TA-Serie Leben auf dem Land: Wenn der Bäcker zweimal klingelt

Bad Berka  Heinz Riethmüller versorgt mit seinem Verkaufswagen ältere Kunden auf den Dörfern mit mehr als nur Brot.

Bäckermeister Heinz Riethmüller hat für viele seiner Kunden die Bestellungen schon vorbereitet. Für alleinstehende Damen gibt es bei ihm auch ein paar Scheiben Stollen statt eines ganzen Gebäckstücks.

Bäckermeister Heinz Riethmüller hat für viele seiner Kunden die Bestellungen schon vorbereitet. Für alleinstehende Damen gibt es bei ihm auch ein paar Scheiben Stollen statt eines ganzen Gebäckstücks.

Foto: Franziska Gräfenhan

Das „la Cucaracha“ der Hupe geht nicht nur in den Kopf, sondern auch durch Beton und Dämmwolle. Denn die Melodie ist noch nicht ganz vorüber, da stehen schon die ersten Kunden in Strickjacke und Latschen am Bordstein, den Brötchenbeutel in der Hand und warten darauf, dass sich endlich die Seitenklappe des mobilen Bäckerwagens von Heinz Riethmüller hebt. Fünfmal die Woche ist der „Schienenbäcker“ im Umland von Bad Berka unterwegs und versorgt seine Kunden mit frischem Brot, Kuchen und anderen Backwaren.

„Für viele Leute bin ich ein fester Termin in der Wochenplanung“, sagt der Bäckermeister, der sein Familiengeschäft in Bad Berka betreibt und schon seit der Wende mit dem mobilen Verkaufswagen im Umkreis von zehn Kilometern über die Dörfer fährt. Immer zur gleichen Zeit steht Riethmüller für knapp zehn Minuten am immer gleichen Ort und nimmt die nahezu immer gleichen Bestellungen seiner treuen Stammkunden entgegen.

Einer von ihnen ist Gerd Grau aus Hochdorf. Der 75-Jährige im karierten Hemd kauft seit knapp 20 Jahren sein Brot beim ­Bäckerwagen. Der hält mittlerweile direkt vor seinem Hoftor. „Wir wollen den Bäcker hier halten, sonst ist ja gar nichts mehr da“, sagt Grau, der die meisten Wege mit dem Auto ­erledigt. „Wenn du mal nicht mehr Auto fahren kannst, wird‘s schwierig“, sagt er. Natürlich komme es schon mal vor, dass das Ehepaar Grau außer Haus ist, wenn der „Schienenbäcker“ hält. „Aber für den Fall hängen wir unseren Beutel ans Tor und der Bäcker lässt uns das Brot einfach da.“

Die Vorlieben und Bestellungen seiner „Leutchen“ kennt Riethmüller nach so vielen Jahren beinahe auswendig. Egal ob Zweier, Dreier oder der obligatorische Wochenend-Windbeutel, schon bei der Bestückung des Bäckerwagens hat er die Bestellungen vor Augen. „Das basiert ­alles auf meinen Erfahrungswerten. Es kam auch schon vor, dass ich wegen eines einzelnen Brotes noch einmal losgefahren bin.“ Aber was solle er machen, schließlich verlassen sich die Leute darauf. Eine Zeit lang überlegte er sogar, die Rezepte aus der Apotheke gleich mitzubringen, hat den Gedanken aber bald wieder verworfen. „Man muss dann aber auch mal sagen: jetzt ist gut.“

„Das alles ist viel mehr als nur Verkauf. Ich bin auch Seelsorger, Tröster und kümmere mich um die Menschen“, sagt der ­Bäcker. Er übernimmt diese Rolle gern – auch wenn er dafür in seiner Freizeit losfährt. Schließlich kenne er viele der Kunden schon lang und hat selbst Spaß an den Gesprächen und den Scherzchen zwischendurch.

Deshalb bietet Riethmüller auch kleine Extras an. Einen ­Kalender zu Weihnachten oder vorportionierten Stollen für ­alleinstehende Damen. Bei vielen hält er nicht nur vor der Haustür, sondern klingelt notfalls gern auch mehrfach, falls sie den Termin mal vergessen ­haben. „Die meisten Leute sind über 65 Jahre, Rentner und nicht mehr mobil. Sie würden bestimmte Standorte gar nicht erreichen.“ Deswegen kommt der Bäcker zu ihnen – auch wenn er dabei schon mal aus Versehen im Schlafzimmer steht.

Die Damen in Tannroda sind für den Service jedenfalls sehr dankbar. Auch sie warten mit den Beuteln griffbereit am Straßenrand. „Wir sind sehr froh, dass wir ihn haben. Wir selbst kommen ja allein gar nicht mehr weg“, sagt die 83-jährige Friedel Schlöffel, die gesundheitliche Probleme hat und bei den meisten Wegen darauf angewiesen ist, dass ihre Tochter sie mit dem Auto fährt. Zu DDR-Zeiten hätte das in den Orten noch ganz anders ausgesehen, da gab es mehrere Geschäfte, Gasthäuser und Kneipen in Tannroda, sagt auch Gisela Prokupek: „Was wir früher zu viel hatten, haben wir heute zu wenig.“ Die 70-jährige Rentnerin mit dem praktischen Kurzhaarschnitt muss für größere Einkäufe mit dem Zug in die nächste Stadt fahren. Regelrecht beschissen sei die Situation heute im Vergleich dazu.

Doch den langen Versorgungswegen und den abgehängten Dörfern kann auch der mobile Bäckerwagen von Riethmüller auf lange Sicht nicht viel entgegensetzen. „Das ist nicht wirklich ein zukunftstragendes Modell“, sagt er. Anfangs hätte er viel mehr Haltestellen gehabt. Über die Zeit würden es aber von allein immer weniger. Die Kunden sterben. Hinzu kommt, dass das Auto mittlerweile schon 16 Jahre alt sei und wenn sein Sohn einmal die Bäckerei übernehme, könne er es allein gar nicht schaffen, die Backstube, den Verkauf und den mobilen Service abzudecken. „Wir haben aber dafür schon einen Plan B“, sagt er und denkt dabei in Richtung Lieferservice.

Manuela Lohse, Geschäftsführerin des Landesinnungsverbands für das Thüringer Bäckerhandwerk, bestätigt diese Prognose für mobile Bäckerwagen. „Ich weiß von einem Unternehmer, der mehrere solcher Fahrzeuge betreibt und sagt, es lohne sich bei so wenigen Kunden nicht mehr, als Bäckerei selbst ein solches Angebot zu unterhalten.“ Sie sieht die Zukunft in ländlichen Regionen eher in breit aufgestellten Frische-Lieferdiensten: „Es wird in Zukunft so kommen, dass die Oma auf dem Dorf online ihre Brötchen und alles andere ordert und der professionelle Frische-Lieferant das dann ausfährt.“

Die wenigsten Landbewohner können im eigenen Ort einkaufen

Die Auswertung der Befragung von Bürgermeistern aus 113 Thüringer Gemeinden mit einer Einwohnerzahl von unter 500 Menschen zeigt, dass Einkaufsmöglichkeiten im eigenen Dorf eher die Ausnahme bilden.

Nur sechs von 113 Gemeinden verfügen etwa über einen Supermarkt direkt im Ort (knapp über 5 Prozent). In mehr als der Hälfte der Ortschaften von A wie Abtsbessingen bis W wie Wolferschwenda müssen die Einwohner 15 Minuten oder mehr mit dem Fahrzeug oder öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen um einen Supermarkt zu erreichen (60 Prozent). Die übrigen 40 Prozent der Gemeinden haben eine Kaufhalle in fünf oder nur wenig mehr Minuten Fahrtzeit Entfernung.

17 Prozent der Orte verfügten über mindestens ein Fachgeschäft auf eigenem Gebiet. Etwas besser sieht es hingegen bei den Zahlen von ortsansässigen Cafés und Gasthäusern aus. In dieser Kategorie melden die Bürgermeister aus 51 Gemeinden solche gastronomischen Angebote. Das entspricht circa 45 Prozent.

Da es aus drei Viertel der ­Gemeinden heißt, es müssten mindestens 15 Minuten bis zum nächsten Café gefahren werden und das Gleiche bei 70 Prozent auch für das nächstgelegene Restaurant gilt, kann es sich bei vielen dieser Einrichtungen nur um die klassische Dorfkneipe handeln. Gesellige Landbewohner erreichen in 64 Prozent der Fälle in fünf ­Minuten oder nur etwas mehr Fahrtzeit eine Kneipe.

Und wenn gar nichts mehr hilft, stellt die Tankstelle oft die letzte Rettung dar – sei es für ein paar Brötchen oder einen verschämten Blumenstrauß in höchster Not.

Dafür müssen die Bürger aus 42 von 113 Gemeinden nur fünf Minuten oder knapp darüber mit dem Wagen zurücklegen (37 Prozent). Aus weiteren knapp 58 Prozent der untersuchten Orte benötigen Kunden etwa eine Viertelstunde bis zur nächstgelegenen Zapfsäule. Sechs Befragte melden, eine halbe Stunde Fahrtzeit sei nötig, um eine Tankstelle zu erreichen. Unter diesen Bedingungen ist es ratsam, die Nadel der Tankanzeige stets genauer im Blick zu behalten.

Editorial – Nichts los auf dem Dorf?

Mit der Serie „Lust oder Frust? – Leben auf dem Land“ werfen wir in den kommenden Wochen ­einen Blick in die kleineren Thüringer Orte, um zu ­beschrei- ben, wie sich das Leben im ländlichen Teil des Freistaats ausnimmt. Ziel ist es, Entwicklungen zu ­beleuchten, denen sich die Menschen dort gegenübersehen und diese anhand von lebendigen Beispielen und Geschichten zu vermitteln.

356 Thüringer Gemeinden mit weniger als 500 Einwohnern erhielten deshalb einen Fragebogen zu den ­Lebensverhältnissen vor Ort. 113 Bürgermeister haben bis zum Stichtag ihre Antworten eingereicht – herzlichen Dank an alle Beteiligten.

Die Fragen drehten sich etwa um Gebäudeleerstand, die Distanz zum nächsten Schwimmbad oder auch die Qualität des gemeinschaftlichen Zusammenlebens. Die aufbereiteten Daten spielen in den Beiträgen zur Serie stets eine wesentliche Rolle, um eine Einschätzung der Lage zu ermöglichen. Begleitende Kommentare sollen zudem helfen, wenn nötig, strittige Sachverhalte und subjek­tive Wahrnehmungen einzuordnen.