Gewehre und Stiefel aus Erfurt prägten die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs

Erfurt. Auch wenn die Stadt weit weg von den Fronten in Ost und West lag, hat der Krieg vor 100 Jahren an vielen Stellen Spuren hinterlassen.

Auf dem Fischmarkt wurde am 5. Dezember 1915 dieses Beutegeschütz präsentiert. Das sollte die Kriegsbegeisterung im Land befeuern. Foto: Stadtarchiv Erfurt

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Als "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" hat der amerikanische Historiker und Diplomat George Kennan den 1. Weltkrieg bezeichnet. Er begann vor 100 Jahren und hat auch in Erfurt Spuren hinterlassen. Denn obwohl die Stadt weit ab vom Kampfgeschehen an der Ost- und Westfront lag, spielte sie damals eine große Rolle.

Weltweit widmen sich bereits jetzt Politiker, Forscher, Medien und viele andere dem ab Juni bevorstehenden Gedenken. Wer sich in Erfurt auf die Suche nach Spuren dieses Krieges machen will, findet im Stadtmuseum viele Exponate, die erzählen, wie sich das Geschehen ab 1914 unmittelbar in die Stadtgeschichte eingegraben hat.

Der Historiker, TA-Autor und Vorsitzende des Museumsfördervereins, Steffen Raßloff stoppt bei einem Rundgang vor einer Vitrine mit Waffen: Der Karabiner mit der Bezeichnung 98k, der dort unter anderem zu sehen ist, stammt aus der Erfurter Gewehrfabrik. "Rund 1,5 Millionen Stück wurden damals hier gebaut. Jeder zweite oder dritte Soldat war damit ausgerüstet", sagt Raßloff.

Die verkehrsgünstige und zugleich zentraleuropäische Lage der Stadt sowie die vorhandene Industrie trug dazu bei, dass Erfurt mit 130.000 Einwohnern einer der größten Rüstungsstandorte Deutschlands wurde.

Schuhfabrikanten belieferten die Armee

Die Schuhfabrikanten Lingel und Hess belieferten die Armee mit Stiefeln. Die königlich-preußische Waffenfabrik und rund 650 andere Firmen beschäftigten in Hochzeiten bis zu 42.000 Menschen. Die Waffenfabrik im Brühl existierte bis zum Ende des 2. Weltkriegs. Danach entstand an ihrer Stelle das Optima-Werk. Die Schreibmaschinenfertigung sorgte für ein neues Kapitel der Stadtgeschichte.

Auch wenn das alte Heizwerk das einzige Gebäude ist, das noch an die Gewehrfabrik erinnert, und die Optima-Gebäude nach der Wende großflächig abgerissen wurden, ist das heutige Gesicht des Brühls auch das Ergebnis der Zeit, als hier Waffen produziert wurden.

Viel unmittelbarer traf der Krieg die Bevölkerung an anderer Stelle: Am Johannesplatz in Ilversgehofen lebten bis zu 17.000 Kriegsgefangene in einem Lager. Schon im ersten Kriegsjahr wurden in der Stadt Lazarette in neun Turnhallen und in der Gutenbergschule eröffnet.

Schulklasse zog geschlossen in den Krieg

Nichtsdestotrotz waren auch viele Erfurter zunächst überzeugte Anhänger des Waffengangs. So meldete sich die gesamte Oberprima des Königlichen Gymnasiums in der Schillerstraße geschlossen zum Kriegseinsatz.

Ein mit Nägeln übersätes Eisernes Kreuz im Stadtmuseum - gegen eine Kriegsspende durfte man einen Nagel einschlagen - belegt die Unterstützung der Bevölkerung ebenso wie Essgeschirr mit patriotischen, frankreichfeindlichen Sprüchen.

Nicht zuletzt waren damals in Erfurt drei Regimenter stationiert, die in den Krieg zogen: Artillerie, Infanterie und ein berittenes Jägerregiment. 3579 Erfurter starben in den Schlachten des Krieges.

Für die Menschen in der Heimat brachten die Kriegsjahre ganz erhebliche Veränderungen mit sich. Zum einen herrschte immer mehr Mangel an Nahrungsmitteln: "Außer Rüben gab es kaum mehr etwas zu essen. Es erschien damals sogar in der Zeitung ein Rezept, wie man Spatzen zubereitet", weiß Steffen Raßloff. Die Folge: Unterernährung und einhergehend mit nachlassender medizinischer Versorgung und fehlendem Heizmaterial für die kalten Jahreszeiten ein rapider Anstieg der Kinder- und Altensterblichkeit.

Gleichzeitig begann im Krieg eine grundlegende gesellschaftliche Änderung: Weil immer mehr Männer an die Front mussten, wurden in den Fabriken zunehmend Frauen zur Arbeit eingesetzt, wie ein großes Foto im Stadtmuseum belegt.

Frauen übernahmen die Arbeit von Männern

"Plötzlich gab es auch Frauen als Straßenbahnführerinnen, das wäre vorher völlig undenkbar gewesen", sagt Raßloff. Die gleichberechtigte Rolle der Frauen in der Gesellschaft habe damals einen großen Sprung erlebt, auch wenn mit Ende des Krieges vieles wieder zurückgedreht wurde.

Als der Krieg schließlich zu Ende war, griff die Novemberrevolution auch auf Erfurt über. Zugleich bedeutete die Ausrufung der Republik mit freien und gleichen Wahlen auch das Ende der Herrschaft des Bürgertums, das in Erfurt im Kaiserreich lange Jahre das Sagen hatte - nun konnten auch die Arbeiter mitbestimmen.

In Erfurt gibt es auch Denkmale, die an den ersten Weltkrieg erinnern, insbesondere in den Ortsteilen. Auf dem Hauptfriedhof gibt es Betonkreuze in Form des Eisernen Kreuzes für die Toten des 1. Weltkriegs, und im Rathaus erinnert eine etwas versteckte Platte im Erdgeschoss an die getöteten Bediensteten der Stadt.

Zum Jahrestag des Kriegsbeginns ist im Stadtmuseum keine eigene Ausstellung geplant. "Aber wir werden das Thema kontinuierlich mit Veranstaltungen und Führungen begleiten", sagt Steffen Raßloff. Auch das Volkskundemuseum wird sich mit dem Geschehen damals beschäftigen.

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