Mängelliste mit 400 Hinweisen: Erfurt auf Fahrradfreundlichkeit überprüft

Erfurt  Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) Erfurt überprüfte die Landeshauptstadt auf seine Fahrradfreundlichkeit. Am Ende gab es eine Mängelliste mit über 400 Hinweisen an das Tiefbau- und Verkehrsamt.

Ein Reflektierband wie dieses könnte dazu beitragen, den Poller vor allem im Dunkeln besser zu sehen. Thomas Engel vom ADFC Erfurt zeigt symbolisch, wie schnell diese Abhilfe geschaffen werden könnte – und für Radfahrer die Strecke damit nachts sicherer würde.

Ein Reflektierband wie dieses könnte dazu beitragen, den Poller vor allem im Dunkeln besser zu sehen. Thomas Engel vom ADFC Erfurt zeigt symbolisch, wie schnell diese Abhilfe geschaffen werden könnte – und für Radfahrer die Strecke damit nachts sicherer würde.

Foto: Anja Derowski

Thomas Engel zückt das rote Reflektierband, wickelt es um den Poller – und schon ist dieser besser sichtbar. „Da kosten drei Meter etwa 1,50 Euro“, sagt er, ein bisschen natürlich ironisch.

Wenn alle Mängel, die der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) Erfurt aufgeführt hat, so leicht zu beheben wären, wäre die Stadt wohl fein raus.

Thomas Engel und Bernhard Deimel übergaben gestern Vormittag eine Liste mit etwa 400 Mängeln an den Leiter des Tiefbau- und Verkehrsamtes Alexander Reintjes. Weit über 1000 Kilometer hatte der ADFC Erfurt in den letzten Monaten auf dem Fahrrad durch Erfurt zurückgelegt, um Orte und Stellen zusammenzutragen, die Radfahrern ihre tägliche Fahrt erschweren. Die Mängel wurden mit mehr als 1000 Fotos dokumentiert.

Die Liste an sich ist nicht neu, bereits 2012 erhielt die Verwaltung eine solche. „Davon ist wirklich viel umgesetzt worden“, sagt Bernhard Deimel, der Vorsitzende des ADFC Erfurt. Doch im Laufe der Jahre, mit neuen Verkehrsführungen und anderen Bebauungen kamen wieder Mängel hinzu.

Vor allem Poller, die etwa eine Durchfahrt für Autos verhindern, stehen ganz oben auf der Liste. Etwa 100 Mängel sind allein ihnen zuzuordnen. „Die Poller sind oft in diesem Einheitsgrau und schwer im Dunkeln vom Weg zu unterscheiden. Nachts sind alle Poller grau“, sagt Bernhard Deimel, was teils lustig gemeint, aber auch ernst ist. Thomas Engel steht in der Seitengasse am Fischmarkt und fügt hinzu: „Ich habe Licht dran und Zusatzlicht und dennoch sind manche Poller wie dieser hier im Dunkeln kaum erkennbar.“ Abhilfe könnte das reflektierende rote Band bringen (siehe Foto) oder eine weiß-rote Markierung.

Allerdings, dies ist stadtplanerisch nicht unbedingt immer gewollt. Der Poller soll sich ins Gesamtbild einfügen und nicht störend wirken, gibt Alexander Reintjes zu bedenken. Ohnehin wird bei der Übergabe der Mängelliste schnell klar, dass die Vorstellungen des ADFC und die der Verwaltung nicht immer konform sind. „Wir müssen alle Funktionen, alle Verkehrsteilnehmer unterbringen und eben auch stadtplanerisch denken“, meint Erfurts Radverkehrsbeauftragte Angelika Ohrmann. Sie sitzt für die Verwaltung unter anderem auch im kommunalen Arbeitskreis Radverkehr, dem unter anderem auch ein Vertreter des ADFC angehört. Dort werden Anliegen besprochen oder auch bauliche Vorhaben im Straßenverkehr. Doch die Einwände des Fahrradclubs werden nicht immer erhört oder umgesetzt, meinen die beiden Clubmitglieder und erinnern an die Johannesstraße.

Fehlendes Geld ist nicht die Hauptursache

Bei der Übergabe der Mängelliste schweifen die Beteiligten mehrmals ab, der Diskussionsbedarf ist offensichtlich groß. „Wir sehen die Liste nicht als Anklage, sondern als Hilfsmittel“, betont Bernhard Deimel. „Wir möchten, dass der Radverkehr in Erfurt positiver und mehr wird.“

In ihrer Liste weisen die ADFC-Radler auch auf Bordkanten, Führungsprobleme, Beschilderungen und Oberflächenprobleme hin. Nicht verdichteter Kies, über den allerdings die Radspur führt, werde schnell zur Gefahr, etwa im Verbindungsweg Paul-Oestreich-Straße zum Binderslebener Knie. Eine weitere Gefahr sind Masten mitten auf dem Weg, beispielsweise steht in der Leipziger Straße Höhe der Tankstelle ein Oberleitungsmast mitten auf dem benutzungspflichtigen Radweg. Am Roten Berg stießen die Radfahrer auf einen Zwei-Richtungs-Radweg, der nur 1,50 Meter breit ist.

Liest man die Liste, neigt man schnell dazu zu meinen, in Erfurt gäbe es keinerlei fahrradfreundliche Abschnitte. Dem ist natürlich nicht so. Und das betont auch Alexander Reintjes. „Wir sind besser als unser Ruf. Und wir nehmen die Hinweise auch gern an und sind dankbar dafür.“ Dennoch betrachte die Verwaltung einiges eben durch eine andere Brille als der Radfahrer. Viele der Mängel lassen sich weitestgehend schnell und realtiv kostenarm erledigen, ist Thomas Engel überzeugt.

„Es liegt auch nicht immer am Geld, dass wir nichts verändern. Wir haben zu wenig Leute, die diese Arbeiten vornehmen können. Also müssten wir es fremdvergeben, doch da findet sich keiner“, entgegnet Alexander Reintjes. Dies solle aber keine Ausrede sein. Den Hinweisen zu falschen oder fehlenden Beschilderungen werde man nachgehen, immerhin zeigen sie die Regeln an, an sich innerhalb der Straßenverkehrsordnung alle zu halten haben. Fehlt ein Schild und es passiert etwas, ist die Aufregung groß.

Übrigens, so verrät Alexander Reintjes, sei langfristig geplant, eine Stabsstelle für Radverkehr direkt bei ihm anzusiedeln.