Geschwister May aus Erfurt und das Versagen des real existierenden Rechtsstaates

Die Goldberg-Reportage. Am 17. Juni 2015, dem Jahrestag der Niederschlagung des Volksaufstandes in der DDR von 1953, ließ die Stadt Erfurt die Wohnung der zwei anerkannten SED-Opfer Claudia und Michael May wegen Mietschulden räumen. Nach der Zwangsräumung tauchte das Geschwisterpaar unter, wohnt mittlerweile bei Freunden. Unser Redakteur sprach mit den beiden.

Momentan sind die Geschwister auf einem Hof in Liebschütz (Saale-Orla-Kreis) untergekommen. Foto: Marco Kneise

Momentan sind die Geschwister auf einem Hof in Liebschütz (Saale-Orla-Kreis) untergekommen. Foto: Marco Kneise

Foto: zgt

Eigentlich ist es ganz einfach. Aber nichts, was mit dieser Frau zu tun hat, ist einfach und sie selbst ist es am allerwenigsten. Wenn ihr Name genannt wird in der Stadt, gibt es hochgezogene Augenbrauen und ein vielsagendes Lächeln, mindestens.

Sie geht den Richtern auf die Nerven, der Stadt und dem Land. So soll es sein. So soll es bleiben, bis sie ihr Recht bekommen hat. Denn Recht und Gerechtigkeit finden ihre Begründung in sich selbst, nicht in der Frage, mit welchen Sympathiewerten die Beteiligten bedacht werden.

„Das ist die Potenzierung des SED-Unrechtes in schlimmster Form“, sagt Michael May. Er ist der Bruder, von dem jeder weiß, ist aber, anders als die Schwester, keine öffentliche Person. Aber wie sie ein Mensch, den die Umstände zu solchen Sätzen bringen. Und diese Umstände beherrschen das Leben der beiden Menschen seit 25 Jahren. Das prägt.

Claudia May trägt ein Band am Handgelenk, das sieht ein wenig so aus wie diese All-inclusive-Ausweise. Aber es hat einen Strichcode, das war ihre Markierung in der Magdeburger Uniklinik für Psychosomatik und Psychotherapie. Der Chef dort, Prof. Jörg Frommer, habe ihr eine traumatische Belastung der höchsten Stufe attestiert. Der referierende Konjunktiv steht hier nur der Korrektheit wegen, an dieser Aussage ist kaum zu zweifeln.

Als am 17.Juni – da war die Stadt so dumm wie ignorant, das war ein Versagen von politischer Intelligenz und moralischem Empfinden – , als also ausgerechnet am 17. Juni die Polizei vor der Wohnung der Geschwister stand, die offiziell als SED-Opfer anerkannt sind, um die Räumung durchzusetzen, da tauchten die beiden nicht in der ihnen zugewiesen Wohnung auf, sie tauchten unter. Sie taten es, ließe sich sagen, weil ihnen das Wasser bis zum Hals stand. Sie flüchteten nach Magdeburg, in die Uniklinik. Und sie werden beide wohl auch dorthin zurückkehren, zu stationären Aufenthalten, es wird nicht mehr gehen ohne professionelle Hilfe. Aber die ei-gentliche Hilfe, die kommt nicht aus Magdeburg und sie kommt aus keiner Klinik.

Sie käme von der Stadt Erfurt und dem Land Thüringen. Denn die sind verantwortlich. Wie einst der Junker Wenzel von Tronka hat die Stadt Erfurt eine Geschichte der Ungerechtigkeit begonnen, von der niemand weiß, wie sie enden wird. Eine Geschichte in der es, ähnlich wie bei der des Pferdehändlers Michael Kohlhaas, um das Prinzip geht. Koste es, was es wolle.

Die Kosten für Stadt oder Land ließen sich beziffern, das ist nur Geld. Für Claudia und Michael May sind die Zahlen der kleinere Teil des Preises, den sie entrichten. Das sollte bedenken, wer die Augenbrauen hochzieht und vielwissend lächelt.

Das bedenke auch ich. „Wir sind hier aufgenommen worden“, sagt Michael, „aber eigentlich hätte uns Bodo Ramelow in seiner schönen Wohnung aufnehmen müssen, jetzt wo die SED-Diktatur zurückgekehrt ist.“

Fluchtburg in einer kleinen Gemeinde

Solche Sätze sind so ungerecht wie das, was ihnen geschah. Doch sie erzählen die innere Situation der beiden, ihre Besessenheit. Und sie ignorieren, dass die Geschichte begann, als der Oberbürgermeister Manfred Ruge hieß und der Ministerpräsident Bernhard Vogel. Und dass es der Oberbürgermeister der CDU war, der, was er gekonnt hätte, die Geschichte damals nicht gerecht beendet hat.

Ruge berief sich, als die Stadt verurteilt wurde in der ersten Instanz, auf die Versicherung der Kommune, die Herrin des Verfahrens sei. Doch das ist keine Situation, in der alles rational bedacht wird. Rational wirken nur die Paragrafen, mit denen Claudia May so heftig um sich wirft. Und manchmal ist es, als seien die Paragrafen eine Wand, hinter die sie flüchten kann.

Wir sitzen jetzt hier im Haus bei Kerstin Schön und Sabine Fabian, hier wurden die Flüchtlinge aufgenommen, eine Art Refugium, eine Fluchtburg in einer kleinen Thüringer Gemeinde. Ein Asyl. Die beiden Frauen gehörten zu den Protagonistinnen der Wende, seither wurden sie zu Protagonistinnen ihrer Lebensweise und ihrer Lebensweisheiten.

Kerstin Schön, eine promovierte, nicht mehr praktizierende Psychiaterin und Neurologin, möchte an dem Gespräch teilnehmen, was mir nicht so recht ist, aber Claudia May besteht darauf. Sie wird ihre Gründe haben, obgleich sie im Gespräch nicht den Eindruck einer Frau macht, die für derlei Aussagen Unterstützung benötigt.

Sie hat ihre Geschichte schon oft erzählt und sie hat sie so öffentlich wie offensiv vertreten, vor den Medien und vor den Gerichten.

Als ich frage, wie es war, an diesem 17.Juni, als sie die Wohnung verlassen mussten –„wie räudige Hunde“ sagt Michael – da erklärt die große Schwester sofort, warum sie aus juristischen Gründen keinen Mietvertrag unterschreiben könnten. Sie hat für jedes Stadium ihrer Geschichte die entsprechenden Paragrafen und Aktenzeichen bereit, sie jongliert beinahe spielerisch mit ihnen, wie ein Amateur-Artist, der stolz seine Fähigkeiten vorführt. Jeder Paragraf ein Schlag, jedes Aktenzeichen ein Hieb. Sie hat in diesen 25 Jahren ein beträchtliches juristisches Halbwissen erworben.

Als Säuglinge ins Kinderheim gesteckt

Ich versuche immer wieder, ihre mäandernden Ausflüge in diesen paragrafischen Irrgarten zu unterbrechen, ich verlaufe mich in diesem juristischen Unterholz und versuche, ihr das zu erklären. Man könnte in dieser Geschichte immer noch jemanden anrufen, hier einen Experten, dort einen Unterstützer oder Gegner. Aber das hilft nicht wirklich weiter. Es ist die Geschichte vom Wald, vom großen Ganzen, das man nicht mehr sieht vor lauter Bäumen, lauter Details. Und so geht es wohl vielen Menschen, die die Geschichte aus den Medien kennen. Noch ein geplatzter Gerichtstermin, noch ein abgelehnter Einspruch, noch eine angedrohte Klage, noch eine zurückgewiesene Beleidigung.

Und dahinter verschwindet die eigentliche Geschichte. Die Geschichte zweier Menschen, denen Unrecht geschieht in zwei Systemen. Die Geschichte, wie zwei Menschen zerstört werden in dem und durch den real existierenden Rechtsstaat.

Manchmal hat Claudia einen Traum, einen Albtraum. Sie hockt, winzig klein, an der Scheuerleiste eines riesengroßen, überdimensionierten Raumes. Alles über ihr, um sie herum ist groß und bedrohlich. Dieser Traum kommt aus dem Damals, aus dem Heim. Das fühlt sich ein wenig an wie Kafka, und ein wenig ist ihre Geschichte auch so.

Sie kommen beide als Säuglinge für die ersten 4, 5 Jahre ihres Lebens in ein Heim, zwangsweise, der beengten Wohnverhältnisse wegen, heißt es offiziell. Sie ist 11, der kleine Bruder, der Michael immer bleiben wird, 7 Jahre alt als sie den Vater verhaften. Die Kinder haben ihn nie wieder gesehen, er wird in den Westen abgeschoben. Gute Noten, aber sie muss, sagt sie, nach der achten Klasse die Schule verlassen. Andere mussten Anträge stellen, um die zehnjährige Schulpflicht abzukürzen. Claudias Einkommen soll die Familie, ernähren, die Mutter ist krank.

Dem Autor, der eine solche Geschichte aus dieser Zeit noch nicht gehört hat, bleibt nur, zuzuhören und mitzuschreiben. Sie will mit Kindern arbeiten, das darf sie nicht. Maschinelles Rechnen, Lochkarten, 15 Jahre im Schichtbetrieb, dann die Entlassung. Dies und jenes, Aushilfe im Victoria-Stift, Aushilfe im Kindergarten.

Und dann 1972 „die positive Wende“ – und der Beginn der Geschichte, die bis heute geht. Aber das ahnt damals niemand, es beginnt wie das Glück. Werner Graslaub, es gibt familiäre Beziehungen seit ihrer Kindheit, holt sie in das kleine Unternehmen, das seinem Vater Rudolf gehört, Gartenscheren. Das wird ihr Schicksal.

Der Mann bindet sie ein in die Buchhaltung, er kümmert sich um die Volkshochschule, die Berufsausbildung und die Fachschule. Sie darf doch studieren, Betriebsökonomie im Fernstudium. Alles ist gut. Das geht jetzt alles, auch die Stasi kommt nicht mehr. An einem Tag des Jahres 1975 zieht Rudolf Graslaub den guten Anzug an, sagt seiner Frau Bescheid und legt sich hin und stirbt. Jetzt ist Werner der Chef und Erbe. Das Haus will er nicht, es wurde bewusst überschuldet. Und 1987 stirbt Werner, er hinterlässt ihr das Haus, das er ausschlug, und die Firma.

Nein, sagt sie, sie sei nie die Geliebte des Mannes gewesen, der lebte außerdem schon länger getrennt von seiner Frau. Und im Übrigen, füge ich hinzu, steht die Beantwortung dieser Frage in keinerlei Beziehung zur amtlich bestätigten Gültigkeit des Testamentes.

Sie will nicht das Geld, sie will das Haus

Dann ist Wende, dann kann die Rückübertragung des Hauses beantragt werden, wegen der „kalten Enteignung“, der bewussten Überschuldung, das war in der DDR eine gern geübte Praxis. Claudia May bekommt den Erbschein, aber es nützt ihr nichts. Das Haus, das zu zwei Dritteln ihr gehört, wird verkauft, es ist der Fehler der Stadt, das ist juristisch festgestellt und unstrittig.

Aber auch das nützt ihr nichts. Die Stadt hat ein Haus verkauft, das ihr nicht gehört, aber sie ist nicht verantwortlich. Eine Bescheinigung wurde ausgestellt, die rechtswidrig war, aber das bedeutet nichts. Man muss wohl Jurist sein, um das normal zu finden.

Sie ist keine Juristin. Die Prozesse, die Medien. Als sie auch noch im MDR-Fernsehen auftritt, „Escher hilft“, wird es manchmal ruhig, wenn sie im Umweltministerium, ihrer Arbeitsstelle, über den Flur geht. Sie geht auch nicht Kaffee trinken mit den Kollegen. „Kollektives Kaffeetrinken stand nicht im Dienstplan“ sagt sie.

Wie gesagt, man muss diese Frau nicht mögen und nach diesem langen Gespräch glaube ich nicht, dass wir füreinander Lieblingskollegen würden im gleichen Büro. Aber darum geht es nicht. Es geht um Gerechtigkeit.

Und um Besessenheit. Claudia May ist besessen von ihrer Geschichte. Dieses Haus in Erfurt ist mehr als ein Haus, es ist eine fixe Idee.

Das bedeutet nicht, dass sie nicht das Recht auf dieses Haus hätte, dass ihre Forderung sachlich falsch wäre. Es bedeutet, dass all ihr Denken und Fühlen bestimmt und beherrscht wird von diesem Haus, dass diese Geschichte alles andere in ihrem Leben überlagert, alle ihre Lebensmöglichkeiten. Es bedeutet, dass dieses Haus sich in ihre Seele gefressen hat.

Es bedeutet, dass sie um ihr Haus kämpft wie Michael Kohlhaas um seine Pferde: Es ging nie mehr wirklich um die Pferde, und es geht wohl nur zu Teilen um das Haus. Sie will, erklärt sie, nicht das Geld, sie will das Haus.

Es geht um ein Prinzip und das heißt Gerechtigkeit. Und wer darum kämpfen muss wie gegen die Windmühlen, der wird manches Mal verbissen, auch ungerecht. Diese Frau führt kein Schwert, sie hat das Gesetzbuch und die Paragrafen. Und die Wut, den Zorn.

Ob sie, frage ich, sich wohl noch wirklich freuen könne, wenn sie eines Tages gewinnen sollte? „Ja“, sagt sie, „denn dann hätte ich meine Lebensaufgabe erfüllt.“ Wer so spricht, und es so meint, der kämpft nicht um sein Haus, der kämpft um sein Leben. „Ich möchte nicht sterben und sagen, ich hätte es tun können, aber ich habe es nicht.“

Und je mehr ich sie frage nach dem Warum, so weniger spricht sie, wie es sonst ihre Art ist, über Aktenzeichen und Paragrafen. Es sind wohl nur die Wegweiser, von denen sie, bewusst oder nicht, hofft, sie mögen ihr den Weg zum Frieden weisen.

Es ist der Weg, sagt sie, den man eben gehen muss. Warum? – Sie überlegt. „Vielleicht für die Seele.“

SED-Opfer nach Zwangsräumung in Erfurt abgetaucht

Leitartikel vom 15. Juni: Das geht gar nicht