstbewusster gemacht. Ich bin weniger gutgläubig. In den späten 70ern und 80ern begann ich mich politisch zu interessieren. Ich habe in den Betrieben, wo ich tätig war, auf den Arbeitsschutz gepocht und mich in der Wende in der Bürgerbewegung engagiert. Meine Kollegen haben mich dann in den ersten Betriebsrat gewählt. Nach der Wende habe ich Sozialpädagogik studiert und lange als Streetworker gearbeitet. Zu den Jugendlichen hatte ich immer einen guten Draht.