Rechtsextremistische Einstellungen wachsen in Thüringen wieder

Erfurt. Parallel zu der wachsenden Zahl der Flüchtlinge steigt die fremdenfeindliche und rechtsextremistische Stimmung in Thüringen wieder an.

Langzeitstudie misst Zunahme der fremdenfeindlichen Stimmung. Archivfoto: Timm Schamberger/dpa

Langzeitstudie misst Zunahme der fremdenfeindlichen Stimmung. Archivfoto: Timm Schamberger/dpa

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So bejaht eine knappe Mehrheit die Aussage, dass „die Bundesrepublik in gefährlichem Maß überfremdet“ sei. 40 Prozent finden, dass Ausländer nur nach Deutschland kämen, um den Sozialstaat auszunutzen.

Das sind einige zentrale Ergebnisse des aktuellen „Thüringen Monitors“, der in Auszügen unserer Zeitung vorliegt. Seit dem Jahr 2000 erfragen und analysieren Sozial- und Politikwissenschaftler der Universität Jena die Stimmung in der Bevölkerung des Landes. Auch in diesem Jahr wurden rund 1000 erwachsene Thüringer repräsentativ befragt.

Insgesamt, schreiben die Wissenschaftler, liege die Zustimmung zu einem sogenannten Ethnozentrismus bei 40 Prozent – dies sei ein Anstieg von sechs Prozentpunkten im Vergleich zu den Vorjahren. Ein knappes Viertel wird als rechtsextremistisch eingestuft. So stimmten inzwischen 24 Prozent der Aussage zu, dass der „Nationalsozialismus auch seine guten Seiten habe“. In den vergangenen Jahren seien nur 17 Prozent dieser Meinung gewesen.

Unterschied zwischen Alt und Jung

Besonders eklatant ist die Entwicklung unter den Älteren. Der Anteil von Menschen mit rechtsextremistischen Ansichten ab 60 Jahren stieg von 17 auf 29 Prozent. Diese Zahl ist damit mehr als doppelt so hoch wie bei den 18- bis 24-Jährigen.

Gleichzeitig sinkt auch die Zustimmung zur Demokratie. Jeder Fünfte findet es richtig, dass „im nationalen Interesse“ und „unter bestimmten Umständen“ eine Diktatur „die bessere Staatsform“ sei.

Die Umfrage, auf der die neueste Folge der Langzeitstudie basiert, wurde im Juni durchgeführt, also noch vor der Öffnung der Grenzen für die syrischen Flüchtlinge und den von der AfD organisierten Großdemonstrationen in Erfurt. Angesichts der Entwicklung in den bundesweiten Umfragen ist davon auszugehen, dass sich seitdem die Stimmung zusätzlich aufgeheizt hat.

Dennoch warnen die Autoren vor Alarmismus. Zwar sei der Anstieg des Rechtsextremismus signifikant. Die höheren Werte bei den fremdenfeindlichen Ansichten lägen aber noch im Bereich zufälliger Stichprobenschwankungen.

Sowieso waren in den Jahren 2001 bis 2006 und auch noch einmal im Jahr 2011 höhere Werte gemessen worden. Erst nach dem Bekanntwerden der NSU-Verbrechen schienen die rechtsextremistischen Einstellungen an Boden zu verlieren. Die Wissenschaftler konstatieren eine zunehmende Zweiteilung der Gesellschaft. So sei „eine überwältigende Mehrheit“ der sozial privilegierten Bevölkerung demokratisch und tolerant gesinnt. Arbeitslose, prekär Beschäftigte mit geringem Einkommen, niedrigem Bildungsgrad und Statusängsten sähen sich hingegen immer noch als Deutsche zweiter Klasse und seien in ihrer Mehrheit rechtsextrem eingestellt.

Auch die Einstellung gegenüber den Flüchtlingen wurde abgefragt. So lehnen 70 Prozent eine „großzügige Prüfung“ der Asylanträge durch den Staat ab. 55 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass Asylbewerber „keine Verfolgung im Heimatland“ zu befürchten hätten. In bundesweiten Umfragen liegt dieser Wert um 13 Prozentpunkte niedriger. 42 Prozent der Thüringer sprechen sich gegen ein Asylbewerberheim in ihrer Nachbarschaft aus.

Studie: Wer sich benachteiligt fühlt, neigt Rechtsextremismus zu

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