Flüchtlinge wenden sich auf der Suche nach Familien und Freunden ans Rote Kreuz

Erfurt  Flüchtlinge wenden sich zunehmend an das Rote Kreuz, das hilft, Angehörige zu finden. Das Landesauskunftsbüro des Suchdienstes befindet sich in Erfurt in der Heinrich-Heine-Straße 3.

Mit diesen Formularen soll die Suche in den Ländern erleichtert werden. Foto: Anja Derowski

Foto: zgt

. „Name: vermutlich Helga.“ Drei Worte. Dahinter verbirgt sich ein Schicksal. Eines von unzähligen Schicksalen des Zweiten Weltkriegs. Ein Mensch, der seine Verwandten sucht. Der nicht seinen richtigen Namen kennt. Der heimatlos durchs Leben irrt. Das Buch „Ich hab dich so gesucht. Der Krieg und seine verlorenen Kinder“ des Deutschen Roten Kreuzes umfasst viele Seiten, Seiten, auf denen Fotos und spärliche Informationen über die Menschen, die jemanden suchen, enthalten sind.

„Es gibt bisher 1,3 Millionen ungeklärte Schicksale des Zweiten Weltkrieges“, sagt Dirk Bley, der Sprecher im Landesverband des Deutschen Roten Kreuzes. Hier befindet sich das Landesauskunftsbüro des Suchdienstes. Ein Mitarbeiter, dessen Name nicht öffentlich genannt werden soll, da er eine Vertrauensperson für Suchende darstellt, kümmert sich hier um Menschen, die andere Menschen suchen. Und so berichtet Dirk Bley von den Aufgaben des DRK-Suchdienstes, den es weltweit gibt. Seit vor einem Jahr zunehmend mehr Flüchtlinge Schutz in Deutschland suchten, stieg auch die Anzahl der Suchanfragen hier in Thüringen.

Achten kultureller Besonderheiten

Nun, nach Monaten der Ungewissheit über den eigenen Aufenthaltsstatus, beginnen die Flüchtlinge, nach ihren Familien und Freunden zu suchen. „In den ersten sechs Monaten dieses Jahres hatten wir bereits doppelt so viele Anfragen wie 2014 und 2015 zusammen. Und es wird weiter steigen“, berichtet Dirk Bley.

Die meisten kommen mit einem Betreuer und im optimalen Fall einem Dolmetscher in das Suchdienstbüro. Hier liegen vorgedruckte Formulare, in denen der Suchende alles was er über die andere Person weiß, einträgt. Doch kulturelle und sprachliche Besonderheiten erschweren oft die Suche. So gebe es, sagt Dirk Bley, beispielsweise 50 verschiedene Schreibweisen von Mohammed. Er erzählt, dass in Afghanistan nicht direkt nach Frauen gesucht werden darf, nur nach einem Cousin oder Imam, in Afrika oft nach dem Clan. „Manche haben Angst, ihr Herkunftsland zu nennen, sind verängstigt“, sagt Dirk Bley.

Das Formular, möglichst mit einem Foto, wird von Erfurt nach München weitergeleitet, von dort wird es den Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften weltweit zugestellt. Diese sogenannten RCM – was für RedCross-Messages steht und RotKreuz-Nachrichten bedeutet – tragen dann Helfer von Dorf zu Dorf, gehen damit in Hafteinrichtungen. Sie suchen in Krisen- und Kriegsgebieten, in Anrainerstaaten, in Ländern, in denen die Flüchtlingsroute verläuft. „Wir suchen überall dort, wo Vertreibung und Krieg ist“, sagt Dirk Bley. Als neutrale Organisationen werden die Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften anerkannt, oft wird ihnen vor Ort von Einheimischen geholfen. Es gibt Staaten, da ist nach Jahren des Kriegs keine Verwaltung mehr vorhanden. Computer sind zerstört, Datenbanken gibt es nicht.

Derjenige, der gesucht wird und gefunden wurde, darf entscheiden, ob er sich bei dem anderen meldet. „Er hat das Recht, verschwunden zu bleiben“, sagt Dirk Bley. Der Datenschutz spiele eine wichtige Rolle im Suchdienst, vor allem bei den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die einen besonderen Persönlichkeitsschutz genießen.

Doch nicht nur Flüchtlinge hoffen auf Unterstützung durch den Suchdienst. „Menschen aus Kuba und Mosambique, die zu DDR-Zeiten hier lebten, Familien gründeten und dann ausreisen mussten, werden von Angehörigen gesucht“, sagt Dirk Bley. Nicht zu vergessen all jene, die Angehörige im Zweiten Weltkrieg verloren haben. „Sie stellten bis vergangenes Jahr den Großteil der Suchanfragen dar, auch mit Spätaussiedlern haben wir uns sehr beschäftigt“, sagt Dirk Bley. Er steht im Büro des Suchdienstes im Landesverband, blättert durch das dicke Buch mit den unzähligen Fotos und Namen und meint: „So vieles ist noch ungeklärt, der DRK-Suchdienst hilft, wo er kann.“

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