Fred Feuerstein in Thüringen: Nahe Weimar jagten Neandertaler einst Nashörner und Elefanten

Weimar  Nahe Weimar jagten Neandertaler einst Nashörner und Elefanten. Wissenschaftler möchten am liebsten die Gene dieser Jäger entschlüsseln

Diese lebensgroße Rekon-

Diese lebensgroße Rekon-

Foto: Peter Michaelis                              

Das Tal der Ilm, vor rund 200 000 Jahren. Weiden und Birken wachsen hier, Traubeneichen und Haselsträucher, Vogelbeere und Wildapfel. Die Landschaft erinnert an einen Park. Es gibt offene Wiesen mit saftigem Gras, einige Tümpel und Quellbäche. Waldelefanten kommen zum Trinken, Waldnashörner und Hirsche. Manchmal streifen Luchse umher, ab und an ein Bär.

Doch die Idylle ist trügerisch. Neandertaler liegen auf der Lauer. Auf ein Zeichen hin brechen die Jäger aus dem Gebüsch und stechen mit Lanzen auf einen Elefanten ein. Das Tier wehrt sich, es schleudert einen der Urmenschen durch die Luft. Doch der vier Meter große Waldelefant hat keine Chance. Dutzende Male wird er von Stoßlanzen getroffen. Deren Steinspitzen sind scharf wie Skalpelle. Blutüberströmt bricht der Riese zusammen. Sofort beginnen die Neandertaler damit, ihn zu zerlegen. Wenig später brutzelt bereits das erste Steak überm Lagerfeuer.

War es wirklich so?

"Alles steckt im Stein", raunt Tim Schüler vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Schüler macht nicht viele Worte. Er lässt lieber Fakten sprechen. Fakten, das sind Fossilien von Mensch und Tier, versteinerte Pflanzen sowie zahlreiche Werkzeuge aus Feuerstein. All dies trat dank einer Laune der Natur im Steinbruch von Weimar-Ehringsdorf zutage.

Einer der Urmenschen hatte extremes Zahnweh

Das Jagdrevier der Neandertaler war mit kalkhaltigem Wasser überflutet worden, es fiel trocken und wurde erneut überflutet. Immer mehr Kalkstein lagerte sich ab. Die sogenannten Travertin-Schichten wuchsen Meter um Meter – und ganz nebenbei konservierten sie dabei auch das Zeitalter von Fred Feuerstein.

Die archäologischen Funde der letzten 110 Jahre zeichnen ein klares Bild. Wenigstens sieben Mal schlugen Neandertaler an einem Tümpel ihr Lager auf. Gut möglich, dass sich die Jäger abends in Laubhütten oder Zelte zurückzogen. Nachweisen lassen sich solche Bauten zwar nicht mehr.

Fest steht jedoch, dass hier die Lagerfeuer brannten. Gleich neben den Holzkohleresten entdeckten Archäologen angekohlte Knochen. Deren versteinerte Reste haben die Jahrtausende ebenso überdauert wie die Fossilien von wenigstens sechs, vielleicht auch neun Urmenschen.

Sind diese Neandertaler bei der Jagd umgekommen? Lediglich im Falle eines Kindes scheint die Todesursache geklärt zu sein. Vermutlich ist es in ein Wasserloch gefallen und ertrunken. Darauf deutet zumindest die besondere Auffinde-Situation seines Skeletts hin.

Längst haben die menschlichen Fossilien auch manch Detail verraten. So besaß einer der Weimarer Neandertaler ein schiefes Gebiss; vermutlich litt er zudem an chronisch entzündetem Zahnfleisch. Von einem anderen Erwachsenen wissen wir, dass sein Schädelvolumen knapp 1,5 Liter betragen hat. Das entspricht in etwa dem Niveau heutiger Menschen.

Doch das größte Rätsel ist ungelöst. Das Erbgut der Weimarer Urmenschen wurde bislang nicht entschlüsselt. Lediglich Voruntersuchungen stellte man an, bestätigt Tim Schüler. Konkrete Pläne für eine gezielte Suche nach der steinzeitlichen DNA gäbe es aber noch nicht.

Erst vor wenigen Tagen war es einem internationalen Forscherteam gelungen, das Erbgut der Ehringsdorfer Waldelefanten zu rekonstruieren. Natürlich ist nun die Hoffnung groß, gleiche Untersuchungen auch an den menschlichen Fossilien durchführen zu können, sagt Matthias Meyer. Er ist Genetiker am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Meyer meint: Was im Falle der Tiere geklappt hat, müsste normalerweise auch bei den ähnlich alten Knochen der Neandertaler funktionieren.

Doch ganz so einfach ist die Sache dann doch nicht, erzählt der Wissenschaftler. Jegliche DNA ist vergänglich. Den genetischen Fingerabdruck des Elefanten hatte er aus einem erst vor zwei Jahren in Ehringsdorf geborgenen Knochen gewonnen. Dort lag er mehr als 200 000 Jahre geschützt vor Wärme und Licht. Bei Elefanten-Knochen, die bereits Jahrzehnte zuvor in Weimar ausgegraben worden sind, klappte der DNA-Nachweis indes nicht.

Ähnliches könnte damit auch für die menschlichen Fossilien von Ehringsdorf gelten. Ob Zähne, Schädelbruchstücke oder andere Skelettteile: Sie wurden schon vor rund 100 Jahren ans Tageslicht gefördert. Gut möglich, dass auch ihre DNA-Spuren seitdem vergangen sind.

Könnte man die Weimarer Fossilien nicht einfach probeweise untersuchen? Angesichts des ungewissen Ausgangs sei das Risiko noch zu groß, meint Tim Schüler. Schließlich müssten die Knochenfunde dafür teilweise zerstört werden. "Wir möchten die Originale aber möglichst mit all ihren Feinheiten erhalten." Er hofft deshalb auf bessere Analysemethoden als es sie schon jetzt gibt. Faszinierend sei die Aussicht, das Erbgut zu enträtseln, aber allemal.

Die weltweit erste Beschreibung der DNA eines Neandertalers gelang 1996 durch Svante Pääbo. Er ist Direktor jenes Max-Planck-Instituts, das jetzt den Weimarer Elefanten entschlüsselt hat. Seit Pääbos Entdeckung konnten Genetiker das Fenster in die Vergangenheit immer weiter aufstoßen. 400 000 Jahre blicken sie bereits zurück.

Mittlerweile vergeht kaum ein Monat, in dem nicht neue Forschungsergebnisse publik werden. Mal geht es um den Stammbaum der Aborigines, mal um die Besiedelung Amerikas, mal um die Gene von Mumien. Besonders häufig aber geht es um das Erbgut der frühen Europäer.

Zu jenen, die weltweit das Spitzenniveau bestimmen, gehört das Jenaer Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte. Dessen Wissenschaftler überprüfen mithilfe genetischer Studien unter anderem Hypothesen der klassischen Archäologie.

Plötzlich gibt es völlig neue Antworten auf vermeintlich ausdiskutierte Theorien. Welche Wanderungsbewegungen gab es wirklich in der Vorzeit? Wer ist mit wem verwandt? In die vermeintlich angestaubte Steinzeit-Forschung kommt damit unglaublicher Schwung.

Steinzeitliche Gene stecken in jedem von uns

Dennoch warnt Johannes Krause, Direktor des Jenaer Instituts, vor voreiligen Schlüssen. "Wir haben das genetische Stammbuch der Steinzeit gerade erst aufgeschlagen."

Neandertaler und Homo sapiens haben lange Zeit parallel gelebt; sie hatten sogar Sex miteinander. Rund zwei Prozent unseres Erbguts geht auf die ausgestorbenen Verwandten zurück. Das Immunsystem soll davon profitiert haben. Manch Experte meint, dass Neandertaler-Gene unser Suchtverhalten be-günstigen, etwa das Rauchen.

Der Genetiker Matthias Meyer hat anderes im Sinn als solche Deutungen. "Wir wollen verstehen, wer die Neandertaler an sich waren. Dabei stecken wir aber noch in den Anfängen."

Letztlich geht es ihm und seinem Leipziger Team um Fragen wie: Wie entwickelten sich die Neandertaler über Hunderttausende von Jahren? Lebten sie in großen oder kleinen Gruppen? Waren sie Nomaden oder ortsfest? Welche genetischen Verbindungen haben Neandertalern aus Mitteleuropa mit denen aus Spanien und von der Krim?

Den Ehringsdorfer Neandertalern könnte in diesem Wissenschaftskrimi eine Schlüsselrolle zukommen, meint Meyer. Immerhin sei die Fossilien 200 000 Jahre alt. Sie stehen in der Mitte zwischen den bislang ältesten untersuchten Gebeinen und dem Aussterben der Neandertaler vor etwa 30 000 Jahren.

So funktioniert das DNA-Puzzle

Die Suche nach den Genen gleicht einem gigantischen Puzzle, jedoch müssen die Puzzle-Teilchen selbst erst mal entdeckt werden. Diese sind klitzekleine Fragmente, in welche die ohnehin mikroskopisch kleinen DNA-Stränge zerfallen sind.

Ein Vergleich zeigt, vor welcher Herausforderung die Wissenschaftler dabei stehen: In einer heutigen Hautschuppe stecken viel mehr Informationen als in einer Probe, die sich aus einem fossilen Knochen gewinnen lässt. Und wehe, während eines DNA-Tests mischt sich eine solche Schuppe unter die urzeitliche Probe!

Sind die Puzzle-Teile entdeckt, versuchen Wissenschaftler, die Bruchstücke zu einer vollständigen Sequenz zusammenzufügen. Das klappt nur mit Hochleistungscomputern – und es dauert. Wochen und Monate können über den Testreihen vergehen.

Neandertaler selbst erleben

Das Museum für Ur- und Frühgeschichte in Weimar widmet den Neandertalern einen Ausstellungsbereich mit Fundstücken aus Ehringsdorf. Geöffnet: täglich außer montags.

Teile des Ehringsdorfer Steinbruchs sind als archäologisches Freigelände hergerichtet worden. Der Platz ist von April bis Oktober frei zugänglich.

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