Faktencheck DDR: Keine gerechte Einkommensverteilung

In vielen Briefen beklagen unsere Leser, dass die Einkommens- und Vermögensverhältnisse im wiedervereinigten Deutschland immer ungerechter werden. In der DDR dagegen, so erinnern sich viele, sei es sozial gerecht zugegangen. Ob das wirklich so war, bilanziert Prof. Klaus Schroeder vom Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin.

In privilegierten, zumeist staatsnahen Berufen wurden Gehälter gezahlt, von denen viele Arbeiter nur träumen konnten. Foto: Archiv

In privilegierten, zumeist staatsnahen Berufen wurden Gehälter gezahlt, von denen viele Arbeiter nur träumen konnten. Foto: Archiv

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Erst in der Vorbereitung auf den Umtausch der Spareinlagen von Mark in D-Mark im Jahr 1990 zeigte sich, was zuvor nur dem Führungspersonal der SED bekannt war: Die Geldvermögen in der DDR waren in etwa ebenso ungleich verteilt wie in der Bundesrepublik und im wiedervereinigten Deutschland. Auf nur etwa 10 Prozent der Sparkonteninhaber entfielen knapp 60 Prozent der Guthaben.

Den reichsten 2 Prozent der DDR gehörten rund 20 Prozent der Spareinlagen.

Auch bei den Einkommen gab es eine stärkere Spreizung als öffentlich bekannt war und heute noch angenommen wird. Nach der in der Bundesrepublik üblichen Berechnungsmethode befanden sich Ende der achtziger Jahre in der DDR etwa 20 Prozent der Haushalte unter der Armutsrate.

Das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen lag bei etwas über 2000 Mark, gut 26 Prozent der Haushalte verfügten über weniger als 1200 Mark, knapp 10 Prozent hatten sogar weniger als 800 Mark.

Zu den hohen Einkommensbeziehern gehörten neben dem Leitungspersonal aus Partei, Staat und Wirtschaft, Künstler, Ärzten und Selbstständigen viele Mitarbeiter von Volkspolizei, Volksarmee und MfS.

So konnte etwa ein als Führungsoffizier für inoffizielle Mitarbeiter tätiger Hauptmann des MfS mit zehn Dienstjahren ein größtenteils steuerfreies Bruttoeinkommen von 2240 Mark beziehen. Hinzu kamen Wohn-, Bekleidungs- und Verpflegungsgeld. Ein MfS-General verdiente zuletzt 4000 bis 6500 Mark monatlich.

Die Avantgarde der Arbeiter-klasse - die hauptamtlichen Parteiarbeiter - gehörte selbstverständlich zu den Spitzenverdienern. Mitte der achtziger Jahre bekamen die Abteilungsleiter im Zentralen Parteiapparat etwa 4500 Mark, die Sektorenleiter zwischen 2700 und 3250 und die politischen Mitarbeiter zwischen 1450 und 2500 Mark. Der Generalsekretär erhielt etwa 8000 Mark, die Mitglieder und Kandidaten des Politbüros 6500 Mark und die Abteilungsleiter 5000 Mark.

Das durchschnittliche Arbeitseinkommen lag in diesem Zeitraum bei 1140 Mark. Der SED-Generalsekretär bezog in etwa das Siebenfache eines durchschnittlichen Einkommens.

Die Privilegierung bestimmter Personengruppen setzte sich auch in der Rente und im Gesundheitssystem fort.

Die systembedingte Ungleichheit in Einkommen und Vermögen wurde etwas korrigiert durch Schwarzarbeit und Zuwendungen durch westdeutsche Verwandtschaft. Insofern bleibt die tatsächliche materielle Situation der Bevölkerung - ebenso wie in der heutigen Zeit - im Ungefähren. Auf jeden Fall aber war die DDR keine sozial gerechte Gesellschaft.

Weiterführende Literatur:

Klaus Schroeder: Das neue Deutschland. Warum nicht zusammenwächst, was zusammengehört, Berlin 2010

Susanne Müller: Von der Mangel- zur Marktwirtschaft

Wir fragen unsere Leser:

Hat Prof. Klaus Schroeder recht? Waren die Unterschiede bei den Löhnen und Gehältern in der DDR wirklich so groß? Was haben Sie als Verkäuferin oder Lehrer, als Krankenschwester oder Dreher, Lokführer oder Sekretärin, Kraftfahrer oder als Kindergärtnerin verdient? Egal, in welchem Beruf Sie damals gearbeitet haben, verraten Sie es uns. Mit den Angaben unserer Leser (auch anonym) wollen wir eine große DDR-Einkommensliste erstellen.

Rufen Sie uns doch bitte an 0361/2 27 51 35 (ab 9 Uhr) oder schicken Sie uns bitte eine E-Mail an leserbriefe@thueringer-allgemeine.de - gern mit Kopie aus Ihrem SV-Ausweis oder andere Nachweise über Ihren Lohn oder Ihr Gehalt.

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