Nach Aufruf Jeans-Kopie von 1984 gefunden

Mit unseren Lesern suchten wir eine von vietnamesischen Vertragsarbeitern zu DDR-Zeiten genähte West-Jeans. Familie Scharr in Sallmannshausen öffnete für uns ihren Kleiderschrank mit der "Montana"-Hose.

Solveig Scharr hat bis heute die "Montana"-Jeans aus dem Jahr 1984 im Kleiderschrank. Foto: Sascha Willms

Solveig Scharr hat bis heute die "Montana"-Jeans aus dem Jahr 1984 im Kleiderschrank. Foto: Sascha Willms

Foto: zgt

Vor einigen Tagen baten wir unsere Leser, dem "Auswandererhaus" in Bremerhaven zu helfen. Dort wird für eine neue Dauerausstellung ein rares Exponat gesucht: Eine von vietnamesischen Vertragsarbeitern in der DDR genähte West-Jeans, besser gesagt, die Kopie einer solchen.

Das Echo auf unseren Aufruf war beeindruckend. Viele Leser erinnerten an ihre Erlebnisse mit vietnamesischen Vertragsarbeitern und an deren "illegale Produkte".

Wohnheime der vietnamesischen Vertragsarbeiter schienen seinerzeit wahre Manufakturen gewesen zu sein. Die Produktion war generalstabsmäßig durchorganisisert, berichteten Leser. Es gab Verantwortliche für die Jeansstoff-Beschaffung und das Besorgen des Zubehörs wie Nieten, Reißverschlüsse oder Markenschilder. Andere übernahmen den Zuschnitt, es gab die Näher beziehungsweise Näherinnen. "In jedem Wohnheimzimmer stand mindestens eine Nähmaschine", mailte uns ein Leser. "Und daran entstanden unter anderem originalgetreue Fälschungen amerikanischer Markenjeans."

Mehr als zwanzig Jahre nach der Wende tatsächlich noch auf ein solches Exemplar zu stoßen, schien ein aussichtsloses Unterfangen. Warum aufheben, was es mittlerweile als Original in allen Varianten zu kaufen gibt? Außerdem: Wie lange hat man üblicherweise eine Hose im Schrank? Doch keine 25 Jahre. Oder doch?

Familie Scharr aus Sallmannshausen bei Gerstungen überraschte uns. "Habe heute mit einem großen Schmunzeln ihren Beitrag über die gefälschte West-Jeans gelesen", schrieb Solveig Scharr. "Auch mein Mann und ich besaßen eine solche Jeans. Und die von meinem Mann liegt tatsächlich noch in seinem Kleiderschrank."

Konspirative Anprobe im Zugabteil

Abenteuerlich, wie Helmut Scharr zu der "Montana-Jeans" gekommen war. Wie seine heutige Frau Solveig, so wohnte auch er schon damals im Grenzgebiet. Die beiden arbeiteten in Eisenacher Wartburg-Werk, und mit ihnen eine ganze Reihe anderer Leute aus der "verbotenen Zone", die nicht jeder betreten durfte. "Nach der Arbeit fuhren wir täglich mit dem Zug 16.45 Uhr ab Eisenach heimwärts. Im Zug saß immer die gleiche Truppe: 12 bis 15 junge Leute aus Gerstungen und Berka an der Werra, die ab Pförta ganz unter sich waren." Denn da stieg kein Ossi mehr in den Zug.

"In dieser Truppe gab es auch einen Mann, der offenbar gute Kontakte zu den Vietnamesen in Eisenach hatte und deren selbst genähte Hosen in ziemlich großen Stückzahlen verkaufte", erzählt sie. Das Schlitzohr hatte fast immer ein großes Bündel dabei, aus dem etwas unter die Leute gebracht wurde; während der Fahrt. Eines Tages - irgendwann Mitte der 80er-Jahre - auch Jeanshosen, die besonders begehrt waren.

"Da wir ja für etwa eine halbe Stunde ganz allein im Abteil waren, begannen wir, Hosen in unserer Größe herauszufischen und anzuprobieren", erinnert sich Solveig Scharr.

Und siehe da, sowohl Helmut als auch sie fanden ein passendes Exemplar.

Ein halbes Gehalt der technischen Zeichnerin

"Ich konnte mir leider so eine Hose nur einmal leisten", sagt Solveig Scharr. Als technische Zeichnerin verdiente sie in den 80er-Jahren im Monat 400 DDR-Mark. Der "Bekannte" aus dem Zug kassierte immerhin 260 Mark für die "Montana"–Jeans mit echtem Copyright-Zeichen. Eine Wrangler war für schon 220 Ostmark zu haben. Dass bei den vietnamesischen Vertragsarbeitern derlei Summen ankamen, bezweifelt die Frau aus Sallmannshausen.

Wie aber kommt es, dass die Jeans bis heute im Schrank lag? "Ein Superstoff, klassischer Schnitt, und Nähte und Reißverschlüsse hielten über all die lange Zeit", bringt es Solveig Scharr auf den Punkt.

Für die neue Ausstellung im "Auswandererhaus" in Bremerhaven würde sie sich gern von dem strapazierfähigen Erinnerungsstück trennen. "Wenn das Museum unsere Hose möchte, geben wir sie gern", sagt sie.