Marksuhl: Fakten zum Bestattungswald hinter verschlossenen Türen

Marksuhl  Bestattungswald: Gemeinderat stellt Partnerschaft mit Friedwald GmbH nach Vorlage von Wirtschaftszahlen infrage.

Eine Frau läuft auf einem Weg im zukünftigen Bestattungswald in Bad Berka. Die Stadt Bad Berka, die Landesforstanstalt und die Friedwald GmbH haben einen Vertrag über 99 Jahre unterzeichnet. Auf einem 47 Hektar großen Areal können künftig Menschen unter Bäumen ihre letzte Ruhe finden.

Eine Frau läuft auf einem Weg im zukünftigen Bestattungswald in Bad Berka. Die Stadt Bad Berka, die Landesforstanstalt und die Friedwald GmbH haben einen Vertrag über 99 Jahre unterzeichnet. Auf einem 47 Hektar großen Areal können künftig Menschen unter Bäumen ihre letzte Ruhe finden.

Foto: Martin Schutt, dpa

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Der im September vergangenen Jahres gefasste und von der Kreisverwaltung mittlerweile genehmigte Beschluss zur Schaffung eines Bestattungswaldes auf einer 38 Hektar großen Waldfläche der Gemeinde Marksuhl am Sallmannshäuser Rennsteig wackelt nach der Gemeinderatssitzung am Dienstag.

Denn erstmals gibt es Zahlen zu Kosten und Nutzen. Was der Vertreter des Projektpartners Friedwald GmbH im öffentlichen und auch nichtöffentlichen Teil der Sitzung vortrug, überzeugte einen Großteil der Gemeinderatsmitglieder aus wirtschaftlicher Sicht nicht.

Auch deshalb wurde der Beschluss über die Nutzungs- und Entgeltordnung mit 5:3 Stimmen (bei drei Enthaltungen) in die nächste Sitzung vertagt. Die Details zu Kosten und Nutzen für die Gemeinde, die der Friedwald-Mitarbeiter nur im nichtöffentlichen Teil der Sitzung präsentierte, lassen einige Gemeinderatsmitglieder darüber zweifeln, ob die Friedwald GmbH als Partner überhaupt nötig ist.

Angesichts der Friedwald-Kalkulation könnte die Gemeinde den Bestattungswald besser alleine verwalten und bewirtschaften, so eine Meinung. Fast 70 Prozent der Einnahmen fließen nach den Vorstellungen der Friedwald GmbH nämlich in ihre Kasse. Gemeinderatsmitglied Rolf Trostmann (CDU) befürwortet den Friedwald und erinnerte an den Gemeinderatsbeschluss. „Das rechnet sich, damit ist Geld zu verdienen“, sagt er. Sonst würden Privatleute oder der Staatsforst in Bad Berka solche Projekte nicht realisieren. Thüringen ist das letzte Bundesland, in dem es noch keinen Bestattungswald gibt.

Bestattungstourismus wird prognostiziert

„Ich habe mich bei der Verhandlung mit dem Friedwald-Mann gefühlt wie beim ersten Termin Anfang der 90er-Jahre mit einem Versicherungsvertreter“, kommentierte Gemeinderatsmitglied Frank Michalowski (Bürger für die Gemeinde) die Debatte hinter verschlossenen Türen. Für Fraktionskollege Heiko Ißleib ist das Projekt an sich sinnvoll, auch wenn es Bestattungstourismus auslösen werde. Die Frage sei aber, in welcher Höhe die Gemeinde davon profitiert.

In den bisherigen Beratungen unter der Führung des wegen Krankheit dienstuntauglichen Bürgermeisters Martin Trostmann (parteilos) war der kaufmännische Aspekt des Vorhabens nicht vorgetragen worden, kritisierten Gemeinderatsmitglieder. Wegen dieser fehlenden Informationen zog der Gemeinderat am Dienstag die Handbremse, um offene Frage zu erörtern. Marksuhl könnte nach Bad Berka (Eröffnung am 6. April) der zweite Bestattungswald in Thüringen werden.

Der Vertreter der Friedwald GmbH hatte versucht, den Entscheidern die Partnerschaft schmackhaft zu machen, versprach, dass die Rendite durch den Betrieb eines Bestattungswaldes höher als durch die forstwirtschaftliche Nutzung sei. Ab 3 350 Euro gibt es bei der Friedwald GmbH einen eigenen Baum, ab 490 Euro die Urnenbeisetzung. Einige Kosten des Bestattungswalds trägt dabei die Gemeinde, etwa die für den sogenannten Friedwaldförster, der kein ausgebildeter Förster sein muss. Ein „nicht ausgelasteter“ Mitarbeiter der Gemeinde oder ein extern auf Stundenhonorar verpflichteter Betreuer würde Bestattungswald-Besucher an Wochenenden führen und beraten, erklärte der Friedwald-Vertreter. Er bedauerte, dass Bürgermeister Trostmann und Revierförster und Gemeinderatsmitglied Uwe Simon der Sitzung am Dienstag nicht beiwohnen konnten.

Jagd nicht nur möglich, sondern notwendig

Die Jagd, hieß es, sei im Bestattungswald unter Auflagen nicht nur erlaubt, sondern notwendig, um keinen Ruhekessel für Wild zu schaffen und damit Wildschäden in der Peripherie Vorschub zu leisten. Ansitzjagden könnten an Wochenenden und Drückjagden auf Anmeldung erfolgen.

Sitzungsleiter Hans-Jürgen Kreipe (Linke) sieht im Bestattungswald keine Konkurrenz zu den vier Gemeindefriedhöfen. Er war einer der drei, die gegen die Vertagung stimmten.

Ein Sprecher der Jagdpachtgemeinschaft außer sich:

Wutentbrannt verlies Sven Kehl als Vertreter der Jagdpachtgemeinschaft den Sitzungssaal. Mit Engelszungen hatte er Verwaltung und Gemeinderat gewarnt, knapp 40 Hektar Gemeindewald und damit hochwertiges Jagdgebiet mit einem Erbbaupachtvertrag über 99 Jahre für einen Bestattungswald zu opfern. „Haben wir es nötig, den Gemeindewald dafür zu verschachern?“, redete Kehl den Gemeinderatsmitgliedern ins Gewissen.

Seit 27 Jahren sei die Jagdpachtgemeinschaft dort aktiv, habe 2016 mit der Gemeinde einen neuen Pachtvertrag über zwölf Jahre geschlossen. Da sei vom Bestattungswald keine Rede gewesen, behauptet Kehl. Der musste die Kritik einstecken, seinen Einspruch erst jetzt vorzubringen. „Da ist doch wieder alles hintenrum passiert“, konterte der Jäger. Auch als die Jagdbezirksgrenzen neu gezogen wurden, seien die Jäger außen vor gelassen worden.

Dass die Jagd im Bestattungswald möglich ist, sei nur die halbe Wahrheit, legte der Jäger dar. Keinem Jäger bereite es Vergnügen dort das Gewehr zu benutzen und Wild zu erlegen, wo Urnen vergraben sind und Verstorbenen gedacht wird.Es gäbe genügend klassische Bestattungsmöglichkeiten in der Gemeinde, da brauche es keinen Friedwald, so Kehl.

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