Gert Weber erhält Verdienstorden

Gräfenhain  Bundespräsident Walter Steinmeier ehrt den Maler und Grafiker aus Gräfenhain mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik.

Foto: Adrian Weber

W wie Waalkes und W wie Weber. Hält sich das Protokoll im Schloss Bellevue ans Alphabet. So bekommt zunächst der Komiker Otto Waalkes, anschließend der Gräfenhainer Maler und Grafiker Gert Weber von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik überreicht. Beide gehören zu 13 Frauen und Männern aus Deutschland, Frankreich, Israel, der Schweiz und den USA, denen die Ehrung wegen ihrer Leistungen im künstlerischen Bereich am Vorabend des Tages der Einheit zuteil wird.

„Wir können uns nicht viel Besseres vorstellen, als in Einigkeit zu leben, und das heißt, in Toleranz gegenüber allen Verschiedenheiten; ... und in Freiheit zu leben – und das heißt: kompromisslos für die Freiheit des Denkens, des Glaubens, der Wissenschaft, der Kunst und des künstlerischen Ausdrucks einzutreten“, sagte Steinmeier bei der Ehrung.

Dass er neben dem Komiker Otto steht, findet Weber richtig gut. Otto, sagt er, sei einer nach seinem Geschmack. Doch auch Larissa Bender, die Texte aus dem Syrischen übersetzt, und Anne Birkenhauer-Molad aus Jerusalem, die das mit Texten aus dem Hebräischen tut, sind Menschen, deren Leistung der Gräfenhainer Achtung entge­genbringt. „Mit ihnen gemeinsam ausgezeichnet zu werden, das macht mich schon stolz.“ Und natürlich erfreut ihn, dass Erich Loest und Reiner Kunze, Künstler, denen er sich eng verbunden fühlt, ebenfalls unter den Preisträgern zu finden sind. Kunze hat ein Mauergedicht geschrieben, Gert Weber schuf etwa zeitgleich ein Mauerbild – beides hängt nebeneinander in der Stiftung des Dichters, die er mit seiner Frau aus der Taufe gehoben hat.

Weber eckte zu oft an im Kunstbetrieb der DDR

Ein Stück weit sieht Weber im Verdienstkreuz am Bande auch eine Entschädigung. Für jene Zeit nämlich, da er in der DDR mit einem Berufsverbot belegt war, ohne dass dies offiziell verkündet wurde.

Als Schüler von Werner Schubert-Deister, einem bis zum Verlassen der DDR in Friedrichroda lebenden Maler, Grafiker und Bildhauer, bekam er von 1974 und 1976 das Rüstzeug, um sich erfolgreich an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig zu bewerben. Das Studium hingegen erfüllte nicht die Wünsche des Thüringers.

Zu oft und zu sehr eckte er im offiziellen Kunstbetrieb des sozialistischen Realismus an. Kurz vor der Exmatrikulation stehend, drängte ihn sein Mentor Professor Gerhard Eichhorn, sich bei Werner Tübke zu bewerben. Der suchte damals für sein Monumentalwerk zum Bauernkrieg in Bad Frankenhausen Studenten, die ihn unterstützten. Weber bestand die Prüfung und arbeitete mit an der gigantischen Leinwand. Das rettete ihn vor dem Rausschmiss in Leipzig. Dass er später, als Mitglied des Verbandes der bildenden Künstler in der DDR, keinen Auftrag bekam und keinen Raum für Ausstellungen, konnte er so aber nicht verhindern.

Doch auch diese Zeit hatte ihr Gutes. Um überleben zu können, um die Familie zu ernähren, wandte sich Weber der Restauration von Kirchen zu. Unter anderem ab 1986 der Restaurierung der Barockkirche zu Gräfenhain, seinem Wohnort.

Das wird aufgezählt im Schloss Bellevue, als sein Name fällt. Seinem Engagement ist es zu danken, dass „dieses sakrale Kleinod... heute eine der am besten erhaltenen barocken Dorfkirchen Thüringens ist.“

Die Wiedereinweihung des Gotteshauses 1991 war nicht der Schlusspunkt. „Die Dreifaltigkeitskirche, das war allen klar, ist nur wirklich wieder vollständig, wenn auch die Thielemann-Orgel erneut gespielt werden kann“, erzählt Weber.

Und im Anschluss an den Sanierungsabschluss kümmerte er sich mit Gleichgesinnten um das Instrument. „Es war gut, dass wir das getan haben, heute könnten wir das Geld dafür gar nicht mehr aufbringen.“

Arbeiten zum Holocaust hängen in Jerusalem

Dafür ist das Instrument mittlerweile bekannt. Mussten sich die Gräfenhainer in den ersten Jahren noch strecken, um Künstler für die Orgelkonzerte in ihrer Kirche zu finden, so ist es heute umgekehrt. Organisten aus der ganzen Welt wollen dort spielen. „Die Qualität der Barockorgel ist bekannt, Experten ­betonen immer wieder, dass sie den Silbermann-Instrumenten keineswegs nachsteht.“ Als Grund auch für die Ehrung wird Gert Webers künstlerische Auseinandersetzung mit dem Holocaust genannt: „Das Kunstmuseum der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem hat eine Dokumentation seiner Arbeiten in ihr internationales Archiv aufgenommen. Gerd Weber hält mit seiner Kunst die Erinnerung wach – an Licht- und Schattenseiten deutscher Vergangenheit“, heißt es in der Begründung.

Mit diesen und anderen Arbeiten kann er auf dem Kunstmarkt wenig Eindruck schinden. Dort, sagt er, zähle Oberflächlichkeit und nicht Inhalt und Aussage. „Bilder müssen aber einen Inhalt haben, darin muss die Aussage des Künstlers, seine Sicht auf die Welt abzulesen sein“, ist sein Credo.

So geht er seinen Weg. Sammler, die sich für Kunst interessieren, die sich einmischt, die nicht schweigt, wo Unrecht geschieht, wissen das zu schätzen. All das hat er vermittelt bekommen von Schubert-Deister, der das vorlebte, auch wenn er deshalb in der DDR Anfeindungen erdulden musste. „Wer weiß“, sagt Weber, „vielleicht hat Werner da oben ja irgendwas gedreht, dass ich heute in Berlin ausgezeichnet werde und sitzt nun auf einer Wolke, freut sich diebisch und nimmt immer mal einen Schluck aus seinem Rotweinglas.“ Noch immer fühlt er sich seinem Meister eng verbunden.

Deshalb will er zu dessen 100. Geburtstag im Kunstforum Gotha auch eine große Ausstellung organisieren. Doch das ist eine andere Geschichte.