In Obertopfstedt werden noch immer Reifen runderneuert

Obertopfstedt  Kalterneuerung heißt das Verfahren, das schon im Zweiten Weltkrieg von einem deutschen Soldaten in der Wüste von Afrika entdeckt wurde und das noch heute bei Reifen-Schuchardt in Obertopfstedt angewendet wird.

Werner Schuchardt (rechts) war gerade 26, als er die Vulkanisierabteilung in der Greußener Mühlgasse übernahm. Mit einem Kollegen nimmt er ein Reifen für einen Lanz Bulldog aus der Pressform . Foto: privat

Werner Schuchardt (rechts) war gerade 26, als er die Vulkanisierabteilung in der Greußener Mühlgasse übernahm. Mit einem Kollegen nimmt er ein Reifen für einen Lanz Bulldog aus der Pressform . Foto: privat

Foto: zgt

Die Firma hat sich auf das Vulkanisieren von Reifen, die im Transportverkehr und in der Landwirtschaft benötigt werden, spezialisiert und betreibt die Geschäftsidee seit mehr als 27 Jahren. Aufgebaut hat die damalige Vulkanisierungsabteilung des volkseigenen Betriebes Farma (Fahrzeuge und Maschinen) Werner Schuchardt – und das gerade mal mit 26 Jahren im Jahre 1954.

Eigentlich ist Schuchardt gebürtiger Mühlhäuser. Als der gelernte Vulkaniseur sich beruflich umorientieren wollte, wurde ein Nachfolger in der Mühlgasse in Greußen, dem Sitz der Farma, gesucht. Die Suche nach einem neuen Chef für die Farma hatte sich bis zu Werner Schuchardt herumgesprochen – und der nahm die Herausforderung an.

Im Jahr 1958 erhielt Werner Schuchardt an der Handwerkskammer in Erfurt seinen Mei-sterbrief im Vulkaniseurhandwerk. Somit waren alle Voraussetzungen geschaffen, um die Abteilung zukünftig zu leiten.

Gerne hätte sich Schuchardt mit dem Meistertitel selbstständig gemacht. Aber das war in der DDR nicht möglich. Dennoch wurde Greußen zum Lebensmittelpunkt des einstigen Mühlhäusers, und das nicht nur beruflich, sondern auch privat.

Seine große Liebe lernte der Handwerker nicht in Greußen kennen, sondern die brachte er aus dem heutigen Unstrut-Hainich-Kreis mit. Längst haben Ruth und Werner Schuchardt goldene Hochzeit gefeiert.

Für den Betrieb und das Vulkanisieren hatte Werner Schuchardt über die Jahre immer neue Ideen. Auch zum Thema Ausbildung und um die Nachwuchssuche machte er sich viele Gedanken.

Bei seinem Sohn Hans-Peter musste er nicht lange reden. Für den lag es nahe, nach der Schulzeit den Beruf eines Vulkaniseurs zu ergreifen und in die Lehre bei seinem Vater zu gehen. Im Jahr 1984 erfolgte dann eine Umfirmierung zur Produktions Genossenschaft des Handwerks (PGH Farma).

Den gravierendsten Einschnitt für die Farma aber brachten die 1990er-Jahre und die Wendezeit mit sich. Damals stand auch der Greußener Betrieb mit seinen zehn Mitarbeitern vor dem Aus – wie so viele andere Betriebe auch.

„Wie sollte es weiter gehen? Diese Frage haben wir uns damals oft gestellt“, sagt Hans-Peter Schuchardt. „Wir fuhren dann 1990 zur Reifenmesse nach Essen und knüpften neue Kontakte und kamen optimistisch zurück“, erzählt Schuchardt weiter.

Mit dem Bandag-Verfahren, der Kalterneuerung von Reifen, schlüpfte man in eine Marktlücke. Die Gewerberäume in der Mühlgasse reichten bald nicht mehr aus. In Obertopfstedt wurden die Schuchardts dann fündig und bauten eine neue Werkstatt mit Montagehalle auf.

Über 30 Jahre führte Werner Schuchardt das Unternehmen, bevor er es in die verlässlichen Hände seines Sohnes legte. Noch heute schaut der 86-Jährige gern im Betrieb vorbei und schwelgt in Erinnerungen.

„In der heutigen Zeit muss man mehrere Standbeine haben, um wirtschaftlich überleben zu können“, sagt der Werkstattchef. Als Kfz-Meisterbetrieb bietet Hans-Peter Schuchardt Service rund um das Auto an: Reifenwechsel, Verkauf und Einlagerung. So wie andere Werkstätten auch.

Das ganze Jahr über wird auch noch vulkanisiert. Man kauft Gebrauchtreifen, versieht diese mit neuen Laufstreifen und bringt sie wieder an den Mann beziehungsweise die Frau.

Seit Schuchardts auf eigenen Beinen stehen, hat sich die Anzahl der Beschäftigten konstant gehalten, keiner musste über den Winter nach Hause geschickt werden.

Und es gibt auch schon einen Nachfolger. „Mit Holger Schulze habe ich bereits einen Anwärter, sozusagen ein Eigengewächs“ schaut der 61-Jährige optimistisch in die Zukunft.

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