Nach Fukushima-Katastrophe immer noch Furcht vor Strahlen

Der Agrarökonom Kouichi Koike und die Umweltaktivistin Akiko Yoshida erzählen, wie sich das Leben nach dem Reaktorunglück in Fukushima verändert hat.

Die japanische Gesellschaft hat sich seit der Katastrophe in Fukushima verändert, davon sind Kouichi Koike und Akiko Yoshida überzeugt. Foto: Marco Kneise

Die japanische Gesellschaft hat sich seit der Katastrophe in Fukushima verändert, davon sind Kouichi Koike und Akiko Yoshida überzeugt. Foto: Marco Kneise

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Erfurt. Die Schwingungen an jenem 11. März waren unheimlich. Stärker als sonst bebte der Erboden. Kouichi Koike wollte umgehend bei seiner Familie anrufen. Doch die Verbindung via Handy in den Onami Bezirk der Stadt Fukushima brach immer wieder ab.

Zu jenem Zeitpunkt hatte das Beben der Stärke 9 bereits eine gigantische Flutwelle ausgelöst. Auf ihrem Weg ins Landesinnere zerstörte sie Dörfer und Städte entlang der japanischen Küste und beschädigte die wichtigen Kühlsysteme des Atomkraftwerks Fukushima.

"Die Naturgewalt hat nicht nur fast 20.000 Menschenleben vernichtet, sondern vor allen Dingen hat sie aufgezeigt, dass die Atomtechnik nicht beherrschbar ist", erzählt Koike.

Der Agrarökonom Kouichi Koike und die Umweltaktivistin Akiko Yoshida sind ein Jahr nach dem Super-Gau nach Deutschland gereist. In zahlreichen Städten, auch in Erfurt, wollen sie ihre Geschichte erzählen. Sie wollen berichten, wie sich die Gesellschaft in Japan nach Fukushima verändert hat. Und sie wollen über ihr eigenes Leben Auskunft geben, das durch den Reaktorunfall einen Bruch erlitten hat.

Wenn Koike erzählt, blitzen seine Augen. Die Gefahren seien bekannt gewesen, nur wollte das vor dem Reaktorunfall niemand hören.

Das Leid und die Bedrohung durch Radioaktivität haben diese Einstellung in dem hochtechnologisierten Industrieland verändert. "Die Menschen in der Fukushima-Region haben von einem auf den anderen Tag ihre gesamte Existenzgrundlage verloren", erzählt der 64-Jährige. Und von der Regierung kommt bis heute nur mäßige Unterstützung. "Das hat viele Menschen zum Umdenken bewegt."

Akiko Yoshida ist 30 Jahre jung und hat wache Augen. Sie ist Mitglied der Umweltorganisation "Friends of the Earth Japan", dort betreut sie die Themen Atom-und Energiepolitik.

Yoshida wirkt angriffslustiger als ihr Begleiter: "Von unserer Regierung werden die Auswirkungen bagatellisiert", kritisiert sie. Dabei mussten allein 150.000 Menschen aus dem näheren Reaktorumgebung evakuiert werden. "So lange die Strahlendosis noch derart hoch ist, können sie nicht zurück."

Anti-Atom-Bewegung hat an Kraft gewonnen

Vor allen Dingen das Krisenmanagement habe auf ganzer Linie versagt, ist die junge Frau überzeugt. Bis heute wisse keiner so genau, was in der havarierten Anlage passiert ist - und was gerade noch passiert. "Die Regierung versucht alles im Dunkeln zu lassen", ist Yoshida überzeugt.

Kouichi Koike ist erst vor Kurzem mit seiner Frau zurückgekehrt, sein Haus steht 60 Kilometer von der Atomkraftanlage entfernt. Nur langsam will sich Normalität einstellen. "Die Radioaktivität ist noch zu hoch, um Landwirtschaft zu betreiben", erzählt Koike. Früher habe er Äpfel und Kaki-Früchte geerntet, Karotten und Spinat angebaut - heute liegt die 1,6 Hektar große Fläche brach. Wer würde schon Öko-Gemüse aus der Region Fukushima kaufen wollen? Bis die Lebensmittel wieder komplett unbelastet sind, wird es wohl an die 100 Jahre dauern. "Ich werde das nicht mehr erleben", so Koike.

Geblieben ist auch die Furcht vor den unsichtbaren Strahlen. Um die Höhe und die Auswirkungen der Belastung machte die Regierung von Anfang an ein großes Geheimnis. "Kurz nach der Katastrophe wurde noch gesagt, die Strahlung sei nicht sofort schädlich", erinnert sich Yoshida. Dass die Kernschmelze schon eingesetzt hatte, verrieten die Verantwortlichen nicht. Erst drei Monate danach tröpfelten die Informationen an die Öffentlichkeit.

Das Unglück von Fukushima hat einen Prozess in Gang gebracht. Die Anti-Atom-Bewegung in Japan hat an Kraft gewonnen. Ungewöhnlich viele Menschen positionieren sich öffentlich - es kommt regelmäßig zu Demonstrationen. "Das ist für unsere Mentalität nicht typisch", erklärt Yoshida.

Vor allen Dingen die Jüngeren sprechen sich für ein Ende des Atomzeitalters aus. Sie kaufen verstärkt Öko-Produkte und machen sich Gedanken über die Energie-Ressourcen.

Der hauptverantwortliche Betreiber Tepco verstecke sich weiterhin hinter einer Mauer aus Schweigen. Die Entschädigungszahlungen kamen verspätet und wurden bislang nur zur Hälfte ausgezahlt. Der Staat hat das Geld vorgeschossen - das heißt: alle zahlen.